Samstag, 5. Juli 2014

Vom Verschwinden der Kirchbank (und anderem) – Ausstellung zum Architektenwettbewerb

So kann man es natürlich auch sehen…
Die Ausstellung in der Kathedrale und im Bernhard-Lichtenberg-Haus hab ich zumindest mit einem Gefühl zwischen Verwirrung und teils offener Erheiterung verlassen. Da ich am Mittwoch vormittag ohnehin beruflich in Mitte zu tun hatte, lag das genauere Studium der Entwürfe buchstäblich nahe, ich hatte danach jedoch beim besten Willen keine Lust, noch einen Beitrag zu dieser vergurkten Geschichte zu veröffentlichen.

Um nicht ungerecht zu werden, bei manchem Entwurf fragt man sich schon, warum machen sie es eigentlich nicht so oder so? Zumal einige der Entwürfe, bei denen man sich das fragt, bei weitem weniger in die Substanz eingegriffen hätten oder gar Elemente der „Vorgängerversionen“ – wie etwa die Musterung der Deckenbemalung oder die Medaillons – aufgegriffen haben. Die interessanteren Sachen hab ich übrigens eher im Lichtenberghaus gefunden, das heißt, unter den Entwürfen, die schon in den Vorrunden ausgeschieden sind. Neo Systems etwa setzten auf Raumachsen, Erhaltung möglichst vieler verschiedener Schichten aus der Geschichte der Kathedrale, und wollten unter großflächiger Abdeckung des „Loches“, bei der trotzdem an dieser Stelle der Zugang zur Unterkirche und wohl auch die Altarsäule erhalten geblieben wären, die korinthischen Säulen von Knobelsdorffs wiederherstellen. Das hätte sehr schön und würdig ausgesehen und dürfte wohl auch Schwippert nicht wirklich gestört haben. Wie sich das Ganze zu einer von James Turell innen blau ausgeleuchteten Kuppel ausgenommen hätte, vermag ich auch nicht zu sagen, vielleicht schön und ruhig, wir werden es indes nie erfahren.

Warum also muß es nun ein Entwurf sein, der sowohl grundlegende Veränderungen des Schwippertschen Konzepts, dessen Raumkunst es ja gerade zu „stärken“ galt, als auch neue Fenster, als auch nunmehr eine Bestuhlung vorsieht, um nur einiges zu nennen? Und wenn schon neue Fenster, kann es dann nicht etwas sakral und empfindungsmäßig Ansprechenderes sein als gerade weißes Mattglas vor weißen Wänden? Sowas würde ich nicht einmal im eigenen Badezimmer machen. Von der dräuenden „Vereinfachung“ der Klaisorgel – die mir so schwalbennestartig wie sie ist gerade gut gefällt –, die wohl nur deshalb vereinfacht wird, damit sie das minimalistische Wasser-und-Brot-Konzept nicht stört, noch gar nicht zu reden.

Das Gefühl der leichten Verwirrung kam von einer überreichlichen Präsentation der Ideen, was alles man aus Sicht der Architekten anstelle des eigentlich Naheliegenden – des Tabernakels – ins Zentrum oder buchstäblich in die Mitte einer Kirche stellen kann, was zu der Frage führt, wer oder was hier eigentlich angebetet und verehrt wird? Sei es ein kreisrundes oder unregelmäßig geformtes Loch, eine Art Tresen, merkwürdige Elemente wie aus Erichs Lampenladen, die Arche Noah, ein Baum, das Grab Bernhard Lichtenbergs (beten wir jetzt den sel. Bernhard Lichtenberg an?), ein Taufbecken, einen orthodoxen Kerzenständer oder ausgerechnet einen runden Altar, der eher an eine Schüssel oder an einen dieser Steintische an Raststätten erinnert (Verzeihung!). Zugleich wurde man die Frage nicht los, warum sie einen Kirchraum eigentlich unbedingt so sehr wie eine Abflughalle aussehen lassen wollen? Hineinmontierte Bilder von Priestern und Ordensschwestern mit kofferähnlichen Aktentaschen machten diese Ähnlichkeit auf gruselig anmutende Weise deutlich.

