Dienstag, 7. Oktober 2014

Freiheit – Weihbischof Weider bringt es auf den Punkt

Für unseren Weihbischof emeritus müssen wir Gott danken. Wenn er predigt, tut er das immer so schlicht und klar, daß ihn eigentlich auch ein zwölfjähriges Kind verstehen würde. Bei der Begegnung mit einem portugiesischen Ehepaar, das vom Weihbischof in einer eigenen kleinen Feier gesegnet wurde, bei der ich dolmetschen durfte, gab es einmal einen rührenden Moment, als ich dem Ehepaar vorher über den Weihbischof sagte (in der Meinung, dieser spräche gar kein Englisch) „This is our auxiliary bishop. He is very good“ und der Weihbischof ganz bescheiden und freundlich lächelnd dazu sagte: „I am auxiliar“.

Auf Fotos sieht man ihm schon am Gesicht an, wie gut er ist. Der Bischof fährt übrigens seit Jahr und Tag mit der U-Bahn und trägt sein überaus schlichtes Pektorale schon auch einmal in einer Pralinenschachtel mit sich herum, auch ohne daß die Medien darüber schrieben.

Hier bringt er es wieder einmal auf den Punkt, wenn er über die Freiheit des Menschen, insbesondere über die nach der Wiedervereinigung Deutschlands wiedergewonnene Freiheit sagt:
Wenn wir nun auf die vergangenen 25 Jahre in der Geschichte unserer Stadt und unseres Volkes zurückschauen und auf die neugeschenkte Einheit Berlins und unseres Landes, müssen wir bekennen: Du warst auch uns sehr gnädig, barmherziger Gott. Wir hatten uns so oft gefragt, ob die Mauer wohl einmal fallen wird und wenn das wirklich geschehen sollte, wann und wie das sein wird, wenn sie einmal fällt und ob wir es noch erleben? Es schien uns allen in weiter Ferne – und plötzlich war es da – über Nacht – ohne Blutvergießen - ganz anders als wir es gedacht oder befürchtet hatten. Die Bilder von der Nacht jenes unbegreiflichen 9. November 1989 zeigen in bewegender Weise, wie sich der Traum einer ganzen Stadt, ja eines ganzen Volkes erfüllte – wir konnten wieder zu einander. Wir fielen uns in die Arme und entdeckten, daß wir trotz der langen Zeit der Trennung doch Brüder und Schwestern geblieben waren. Wir waren glücklich, daß wir uns wiederhatten und miteinander neu beginnen konnten, wenn wir uns auch mit der Zeit erst gegenseitig auf vieles Neue im Leben des anderen einstellen mußten.

Wenn wir ehrlich sind: Wir haben uns in den vergangenen Jahren an dieses große Geschenk gewöhnt, als sei es etwas Selbstverständliches. Aber nach all dem, was voraus gegangen war, müssen wir sagen, es ist nicht selbstverständlich, und wir müssen es vor einander immer wieder bezeugen: wir haben die gütige Hand Gottes gespürt, der uns herausgerissen hat aus aller Ausweglosigkeit und Verzweiflung, in die uns die Diktatur der roten Machthaber geführt hatte. Darum müssen wir heute Gottesdienst feiern über die Grenzen von damals hinweg. Wir müssen zusammen kommen als Kinder des gemeinsamen Vaters im Himmel, dem wir das Wunder verdanken. Wir haben zu danken, zu feiern und zu beten. Denn wir sind beschenkt, verbunden und geborgen. Beschenkt mit der Freiheit, verbunden in der Erfahrung als Brüder und Schwestern zusammen zu gehören und geborgen in der Hand Gottes, dessen Allmacht und Güte wir erlebt hatten. Wir danken Gott, weil er uns beschenkt hat mit der Freiheit.

Wir hatten erfahren, was es heißt, ständig kontrolliert oder überwacht zu werden. Wir hatten erlebt, wie sehr Menschen darunter gelitten haben, nicht mehr die nächsten Angehörigen besuchen zu können und daß sie mit dem Tode spielten, wenn sie es eigenmächtig doch versuchten. Und mancher bekam auch Erniedrigung und Gefängnis zu spüren, wenn er sich nicht als linientreu erwies. Wem aus diesem Grund die Freiheit genommen wird, dem wird die Würde des Menschseins genommen. Vielen wurde sie damals in unserem Land genommen. Gott hat sie uns wieder geschenkt, und dafür haben wir zu danken.

In diesem Zusammenhang müssen wir aber auch daran erinnern, daß diese Freiheit heute – sogar hier in Berlin – leider oft schamlos mißbraucht wird. Die Würde des Menschseins besitzen nämlich auch die vielen ungeborenen Kinder, die durch Abtreibung getötet werden. Die Schätzungen in Deutschland liegen pro Jahr über 100 000. Um für diese wehrlosen Menschen einzutreten, ist erst vor wenigen Wochen der „Marsch für das Leben“ durch unsere Stadt gezogen. Papst Franziskus hat sich in einem eigenen Schreiben mit den Teilnehmern dieser Aktion solidarisch erklärt. Doch der Marsch hat in unserer Stadt viele haßerfüllte Gegendemonstranten auf den Plan gerufen, die erstaunliche Unterstützer selbst in den höchsten Kreisen der etablierten Parteien fanden. Diese fanatisierten Verfechter für das Recht auf die Tötung ungeborener Kinder haben sich zu massiven Beschädigungen von Kirchenfassade und Pfarrsaal der Herz-Jesu-Pfarrei in Berlin-Mitte hinreißen lassen, wo der Bundesverband Lebensrecht seinen Sitz hat. Für diesen Mißbrauch hat uns Gott die Freiheit unserer Stadt und unserem Land nicht geschenkt.

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