Samstag, 4. Oktober 2014

Der hl. Franziskus und der göttliche Glanz

Zwei Jahre bevor Franziskus seine Seele dem Himmel zurückgab, weilte er in einer Einsiedelei, die nach dem Ort, wo sie gelegen ist, Alverna heißt. (Thomas von Celano, Leben und Wunder des hl. Franziskus

Auf diesem Bild des hl. Franziskus in Ekstase gibt es ziemlich viel zu entdecken. Es zeigt die Stigmatisation des Heiligen, die sich im September 1224 ereignete, als sich der hl. Franziskus auf den Berg Alverna zurückzog, um sich dort durch Gebet und Fasten auf das Fest des hl. Michael vorzubereiten.

Mich hat das Bild ein wenig an Elija erinnert, wie er am Eingang der Höhle steht und der Herr ist nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern im sanften, leisen Säuseln. Von diesem Bild der Stigmatisation kann wohl ähnliches gesagt werden, der Herr naht sich im Säuseln des Windes und in einem stillen Glanz (man achte auf den Lorbeerbaum), ein Glanz, der so intensiv ist, daß der Heilige einen deutlichen Schatten wirft, der in den Eingang seiner Klause fällt. Dieser stille Glanz scheint das ganze Bild zu erfüllen und zu beleben.



Die Tiere im Hintergrund, ein Kranich, ein Esel und auch ein kleiner Hase, der unterhalb der stigmatisierten Hand seinen Kopf aus dem Baus streckt, auch einige der Schafe des Hirten, er selbst und sein Hund, scheinen gleichsam kontemplativ in das Geschehen versunken. Vorn im Bild ein Dornbusch, in dessen Ästen sich ein Zettel, der die Signatur des Malers Bellini trägt, verfangen hat, rechts im Eingang zur Höhle ein Ambo mit dem Stundenbuch (die Regel sah vor, daß die Minderen Brüder Stundenbücher haben durften), vielleicht auch ein Evangeliar. Der Schädel zu Füßen des Kreuzes erinnert an den Schädel Adams auf Golgotha, zugleich an die Endlichkeit allen Seins; ein Gegenstück zum Lorbeer, aus dem der Kranz des Sieges und des ewigen Lebens gewunden wird.





Ein interessantes Detail sind die Sandalen des Heiligen, der ja eigentlich ein Barfüßer war: ziehe deine Schuhe von den Füßen, denn der Ort wo du stehst, ist heiliger Boden. Schaut man genauer hin, findet man auch Wasser und Weinreben, die Symbole der Eucharistie und der Taufe, wie des Leidens und Sterbens Christi, deren Male der Heilige empfängt.

Kommentare:

peccator quidam hat gesagt…

Salve, liebe Braut des Lammes!

Es erstaunt mich immer wieder, wieviel Du in so vielem zu entdecken vermagst -- sei es auf Bildern, in der Welt oder in Geistigem. Bitte mehr davon, ich lese das stets mit besonderem Genuß!

Die Sandalen des Heiligen sind eigentlich keine Sandalen, sondern sogenannte Trippen, hohe hölzerne Sohlen, die nur mit einer Lederschlaufe versehen unter den eigentlichen Schuhen getragen wurden, wenn man in den stets sehr matschigen und dazu extrem schmutzigen Gassen der Städte unterwegs war, bevor Bürgersteige und Straßenpflaster aufkamen. Trippen waren also kein Komfort, sondern ein wichtiger Hygieneartikel, der die Schuhe -- oder eben die Füße -- vor krankheitserregendem Schmutz und unsichtbar im Straßenschlamm verborgenen Nägeln und Scherben schützen sollte. Noch bis in die sechziger Jahre trug man als Nachfolger Galoschen, Überschuhe aus Gummi, die den ganzen Schuh umhüllen und ihn auch vor Feuchtigkeit und Spritzern von oben schützen. Auch zu meiner Bundeswehrausrüstung gehörten noch Galoschen zu den Springerstiefeln.

Trippen abzubilden war sehr pfiffig vom Künstler, konnte er so doch die Assoziation des heiligen Bodens der Gottesschau evozieren, auf dem man die Schuhe auszieht, und Franz dennoch als Unbeschuhten zeigen. Trippen gehören allerdings eigentlich nur in den städtischen Bereich; auf dem Land oder auf Reise trug man sie nicht.

Eine sehr, sehr ähnliche Einsiedlerhöhle ist übrigens in der Father-Brown-Geschichte "The Fairy Tale of Father Brown" beschrieben. Ob Chesterton sich da von Bellini hat inspirieren lassen?

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke für das freundliche Lob und den Hinweis wegen der Schuhe. Ich wollte an sich den Heiligen nicht etwa des ungerechtfertigten Luxus bezichtigen, es ging mir tatsächlich darum, daß der Maler ihm womöglich die Schuhe quasi nur hingelegt hat, um zu zeigen, daß er sie von den Füßen gezogen hat (Ex 3,5).

Hier (oben) das heutige Modell.

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