Einer der dritten Preise, mit leicht „betrunken“
 wirkenden Wänden : warum nicht?
Zeitweise Erheiterung kam wiederum – wenn es nicht alles so furchtbar wäre – von anderem: bei einem der Entwürfe mußte ich unwillkürlich an das Abflußloch in der Spüle denken. Ich wage zu behaupten, würde man noch einen übergroßen Stöpsel an einer Kette danebenlegen, wäre die Ähnlichkeit vollkommen.

Bei gleich mehreren Entwürfen hatte man das Gefühl, unversehens nach Maria Regina Martyrum gelangt zu sein, mit einigen im Schneidersitz meditierenden Buddhisten vor dem Kreuz. Ein Entwurf bietet in einer eher labyrinthischen Anordnung einen Hortus conclusus, für wen weiß man nicht, für den Dompfarrer vielleicht, verschlossen ist er halt, der Garten.

Einige der Entwürfe spielen mit Lichteffekten in der Kuppel, einer hat bei Pei geklaut, vielleicht, weil das Zeughaus nicht weit ist und auch der Bundestag nicht. Warum dabei die Achse mit dem Turmkreuz schief geriet, offenbarte sich mir nicht. Einer stellte einen Campanile auf den Hof, der wiederum stark an Regina Martyrum erinnerte, vielleicht weil er reichlich gedenkstättenmäßig ausgefallen ist. Andere Konzepte warten mit merkwürdigen, auch orthographisch zweifelhaften Sentenzen auf, wie etwa „der sich offenbarende Kelch“ oder „die Muttergottes im Gegenüber der emporgehobenen Hostie auf der neu eingeführten Empore“ und „poetisch in den Innenraum geschichtetem“ Licht. „Volksnah“ schien hier ein wichtiges Stichwort, denn neben der Kirche sollten dies auch die Empore und der Tabernakel sein. Dieses Konzept hatte übrigens doch tatsächlich den Tabernakel in der Mitte.

Die Hedwigskathedrale als Pei-Bau
(Woran ich da gedacht habe, verrate ich nicht. Was habt
btw eigentlich für Probleme mit der Geometrie?)
Das Runde muß ans Eckige
„Minimalinvasiver“ Vorschlag mit zentraler
Anordnung auf das Wesentliche hin. Über die Fenster
hätte man nochmal reden können.
… etwas monochrom vielleicht, aber mit gerade
ausgerichteten Bänken zum Altar hin.
Kathedralgelände mit „Hortus conclusus“

Interessant fand ich einen der beiden dritten Preisträger: die geschwungenen Wände wirken zuerst zwar ein wenig betrunken und hätte sicherlich die Opferung der Säulen bedeutet, der Fokus ist jedoch eindeutig nach vorn, auf Kreuz, Altar und Allerheiligstes gerichtet. Fast jeder Entwurf sah übrigens mindestens eine Altarstufe und Kirchbänke vor, der preisgekrönte hat Stühle und nivelliert den Altarraum auf den ebenen Kirchenboden. Warum?

