Sonntag, 2. November 2014

Allerheiligen und Allerseelen

Ich finde es immer höchst angemessen und freue mich auch (weil ich das Lied mag), wenn zu Allerheiligen Eine große Stadt ersteht gesungen wird, denn das Lied wirft mit seinen endzeitlichen Bildern ein Licht darauf, wieso Allerheiligen ursprünglich ein Fest war, das in der Osterzeit gefeiert wurde. Die Stadt, die vom Himmel niedergeht, die weder Sonne noch Mond braucht, weil Christus ihr Licht ist, erstreckt sich bis hierher auf die Erde. Wir gehören mittelbar schon zu ihr, wie auch die zu ihr gehören, die uns bereits vorausgegangen sind, bezeichnet mit dem Siegel des Glaubens, wie es im Hochgebet heißt, die aber noch der Läuterung bedürfen. Die innige Verbindung von Allerheiligen und Allerseelen empfinde ich in jedem Jahr deutlicher.

Neben der Präfation mag ich besonders das schlichte und gläubige Vertrauen der Kirche, das aus den Worten des Tagesgebets spricht: Erfülle auf die Bitten so vieler Fürsprecher unsere Hoffnung und schenke uns dein Erbarmen. Unsere Hoffnung ist die, dort anzukommen, wo sie bereits sind, in der unmittelbaren Anschauung Gottes.

Alles im Leben Christi, der Gott ist und Mensch geworden ist, um unseretwillen, will uns zur Heiligkeit hinführen, von der Verkündigung und Menschwerdung bis hin zu seiner Auferstehung, Himmelfahrt und der Sendung des Heiligen Geistes. Die Kirche, die er begründet, die Sakramente, die er selbst gestiftet hat, sollen uns zur Heiligkeit hinführen.

Der orthodoxe Bischof Anthony Bloom führt den Unterschied zwischen einem Heiligen und uns darauf zurück, daß er sagt, daß diese heilig sind, weil sie sich, nachdem sie gesündigt hatten, immer aufrafften, bereuten und es von neuem versuchten, bis sie schließlich die Heiligkeit erlangten, während wir nur allzuoft aufgeben. Ich stelle mir das bildlich vor, daß man liegen – oder meinethalben stehen – bleibt, wo man ist, entweder, weil es einem da im Grunde gefällt oder weil man denkt, nun sei es genug. Die Antwort auf die Frage, wenn dieser oder jener es konnte, warum nicht auch ich?, ist womöglich einzig darin zu finden, daß er oder sie sich immer wieder aufgerafft hat – und ich? Der Weg ist klar. –

Nach diesen hehren Gedanken entschwebte ich gestern abend in das Pontifikalamt zu Allerheiligen, in dem (zumindest für mich) dann prompt leider wenig Andacht zu finden war. Der Kirchenchor hatte sich anscheinend vorgenommen, Mozarts Krönungsmesse unmittelbar vor dem Gottesdienst und bis zum letzten Glockenläuten noch so oft durchzusingen, daß es mir im Amt dann so vorkam als hörte ich dieselbe schreckliche Platte zum fünftenmal oder sie sei hängengeblieben. Wirklich schlimm und eben daher der Andacht abträglich war es, daß sich das Amt im Grunde ausnahm wie ein Konzert mit liturgischen Elementen. Das Gloria schloß sich unmittelbar an das Kyrie an, ohne ein Ehre sei Gott in der Höhe des Zelebranten und auch ohne daß sich irgendjemand wenigstens zwischendurch einmal von den Sedilien erhoben hätte. Entspannt (oder vielleicht auch wider Willen verspannt) saßen die Zelebranten und der Diakon da und lauschten, selbiges wiederholte sich dann noch einmal, als uns Chor und Solisten konzertant vortrugen, was wir glauben, woraufhin natürlich auch die Gemeinde sitzend zuhörte. Und das an Allerheiligen, wo das große Credo so wundervolle Worte wie Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt geboten hätte. Zum Ausgleich sang der Chor dafür später zur fühlbaren Überraschung zumindest der Ministranten nur das halbe Sanctus. Ich möchte solche Betrachtungen nicht immer damit abschließen, daß ich mir für nächstes Jahr um diese Zeit etwas anderes überlege, in der Tat denke ich aber immer öfter daran. Andererseits, wer weiß, wie es nächstes Jahr um diese Zeit aussieht? Ein gewisses Highlight war die Predigt des apostolischen Nuntius Eterović, die ich als angenehm konservativ empfunden habe – der Erzbischof predigte über die Berufung des Menschen zur Heiligkeit.

Heute sah es dann andachtsmäßig und liturgisch schon viel schöner aus, das lateinische Hochamt gehört mit zu den besten Dingen an Allerseelen; der Zelebrant hat eine gute Stimme und singt auch gern. Aus irgendeinem Grund hatte ich indes das unbestimmte Gefühl, daß die meisten Anwesenden irgendwie mit einer anderen Messe gerechnet hatten, auch wenn nun auf dem Handzettel darauf hingewiesen wird, daß die lateinischen Akklamationen und Gebete im Gotteslob stünden, blieb die Gemeinde seltsam stumm und schien sich auch über die Gräbersegnung in der Unterkirche eher zu wundern.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Eine Predigt über die Berufung zur Heiligkeit mag konservativ wirken, der Inhalt hingegen war, ist und bleibt revolutionär! :-)

Braut des Lammes hat gesagt…

D'accord.

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