Freitag, 26. September 2014

Windhauch, Windhauch – Kohelet und der Marsch für das Leben

Gestern und heute hören wir aus dem Buch Kohelet, das ich sehr mag, Lesungen, die in ihrer Poesie und auch Zeitlosigkeit berühren, so oder so:
Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen. Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll. Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues - aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. …
Ich sah mir das Geschäft an, für das jeder Mensch durch Gottes Auftrag sich abmüht. Gott hat das alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise getan. Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne daß der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wiederfinden könnte.
Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Irgendwie denke ich mir das auch im Zusammenhang mit dem Marsch für das Leben. Da gibt es von Jahr zu Jahr wenig Neues unter Sonne, was man 2011 getan hat, wird man 2014 wieder tun, und ich sehe mir das Geschäft an, für das jeder Mensch sich abmüht.

Manchmal fällt es schwer, dabei nicht zynisch oder bitter zu werden: wenn etwa in der Unaussprechlichen in jedem Jahr aufs Neue nach Marsch ein Gezerre losgeht, welche Informationen und in welcher Form aufbereitet, in den Artikel über diese Demonstration für das Leben einfließen dürfen. Da wird in teils abgelegenen Winkeln versucht, um jeden Preis zu verhindern, daß bestimmte Dinge, nämlich die, über die sich oft auch Medien ausschweigen, in Artikeln stehen dürfen. Das geht beim Abschlußgottesdienst (den man im letzten Jahr virtuell gar zu gern ganz in der Versenkung verschwinden lassen wollte („Der Demonstrationszug endete beim Berliner Dom“) los und hört beim Betatschen von Teilnehmerinnen am Marsch, den Rangeleien zwischen der ZDF-heute-show und dem CDU-Politiker Hüppe, und dem Anschlag auf die Herz-Jesu-Kirche in Prenzlauer Berg noch längst nicht auf.

In solchen Fällen ist die Strategie, da man bestimmte Dinge schlecht ins Land der Einhörner und Fabeltiere verweisen oder auch ungeschehen machen kann, so zu tun, als hätte es sie nicht gegeben (das hat man im übrigen durchaus auch schon mit den Thema Lebensschutz als Ganzes versucht). Wo das schwierig wird, unternimmt man alles, um die berichtende Quelle als für nicht geeignet erklären zu lassen, womit bestimmte Medien wie etwa das Domradio, KNA, idea oder MEDRUM aus dem Rennen sind, aber auch manche Zeitschriften. Man kann über die Junge Freiheit denken, was man will, es ist aber nicht recht einsehbar, wieso diese als Beleg nicht taugen soll, die taz aber doch. Warum nicht idea oder die KNA aber ausgerechnet der hpd? (Die Antwort auf diese Fragen ist natürlich: weil die einen ins Weltbild passen und die anderen nicht. Und weil bestimmte Dinge vielleicht einfach nicht sein können, weil sie nicht sein dürfen.)

In all diesen Fällen ist es übrigens auch gut, wenn unabhängige Blogger berichtet oder sogar fotografiert haben. Blogs werden als Quellen zwar auch nicht akzeptiert, ihre Artikel sind aber im Netz als Wissen verfügbar und ihre Berichterstattung, wie bemerkt, von solcherlei Gezerfel unabhängig.

Nun lese ich bei katholisch.de, daß der Staatsschutz die Ermittlungen zum Anschlag auf die Herz-Jesu-Kirche, bei dem übrigens auch die Kleiderkammer der Kirche für Frauen und Kinder in Not beschädigt wurde, aufgenommen hat. So weit, so schlecht. Im Folgenden aber heißt es:
Polizeisprecher Karsten Müller wollte nicht bestätigen, daß es sich um einen „zielgerichteten Anschlag auf die Kirche“ gehandelt habe. Vielmehr sei der Verein, der die Kirchenräume angemietet habe, wohl Zielscheibe der Täter. Diese Einschätzung teilt der Sprecher des Erzbistums Berlin, Stefan Förner, nicht. „Der Angriff ist auch als Angriff auf die Kirche gedacht“, sagte Förner am Mittwoch im Gespräch mit katholisch.de. Daß der „Marsch für das Leben“ provoziere, sei klar.
An dieser Stelle hielt ich inne, weil mir die Formulierung mit der Provokation vage als so eine Art Türöffner vorkam („Der hat so komisch geguckt, da mußte ich ihm einfach eine reinhauen!“) – immerhin kann das aber so oder so gemeint sein. Einerseits mag es provokant sein, wenn jemand auf ein ungeheueres Unrecht aufmerksam macht; man erinnere sich an die Rede Mutter Teresas vor den Vereinten Nationen, in der sie Abtreibung als den größten Zerstörer des Friedens bezeichnet hat: „Heute werden Millionen ungeborener Kinder getötet, und wir sagen nichts.“