noch ein „minimalinvasiver“ Entwurf, mit
Wiederherstellung der Deckenmedaillons und der Säulen.
Die Bogenfenster wären offenbar geblieben wie sie sind.
Der Tagesspiegel sinniert derweil über das Verschwinden der Kirchbank aus der Hedwigskathedrale: „Theologen finden das zeitgemäß und richtig“. Ah, knien ist nicht zeitgemäß, und vor allem anderen gilt es natürlich, „zeitgemäß“ zu sein. Ich würde sagen, Knien ist völlig zeitlos. Welche Theologen habt ihr denn gefragt? Und, über einen der beiden Architekten des Gewinnerentwurfs: „er war es, der die Bänke rausgeworfen hat“. Na bravo! (Wieso mußte ich bei „Er wars!“ eigentlich hieran denken?) Noch stehen sie übrigens, die Bänke. Noch. „Er“, der es also war, ist übrigens Leo Zogmayer, seines Zeichens Architekt und Kirchbankrausschmeißer. Wo er einmal dabei ist, eröffnet Herr Zogmayer dem Leser auch ungeahnte Perspektiven auf einen simplen Stuhl, wie er in jeder Konferenzhalle stehen könnte:
„Der Stuhl ist eher als liturgisches Objekt konzipiert. [dazu ein herzhaftes: was für ein Blafasel!] Der einzelne Stuhl ist gleichsam ein Platzhalter für ein Individuum.“ „Für jeden Menschen ein Platz, wenn man so will“. 
Einen Platz für jeden Menschen, das hat es so zuvor in Hedwig natürlich noch nie gegeben! Abgesehen von allem anderen möchte ich Herrn Zogmayer einmal bei der Christmette sehen (oder einer Weihe, einem Pontifikalrequiem oder, oder…), wenn das bisherige „wir rutschen zusammen“ sich in ein „Du kummst hier net rauf“ verwandeln wird, weil auf einem solchen „liturgischen Objekt“ eben immer nur einer sitzen(!) kann. Oder nehmen die Gläubigen dann jeweils noch jemanden auf den Schoß? Die Unterkirche, in der die Gläubigen künftig statt um den Tabernakel ums Taufbecken sitzen(!) werden, bietet meines Wissens nach Planung von Herrn Z. übrigens nur Platz für etwa vierzig solcher „liturgischen Objekte“. Es kommen aber schon zu den Abendmessen unter der Woche oft schon wesentlich mehr Leute und oft auch, ohne daß man es vorher weiß, da Meßbesucher ihr Kommen selten im Vorhinein ankündigen, wie ein König im Mittelalter. In der Oberkirche, sofern man die Messe dann überhaupt noch dorthin verlegen kann, verliert sich eine solche Zahl wiederum.

Das ist übrigens eine historische Aufnahme der
Rekonstruktionsarbeiten im Innenraum der Kathedrale
in den Jahren 1959 bis 63.
Zu – angeblich – „zeitgemäß und richtig“ sei noch gesagt: Fakt ist, daß wir dann Leute haben werden, die gerne knien möchten und es nicht können, weil Herr Z. beim Kirchbankrauswerfen und Altarstufeneinebnen auch gleich die Kommunionbänke mit hinausgeworfen hat, die in St. Hedwig bisher überlebt haben. „Zeitgemäß und richtig“ ist das allenfalls vom Reißbrett oder der Redaktion einer Tageszeitung aus, theologisch ist es unschön.

Die Antwort auf die Frage an Herrn Z., ob es beim bisherigen Entsorgen von Kirchen- und Kommunionbänken anderswo nie Probleme gegeben habe, „Nie, wenn sie dann drinnen waren“, ist vielleicht auch anders zu erklären: wem am Knien beim Gebet und Sakramentenempfang liegt, der kniet dann eben anderswo. (Damit meine ich nicht etwa auf dem Heizungsrost oder irgendwie zwischen den Stühlen, sondern gleich ganz woanders.)

Kommentare:

Jürgen Niebecker hat gesagt…

Dieses blaue Etwas auf der Kuppel erinnert mich an an was…

KLICK

Andreas hat gesagt…

Stufenlose (sprich: abgrenzungsfreie Anlage, Bestuhlung, nicht zu vergessen ein Raum, "der bespielt werden kann" - und all das in einer kreisrunden (am besten natürlich: ovalen) Anordnung (die in diesem Fall natürlich durch die Bausubstanz begünstigt würde) ... mhhh, das ist halt so das, was Fachidi... ähh Fachleute derzeit als die Lösung schlechthin der liturgischen Raumfrage betrachten.

Wenn ich mir aktuelle Umgestaltungen bei Kirchen mit vernachlässigbarer historischer (Original-) Substanz oder Neubauten hier anschaue, kommen zumeist ähnliche Ansätze zum Tragen. Erinnere dich der Kapelle hier im Rahner-Haus! (Die allerdings mehr Meditations- als Feierraum ist).

Was die Stühle betrifft: Sie geben dem Raum natürlich "Mobilität" und öffnen ihn hin auf alternative Nutzungsszenarien bzw. anlassbezogene Transformationen ...

Soviel erstmal. Ich höre jetzt auf. Mir gruselts ja schon selbst.

Braut des Lammes hat gesagt…

Hurz! (Die „wechselnde Bespielung“ einzelner Nischen war übrigens Bestandteil mehrerer Entwürfe. Ich fands auch gruselig. Ich kannte Leute, die am Theater Regie führten, die redeten nicht so.)

