Mittwoch, 26. November 2014

Fundamentalistisch-umstrittene Teddybären

Foto: Maik K.
Manchmal kann man sich an sprachlich-inhaltlichen Affereien, die schließlich zu Mechanismen werden, ja auch wirklich reiben. Seit einiger Zeit scheint es Mode zu sein, in Zusammenhängen, in denen in irgendeiner Weise vom Christentum die Rede ist, das Wort „fundamentalistisch“ im Munde zu führen, (without rhyme or reason versteht sich).

Gleichviel ob von der vereinzelten Kritik an Harry Potter die Rede ist, vom Marsch für das Leben („die bisher machtvollste Demonstration fundamentalistischer Christen“), von den Mitfeiernden bei einer Heiligen Messe in der außerordentlichen Form, die womöglich auch noch Mantillen getragen haben, von der Aktion Weihnachten im Schuhkarton („dahinter steckt eine christlich-fundamentalistische Organisation“. Sehr verehrter Leser, wie überaus furchtbar!)  oder gar von Anders Behrens Breijvik, einem Massenmörder, es muß immer alles „fundamentalistisch“ sein. Wenn es nicht fundamentalistisch ist, dann ist es zumindest „umstritten“. Oder beides! Eine interessante Variante, die mir neulich begegnete: „nicht völlig unumstritten“. Also, das nenne ich wirklich mal Worddropping: wer oder was auf der Welt dürfte denn „völlig unumstritten“ sein? Schmetterlinge vielleicht, die Kühe auf der Wiese schon nicht mehr. Schon aber hat man das Wort „umstritten“ erfolgreich untergebracht. Vielleicht wird mancher Schreiber auch nach Wortzahl bezahlt.

Fundamentalistisch und umstritten, die neuen Geschmacksverstärker? Weil sich das folgende dann besser – oder gruseliger – liest?

Daran, daß man als Christ, vor allem wohl als Katholik, gelegentlich als „Fundamentalist“ bezeichnet wird (durchaus nicht nur von der taz oder der Berliner Zeitung) kann man sich zwar gewöhnen, es gibt Schlimmeres, zumal das, was assoziativ an den Begriff „fundamentalistischer Christ“ geknüpft wird, ja durchaus variieren mag. Auch Huhn meets Ei macht sich dazu Gedanken. Für die einen ist man schon Fundamentalist, wenn man sich beim Kommunizieren hinkniet oder findet, daß es einen Grund hat, daß unsere Kirche die römisch-katholische genannt wird, für andere erst etwa, wenn man freiwillig keinen Strom bezieht und mindestens vierzehn Kinder hat, Ackerbau betreibt und wadenlange Röcke zum Gebetshäubchen trägt (wogegen ich sämtlich nichts gesagt haben will, sondern nur, daß es sich assoziativ für manche damit verbindet).

Letztlich ist fundamentalistisch damit allerdings zur Worthülse geworden. Wenn einem gar nichts anderes einfällt, dann eröffne man entweder mit „der (die, das) umstrittene…“ (irgendwer streitet immer) oder mit „der (die, das) (christlich-)fundamentalistische…“ – irgendein Fundament wird sich schon finden. Wo nicht, hat derjenige auf Sand gebaut.

Zurück zu Weihnachten im Schuhkarton: auch die evangelischen Freikirchen können ja mal eine gute Idee haben. Abgesehen davon, daß ich selbst einen Schuhkarton mit Geschenken drin erst einmal für einen Schuhkarton mit Geschenken drin halten würde: Ist jetzt Mission auch schon pfui-bäh? Mir ist, als hätte Jesus so etwas gesagt wie: Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern.

Zu Weihnachten im Schuhkarton habe sich „hinter vorgehaltener Hand“ das hiesige Erzbistum kritisch geäußertAuf seiner Facebook-Seite nimmt es sogar die Hand vorm Mund weg, was auch nichts besser macht. Ich werde permanent das Gefühl nicht los, daß da einfach Leute um ihre Spenden besorgt sind. Das in der „Expertenkritik“ (Experte für was, für Schuhkartons?) hier angeführte Beispiel fand ich seinerzeit schon unsäglich. In dem mit dem weihnachtlichen Schuhkarton verteilten Heftchen ist unter anderem ein Junge zu sehen, „der gesteht, ein Sünder zu sein und falsche Entscheidungen getroffen zu haben, bevor er dank seiner Hinwendung zu Gott wieder auf den Pfad der Tugend findet.“ Einer der Experten fand das „zu simpel“. Lieber Herr Seegers, genau darum geht es beim Empfang des Bußsakramentes. So einfach können Dinge sein. Im übrigen heißt es an der entsprechenden Stelle des Heftes:
„Um Gott besser kennenzulernen, sprich mit ihm im Gebet und lies in seinem Buch, der Bibel.“
Ich frage mich, ist daran irgendetwas auszusetzen? Herr Seegers hat mich übrigens schon vor drei Jahren nachhaltig durch seine rhetorische Frage verärgert, ob afrikanische Kinder mit Teddybären überhaupt spielen könnten (weshalb man ihnen im Zweifelsfall lieber überhaupt keinen schenken sollte, nicht daß er sie am Ende noch verdirbt…) Also, ich hab ja selten sowas Freudloses gelesen. Wenn ich mich bis dahin noch nicht an der Aktion beteiligt hätte, nun grade. Heute schaff ichs noch.

Kommentare:

Bastian (Sierra Victor) hat gesagt…

LIKE!

Frischer Wind hat gesagt…

Wie wahr und traurig...

Cassandra hat gesagt…

Als ich mal Wweihnachten im Schuhkarton mitmachte, gab ich es bei der Apotheke ab- die waren Sammelstelle. Und der Karton durfte ausdrücklich nichts religiöses drinne haben weil die Kartons auch in Länder kommen sollten, in denen der Besitz christlicher Bilder oder ähnlichen entweder staatlich bestraft würde oder zu Problemen führen kann (wie zB Pakistan). Also packten wir die empfohlenen, äußerst vernünftigen Geschenke (Hygieneartikel, Stifte, Malblock, Aufkleber, Stofftier und ich glaube Gummibären ohne Gelantine oder so was).

Ich fand das imemr eine gute Idee. Nur das ich hier noch keine Sammelstelle gefunden habe.


Zumindest indische Kinder können übrigens mit Teddybären spielen. Bauklötze und Malbücher funktionieren auch. Die Frage, ob afrikanische Kinder mit Teddies spielen können, grenzt ja schon an Rassismus.


Wir hatten ja in Bremen vor ein paar Jahren das"Christival", eine evangelikale Großveranstaltung. dabei konnte man sehen, wie die Bremische Kirche sich von sich selber distanzierte. Das ist, wenn man es mit Humor sieht, ziemlich komisch. Ansonsten ist es traurig, wie arg man dauernd mit Distanzieren beschäftigt ist.

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