Montag, 10. November 2014

25 Jahre später: Mauern – solche und solche

Am vergangenen Wochenende blieb vor allem wegen des Streiks der Lokomotivführer, der mir unter anderem eine eineinhalbstündige Anfahrt zur Kathedrale bescherte, wenig Zeit und Kraft für tiefsinnige Betrachtungen, auch wollte ich an diesen Tagen natürlich so viel wie möglich unterwegs sein. (Im übertragenen Sinne war ich das dann auch: bedenke wohl, worum du bittest, denn es könnte dir gewährt werden ;) So kam es jedenfalls, daß ich am Abend des 8. November völlig erschossen aufs Lager sank, nachdem ich am frühen Abend dem schieren Erdrücktwerden in der U2 nur mühsam entgangen war.)

Ein bewegender Moment war das Pontifikalamt der Deutschen Bischofskonferenz zum Dank für den Fall der Berliner Mauer, nach guter liturgischer Tradition am Vorabend[1] gefeiert – es war proppvoll, so viele Menschen waren gekommen, Gott für dieses Ereignis, das unsere damaligen Bischöfe ein Wunder nannten, zu danken. Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen erklang es dann auch. …der große Dinge tut, an uns und allen Enden ist für ein solches Ereignis höchst angemessen.

Auch den Gang an Teilen der Lichtinstallation entlang habe ich als schön empfunden. Im Vorfeld hatte ich mich mit jemandem unterhalten, der die Ankündigung der Aktion auf der U-Bahn-Station Fehrbelliner Platz gesehen hatte und mich fragte, was das bedeuten solle? Später im Zug haben wir dann noch Erinnerungen an die Nachwendezeit in Berlin und die schöne Stimmung bei Christos Reichstagsverhüllung ausgetauscht. In der Tat konnte man bei der Installation mit dem Luftballons erstmal fragen, ich denke aber, die Gewaltlosigkeit und die Macht jenes Umbruchs sind durch diese leuchtende und durchlässige zweite Mauer, bei der man ohne weiteres von hüben nach „drüben“ konnte, gut symbolisiert worden. Ich hatte vorher allenfalls gedacht, die Ballons schweben alle gleichzeitig los, so daß die Mauer quasi nach oben abhebt, aber nacheinander war natürlich auch in Ordnung.

Ich habe Berlin noch als geteilte Stadt kennengelernt, nicht bei einer der obligatorischen Fahrten nach Berlin, wo man wie eine Schafherde zum versperrten Brandenburger Tor getrieben wurde, sondern ich habe einige Zeit in ihr gelebt. Das versperrte Brandenburger Tor und gelegentliche Blicke auf die Mauer hatte ich dann später. Seinerzeit sah ich einen Film von Ingrid Oppermann über den seit kurzer Zeit in der Stadt bestehenden Karmel und schrieb an die Priorin; so reiste ich im Vorfeld diverse Male durch die Transitzone, um ein Wochenende oder ein paar Wochen im Kloster zu verbringen. Von Berlin habe ich bei diesen Gelegenheiten naturgemäß kaum etwas gesehen, jedenfalls die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, deren beruhigendes Blau ich immer noch liebe, und eben, wenn ich mich recht erinnere, auch das Brandenburger Tor.

In Erinnerung geblieben sind mir von diesen Fahrten auf der Transitstrecke über Büchen vor allem die Ausweiskontrollen, bei denen man immer etwas nervös war, und der Moment, in dem der Zug in Staaken eine ganze Weile hielt und es hieß, nun suchten Hunde unterm Zug nach potentiellen Republikflüchtlingen. Einmal konnte ich bei der Kontrolle meinen Ausweis nicht finden und geriet daraufhin in gelinde Panik. Ich stellte mir schon vor, wie man mich dabehielte und in der DDR zwangseinbürgerte. Schließlich fiel mir ein, daß ich während der Fahrt das Abteil gewechselt hatte. Im vorigen Abteil lag der vermißte Ausweis dann unter dem Sitz. Alles in Ordnung und ich blieb Bürgerin der BRD – der Grenzer war bei dieser Aktion wesentlich ruhiger als ich, wahrscheinlich weil er gar nicht vorgehabt hätte, mich zu verhaften.  Auch mußte man sich nach solchen Fahrten wegen des allgegenwärtigen Geruchs nach Lysol immer von Kopf bis Fuß umziehen und möglichst auch die Haare waschen, trotzdem ist man mit Reichsbahn und Mitropa meines Dafürhaltens zu jeder Zeit besser und gemütlicher gefahren als heutzutage mit dem ICE und seinen eiskalten Turboröhren.

