Donnerstag, 31. Juli 2014

The road to perdition


Es gibt viele Geschichten über Michael Sullivan. Einige sagen, er war ein anständiger Mann. Andere sagen, in ihm habe nichts Gutes gesteckt. Ich war einmal sechs Wochen lang mit ihm unterwegs. Im Winter 1931.

Watchlists sind eine feine Einrichtung, zumal für Leute, die wenig Lust haben, stundenlang das Fernsehprogramm zu studieren, auch wenn es kostenlos ist. Anfang der Woche hatte ich jedenfalls Grund, das Loblied der Watchlist zu singen, denn sie wies mich darauf hin, daß am Mittwoch abend Road to perdition gezeigt würde, den es aus irgendeinem Grund selten gibt.

Ich hatte mir diesen Film seinerzeit eigentlich nur angesehen, weil ich Tom Hanks sehr schätze, war dann aber – halb zog sie ihn, halb sank er hin – überrascht, daß mir der Film so gut gefallen hat. Kann ein Gangsterfilm ästhetisch sein? Offenbar ja. Es ist, wie mir beim nochmaligen Ansehen aufgefallen ist, teils das Gefühl existentieller Einsamkeit, das sich einem auch beim Betrachten der Bilder Edward Hoppers vermittelt, auf denen stilisiert wirkende Menschen in Automatencafés sitzen oder der Betrachter auf Fabrikbauten und Häuser blickt, die an Bates Motel erinnern (oder auch umgekehrt). Hopper wäre vielleicht nicht einmal überrascht, das zu lesen, denn er liebte das Kino und ließ sich wiederum von ihm inspirieren. Selbst Menschen, die auf einen im Gras spielenden Collie blicken, scheinen auf seinen Bildern isoliert und einsam.

In Mendes' Film ist es allerdings nicht nur das Hoppereske und das Spiel mit dem Licht, das die äußeren Kreise der Hölle auszuleuchten scheint. Interessant ist, wie das Wasser als verbindendes Element in der Handlung eingesetzt wird, es fällt als Regen, als Schnee, auf die Gerechten wie auf die Ungerechten, es tröpfelt als schmelzendes Eis und bricht sich am Meer als Brandung – und jedesmal spricht es von Tod, Sterben und Zur-Hölle-fahren. Schon der Titel ist ein Wortspiel, denn er kann sowohl „Die Straße nach Perdition“ bedeuten (wohin Mike Sullivan und sein Sohn unterwegs sind) als auch den „Weg zum Verderben“, den in diesem Film fast alle zu gehen scheinen, den Sullivan geht und von dem er fürchtet, sein Sohn werde ihn eines Tages beschreiten.

Einen Minuspunkt gibt es für das Auftreten Jude Laws als Fotograf und Auftragsmörder. Abgesehen davon, daß ich verwundert war, daß man Law auch derart häßlich herrichten kann (Hautton, Zustand der Zähne und des Zahnfleisches, Haare), war das schauspielerisch wirklich keine Glanzleistung und sticht leider aus der sonst guten Besetzung heraus. Das kurze gemeinsame Klavierspiel Hanks und Newmans dagegen (die selber spielen), das auch als ein Abbild ihrer Beziehung darstellt, kann einen bis in den Traum nachgehen.





Der Film berichtet über mehrere Wochen im Leben Mike Sullivans und seines Sohnes, der ebenfalls Michael heißt. Sullivan ist als Hitman für John Rooney, einen Gangster des Irish Mobs, tätig, will aber nicht, daß seine Söhne von diesem Teil seines Lebens etwas erfahren. Rooney liebt Sullivan, den er von früher Jugend auf kannte, mehr als seinen eigenen schwächlichen Sohn. Nicht nur aus dieser Zuneigung entsteht ein Verhängnis, denn der Sohn, Connor, ist von Eifersucht zerfressen, und der Vater, der erkennen muß, wie sehr sein Sohn seine Zuneigung bräuchte, erbarmt sich seiner nicht. Zwar kommt Rooney, ungeachtet der charakterlichen Mängel seines Sohnes, widerwillig zu der Ansicht, Blut sei dicker als Wasser, woraufhin er sich den Sullivans gegenüber schließlich gebärdet wie einer der Cäsaren, der seine eigene Nachkommenschaft hinrichten läßt, indes ist es viel zu spät, für alle. In der Tat ist der ganze Film durchzogen von Vater-Sohn-Beziehungen: Sullivan und seine Söhne, Rooney und Connor, Rooney und Sullivan. „Dies ist das Leben, das wir wählen. Das Leben, das wir führen. Und eins ist sicher: Keiner von uns wird in den Himmel kommen“ – hier geht es nicht um verlorene Söhne, sondern um verlorene Väter.

Das alles – wegen des italo-irischen Hintergrunds der Mafia und des Irish Mobs – skurrilerweise vor Heiligenbildern, Totenwachen, Tischgebet, engelsgleichen Gesängen, frommen Kirchgängern und dem Empfang der heiligen Kommunion, bei dem man sich unwillkürlich sagt, also wirklich! Indes, kann man hier wissen, wer worüber Reue empfindet? Bei den beiden Sullivans ist die innere Zwiespältigkeit von Anfang an angelegt, weshalb Tom Hanks, ebenfalls skurrilerweise, eine Art „guten“ Hitman gibt.

Bemerkenswerterweise wird das größte Blutbad des Films, zugleich eine der eindringlichsten Szenen in Hanks' Part, in einer Art konzentrierter Stille gezeigt, aus der Tom Hanks herauszutreten scheint; sie ist nur mit Klaviermusik unterlegt, einem einzelnen Satz Paul Newmans (und schließlich einem finalen Maschinengewehrstoß). Es ist fast wie beim Ballett oder beim Tai Chi.

Michael Sullivan junior, der mit seinem Vater nach Perdition unterwegs ist, lernt diesen eigentlich erst kennen, als ihm dazu nur noch sechs Wochen bleiben. Im Grunde liegt bei diesem Film alles bereits im Anfang:
Wenn die Menschen mich fragen, ob Mike Sullivan ein anständiger Mann war oder ob gar nichts Gutes in ihm gesteckt hätte, gebe ich immer dieselbe Antwort: Er war mein Vater.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Liebe Braut, dürfte ich erfahren, was es mit Watchlists auf sich hat und ob Sie eventuell eine besonders empfehlen können?
Ahnungslos
Susanne

Braut des Lammes hat gesagt…

Eine Watchlist ist ein (kostenloser) elektronischer Suchdienst, der die Ausstrahlungstermine der Fernsehsender durchsucht und auf Wunsch eine E-Mail sendet, wenn das Gewünschte ausgestrahlt wird. Man kann dabei nach Titeln von Filmen und Serien oder auch Namen von Schauspielern filtern lassen; zwei Tage vor dem Sendetermin (oder bei Serien, auf deren nochmalige Ausstrahlung einer wartet, etwas länger vorher) kommt dann eine E-Mail.

Ich habe sehr gute Erfahrungen mit wunschliste.de gemacht, es funktioniert, und meines Erachtens wird die dort angegebene Adresse auch nicht bespammt.

martina hat gesagt…

Mir auch hat der Film gut gefallen. Vielleicht weil in der Tat ist der ganze Film durchzogen von Vater-Sohn-Beziehungen.

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