Montag, 15. September 2014

Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen – Gedächtnis der Schmerzen Mariens

Unerträglicher als selbst zu leiden, ist es manchesmal (oder immer?), die leiden zu sehen, die man liebt. So offenbart Simeon der Jungfrau Maria schon bei der Darstellung Jesu im Tempel: Dieser ist dazu bestimmt, daß in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.  … Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen. Ein Zeichen zu sein, dem widersprochen wird, in Gefangenschaft zu geraten und zu einem qualvollen Tod verurteilt zu werden, ist sicherlich kein leichtes Schicksal. Zu wissen, warum man etwas durchleidet, mag es in manchen Momenten – in anderen wieder nicht – leichter machen, seinem Kreuz zu begegnen und es buchstäblich anzunehmen.

Als Mutter sehen zu müssen, wie der eigene Sohn schließlich den Tod schmählichen Tod eines Verbrechers erleide, ist womöglich schwerer zu ertragen – ich will hier nicht das eine Schicksal gegen das andere aufwiegen. Daß man der Schmerzen Mariens früher am Freitag vor dem Palmsonntag gedacht hat, ist mir eingängiger als der Tag nach dem Fest der Erhöhung des Kreuzes.

Die umgangssprachliche deutsche Bezeichnung „schmerzhafte Mutter“ kommt mir immer etwas seltsam vor, auch wenn direkt es vom lateinischen Mater dolorosa kommt, an der Gottesmutter selbst ist ja nichts schmerzhaft oder schmerzlich. Die englische Sprache nennt sie daher einfach Our Lady of sorrows, unsere liebe Frau von den Schmerzen.

Manche Mater-Dolorosa-Darstellungen zeigen unsere liebe Frau sinnend oder trauernd vor einer Tafel sitzend, die ihre Leiden darstellt. Und darum geht es: in der Erfahrung des Schmerzes dessen, was es heißt, wenn ein Kind verschwindet und erst einmal tagelang nicht wieder auftaucht – oder vielleicht nie mehr –, die Heimat zu verlieren, fliehen zu müssen und in der Fremde zu leben, die Mutter eines – nach geltendem Recht – verurteilten Verbrechers zu sein, ihn auf dem Weg zur Hinrichtung zu begleiten und ihn schließlich ins Grab zu legen, ist die Mutter Gottes uns nahe. Wie der Sohn Gottes uns dadurch nahe war, daß „annahm, was er nicht war“, Mensch wurde und so erfuhr, was es heißt, ein Mensch zu sein, so ist seine Mutter uns nahe in der Erfahrung dessen, was es bedeutet, Schmerz zu durchleiden.

Vor einiger Zeit habe ich eine Dokumentation über die letzten Tage einiger zum Tode Verurteilter im texanischen Huntsville gesehen: über die Verabschiedung von den Angehörigen, die Bemühungen jener, die versuchten, die Vollstreckung des Urteils abzuwenden, die Wachen und das Gebet derer, die sich gegen die Todesstrafe einsetzen, über den letzten Tag bis hin zu dem Moment, in der Leichnam einer der Verurteilten, den man zuvor noch gesehen hat, seinen Angehörigen im offenen Sarg übergeben wird. Da habe ich an unsere liebe Frau von den Schmerzen gedacht.

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