Als ich das erste Mal zu Gast im Karmel war, kam ich gerade zum Stundengebet zurecht (den Weg zum Chor an der Goldwand hinter der Pietà vorbei habe ich eher durch Zufall gefunden  – kann man oder kann man da jetzt nicht reingehen?) und stellte meine Reisetasche daher in der Vorhalle ab. Die empfangende Schwester war darüber später mittelschwer entsetzt, in einer Stadt wie Berlin könne man sowas nicht machen. Aha.

Eine der eindringlichsten Erinnerungen habe ich an die Fahrt, an deren Ende ich dann eintrat (ein Freund fuhr mich mit Sack und Pack und mit dem Auto), wie ich einem Grenzsoldaten zuwinkte, der unterwegs irgendwo postiert war, und er winkte wie wild zurück. Später, als die Mauer dann gefallen war, habe ich noch oft an diesen jungen Soldaten gedacht und was wohl aus ihm geworden ist? Auch gab mir diese Fahrt reichlich Gelegenheit, die Transitstrecke einmal anders zu studieren und so wundervolle Werbeplakate wie „Plaste und Elaste aus Schkopau“ von Angesicht zu Angesicht zu bestaunen.

Ein Teil des Konventes war in Ostberlin, da die Schwestern dort eingetreten waren, und so treckte die Priorin mit der Novizenmeisterin hin und her, gelegentlich nahm sie auch andere Schwestern in den Osten mit, schließlich war das als ein Konvent gedacht. Gestaunt haben, wir, die wir eigentlich fast alle aus Westdeutschland, aus der Schweiz oder von noch weiter her stammten, bei solchen Gelegenheiten über die unglaublich schlechte Qualität ohnehin einfachster Lebensmittel wie etwa Margarine, und dabei galt es noch, die Gefühle der Mitschwestern, die froh waren, uns damit bewirten zu können, nicht zu verletzen.

Zu bestimmten Anlässen, wie etwa einer feierlichen Profeß, durfte jeweils nach aufwendigem vorherigen Genehmigungsverfahren dann eine Schwester aus dem östlichen Konventteil herüberkommen. Den Grenzern waren die Nonnen suspekt (was Wunder!) und sie machten sich ein Vergnügen daraus, die in erkennbar ärmlichem Habit daherkommenden Sandalenträgerinnen genau zu filzen, ob sie nicht etwa goldbemalte Ikonen, eine Statue des hl. Antonius oder doch wenigstens subversive Bücher in ihren Jutesäcken oder unter ihren Skapulieren mit sich herumtrugen. Als bei einer solchen Grenzkontrolle einmal die Novizenmeisterin mit wahrnehmbarer Ironie dem Grenzer ein paar sichtlich gut getragene Ledersandalen entgegenstreckte, hatten auch wir einmal ein Vergnügen.

Dennoch blieb das beständige Gefühl, von einer Grenze umgeben zu sein, sogar an einem derart abgeschiedenen Ort, der selbst von Mauern umgeben ist. Der Unterschied liegt wohl in der Art der Mauer. Hinter der einen bleibt man freiwillig, hinter die andere wurde man gepreßt. Für die Menschen in der geteilten Stadt zu beten war einer der Gründe, warum die Karmelitinnen aus Dachau gerade in Berlin eine Neugründung errichtet hatten. Zu meinen ersten Arbeiten im Postulat gehörte die Verzierung von Kerzen, die das Motiv des geteilten Berlin trugen, mit Grenze und Stacheldraht aus Wachsplatten ausgeschnitten. Diese Kerzen brauchte man einige Zeit später dann so gar nicht mehr und niemand hat ihnen wohl nachgetrauert. Auch das Haus im Osten gab es schon bald nicht mehr, die Schwestern zogen in den Konvent, zu dem sie eigentlich gehörten. Den Niedergang des DDR-Regimes und die Vereinigung ihrer Schwestern zu einem Konvent an einem Ort hat die damalige Priorin, Sr. Gemma Hinricher, wiewohl bereits schwer krank, noch erleben dürfen. Auch dafür sei Gott gedankt.

25 Jahre danach bin ich eigentlich immer noch voller Staunen darüber, daß es dieses Wunder gegeben hat.

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[1] wenn auch verwirrenderweise nicht im Weiß des Weihetags der Lateranbasilika oder etwa einer Votivmesse, sondern in Grün und zum 32. Sonntag im Jahreskreis. Dabei hätte ersterer den letzteren glatt gestochen. Das bescherte uns aber immerhin das endzeitliche und schöne Evangelium von den zehn Jungfrauen.

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