Braut des Lammes hat gesagt…

Ich hab übrigens an die „Karl-Rahner-Kapelle“ gedacht, aber eher positiv - erstens einmal war die von vornherein so, man mußte sie nicht erst aufwendig verhäßlichen, zum anderen sind solche Hocker wie dort immer noch sinnvoller als Stühle, die sich als liturgische Objekte geben. Vor einen Hocker kann ich mich in einer solch kleinen Kapelle knien.

Ich bin gespannt, wer bei dem sich anbahnenden Tauziehen darum, ob diese Stühle ein Brettchen zum Knien haben werden, gewinnt, der Herr Kardinal oder der Herr Kirchenbankrausschmeißer.

Angelofberlin hat gesagt…

Liebe Braut des Lammes, ich habe mit Interesse Ihre postings über das der St.-Hedwigs-Kathedrale drohende Schicksal gelesen. Diese Kathedrale ist als Berliner Katholikin auch meine Kathedrale - sollte es zumindest sein. In den gut dreißig Jahren, die ich in dieser Stadt inzwischen lebe habe ich die Hedwigs-Kathedrale weniger als an einer Hand abzählbar aufgesucht und werde das wohl in Zukunft ganz unterlassen. Ich weiß, daß es 'Ihre' Kirche ist und trotzdem wage ich zu sagen: Gott sein gedankt, daß es die Rosenkranz Basilika in Steglitz gibt, daß der Herrgott und die Gottesmutter sie bis heute unversehrt bewahrt haben und wir es Monsignore Finke zu verdanken haben, daß sie in Gänze unter Denkmalschutz steht und wir - gebe Gott - vor einem solchen Alptraum wie er hier droht verschont bleiben werden. Alles noch da: Bänke, in denen man knien kann, Kommunionbank, Tabernakel auf dem Hochaltar, Seitenaltäre an denen regelmäßig 'ad Dominum' zelebriert wird. Na ja, es kommt halt auch immer auf den Hausherrn des jeweiligen Gotteshauses an ...

ohne Eigenschaften hat gesagt…

O ja! Gott erhalte uns Pfarrer und Kaplan -- oder mache sie zu Bischöfen! :-) Gerade die Rosenkranzpfarrei halte ich auch für vorbildlich, und sie scheint mir mein altes Vorurteil zu bestätigen, daß bei einer sichtbar frommen Geistlichkeit und in einem würdigen, sichtbar auf die Messe ausgerichteten Kirchengebäude auch viele fromme Leute zu sein scheinen. Ob solche Strukturen wirklich die Seelen mitreißen oder ob sie nur fromme Leute von außerhalb anziehen oder viele Leute dort etwa gar nur scheinbar fromm sind, vermag ich natürlich nicht zu sagen.

Was mich aber immer sehr wundert und mich aus dem Wundern gar nicht herauskommen läßt, ist, wo solche Ideen wie die Bestuhlung der Kathedrale immer ihren Beifall hernehmen -- denn wer will denn wirklich eine Kirche als Vielzweckbau, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht und die Kirche als Begegnungsstätte fungiert? Ich kenne niemanden -- dient doch ein Kirchengebäude vorrangig einem Zweck, bei dem eben nicht der Besucher die Zentralfigur ist. Und wer geht schon zur Messe, um ins Gespräch zu kommen?

ordo missae hat gesagt…

Mir tun die vielen Katholiken und Katholikinnen leid, die seit Jahrzehnten eine Heimat in der Hedwigs-Kathedrale fanden und nun, dank fragwürdig mit dem 2. Vatikanischen Konzil begründeten Änderungen, vor den Kopf gestoßen werden; von den Priestern, die zukünftig nicht mehr am Hochaltar mit Tabernakel zelebrieren werden, sondern in einem Stuhlreis, gar nicht erst zu sprechen. Ich selbst bin seit 2010 regelmäßiger Gast in Hedwig gewesen, innerhalb des letzten Jahres immer auch mehrfach pro Woche. Meine Konsequenzen habe ich mittlerweile gezogen und die Gemeinde gewechselt. Schade drum.

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