Andererseits: wenn jemand wirklich soviel Provokantes an einem Zug von ein paar Tausend schweigender Menschen (längst nicht genug!) mit Holzkreuzen finden kann, daß er Jahr für Jahr medial und oft genug auch in Formen körperlicher Gewalt derart austickt, muß er nach den Gründen dafür bei sich selber suchen. Oder es muß nach den Gründen dafür bei ihm gesucht werden, nicht bei den Teilnehmern eines friedlichen Schweigemarsches. Schade finde ich übrigens, daß mittlerweile der grüne Luftballon oder das grüne Schild das Holzkreuz weitgehend verdrängt zu haben scheinen. Das Kreuz, auf seine Weise ein Zeichen der Provokation, war in früheren Jahren für den Marsch prägend. Die Teilnehmer des Marsches schweigen eigentlich, sagen aber doch etwas. Aber weiter im Text:
Diese Kundgebung sei aber vielmehr eine Demonstration für das Leben, als eine gegen Abtreibung, sagte Förner. „Es bestätigt sich mein Eindruck, daß der Marsch für das Leben sich entradikalisiert hat und sich jetzt die Gegner des Marsches radikalisieren“, sagte Förner.
An dieser Stelle habe ich mich wirklich gefragt, Herrgott, was fällt euch denn ein? Mit dem ersten Satz hat er sicherlich recht, indes ist auch das nichts Neues unter der Sonne. Anscheinend aber kann es nicht oft genug gesagt werden. Dann aber, man lasse sich das bitte auf der Zunge zergehen: „Es bestätigt sich mein Eindruck, daß der Marsch für das Leben sich entradikalisiert hat und sich jetzt die Gegner des Marsches radikalisieren“. Ich möchte wirklich einmal wissen, wo Stefan Förner diesen Eindruck, jedenfalls den ersten seiner Eindrücke, hernehmen will? Kennt er den Marsch für das Leben? Ist er schon einmal mitgegangen und hat diesen Marsch von innen heraus erlebt, mit dem all dem Haß, der von außen an ihn herangetragen wird, oder hat er einfach einen „Eindruck“, von woher auch immer? Meinem Empfinden – und ich bin bisher jedes Mal selbst dort gewesen und habe berichtet – war der Marsch für das Leben noch nie radikal, weshalb er sich auch nicht ent-radikalisieren mußte, während die Gegendemonstranten, und diejenigen, die sie medial unterstützen, immer schon radikal waren (deshalb wird überhaupt der erhebliche Polizeischutz gebraucht), weshalb diese sich auch nicht erst radikalisieren mußten, sie waren es bereits.

Mit der Sentenz, der Marsch für das Leben sei zudem keine Veranstaltung der katholischen Kirche, weiß ich auch wenig anzufangen. Da wurde ein Anschlag auf eine Kirche – mit Bekennerschreiben aus der linksradikalen Szene – verübt, und zwar in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Marsch für das Leben. Da ist es doch wirklich einerlei, ob das eine katholische, eine evangelische oder eine Sonstwaskirche war! Bestimmten Leuten paßt der Marsch für das Leben nicht, und deshalb haben sie einfach mal prophylaktisch eine Kirchenfassade, Räume dieser Kirche und eine Kleiderkammer verwüstet und brüsten sich jetzt auch noch damit. Mit den Leuten, die sowas machen, stimmt etwas nicht, und zwar ernsthaft, weshalb aus gutem Grund der Staatsschutz ermittelt. Auf Facebook indessen ist der Abgeordnete Hüppe in einen wahren Shitstorm geraten, bei dem er sich allen Ernstes noch anhören darf, es sei schade, daß er nicht ordentlich eins aufs Maul gekriegt habe. So sieht das aus.

Nächstes Jahr gibt es wieder einen Marsch und wißt ihr was: was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Der Schott weiß in Bezug auf Kohelet zu bemerken: Alles ist flüchtiger Windhauch; aber der Mensch allein weiß, daß es so ist, das ist seine Größe und sein Elend.

Kommentare:

Sektionschef Tuzzi hat gesagt…

Beschreie es lieber nicht: Gewisse Frauen sind auf die angesprochenen Artikel seit dem heurigen Marsch doch noch gar nicht wieder aufmerksam geworden -- es ließen sich die relevanten Informationen vielmehr vergleichsweise ungehindert einbauen. Hoffentlich bleibt das so friedlich!

Braut des Lammes hat gesagt…

Hermine. das ist leider ein Irrtum – es gibt manch abgelegenes Hinterstübchen wie etwa das Belege-Fließband, in dem bereits jetzt von irgendwelchen Trabanten Erkundigungen eingezogen werden, was sich dagegen machen ließe. Mit dem Link bin ich eigentlich nicht so glücklich.

Sektionschef Tuzzi hat gesagt…

Hmpf, wäre auch zu schön gewesen!

Das Herausnehmen des Links ist natürlich in Ordnung -- sorry, daß ich ihn gepostet hatte! Damit ich das bei eventuellen künftigen Links bedenken kann: Macht er Dir rechtlich oder aufmerksamkeitstechnisch Bauchschmerzen?

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke für dein Verständnis – eher das letztere, ich möchte auf diesen Sumpf einfach nicht verlinken. Hätte ich es gewollt, hätte ich es getan.

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