Dienstag, 1. Juli 2014

„Schöner wird sie dadurch nicht…“ – die gestaltete Mitte (2)

Glasgeländer im kühlen Stil der fünfziger Jahre
am Rande der Raumöffnung zur Unterkirche
Vor einigen Tagen sprach jemand auf Facebook noch einmal aus, was ich mir auch schon lange dachte: wieso setzt man bei der Neugestaltung des Innenraums eigentlich nicht auf die ursprüngliche Idee, das heißt, jene Gestaltung, die vor Schwipperts Umgestaltung nach der Zerstörung durch die Bomben des zweiten Weltkriegs einmal da war, mit Hochaltar und Sakramentskapelle? Daß es nicht so kommen würde, war abzusehen.

Nun aber der preisgekrönte Entwurf: genauso hab ich mir das vorgestellt, daß jetzt alle in die Mitte glotzen (auf diesen, wie es scheint, mickrigen Altar). Der arme Priester, der da zelebriert und dem nicht einmal die Altarstufe bleibt… vielleicht noch ein Sedile oder wo sollen die hin? Und sehe ich das richtig, daß die Gemeinde statt Kniebänken jetzt solche Stühlchen und Hocker haben wird? Ja, denn mit denen kann man vor, nach und – so wie ich die hiesigen Kirchgänger kenne – auch in den Gottesdiensten so schön umräumen. Damit das ganze nicht zu unruhig wirkt, werden die ohnehin nicht lebhaft gefärbten oder unruhig gemusterten Fenster „vereinheitlicht“ zu weißen Mattglasscheiben. Wie aufregend! Das Grün der Wände wird ebenfalls Weiß; dies mag tatsächlich eine Verbesserung sein, wenn es kein zu kaltes Weiß wird, wäre aber vielleicht auch mit ein paar Eimern Farbe zu haben gewesen. In der Unterkirche waren die Wände ohnehin schon weiß.

Man konnte über „das Loch“ denken, was man wollte – ich selber war in der Frage ja durchaus auch ambivalent – aber hier öffnen sich über Krypta, über dem Allerheiligsten, das den ganzen Bau der Kirche trägt und lebendig erhält, das ihr Innerstes ausmacht, die irdische und die himmlische Stadt. Die Krypta verbindet auch die Gräber unserer verstorbenen Bischöfe und Märtyrer mit dem Kirchenraum.

Abgesehen davon fand ich die heutige Stellungnahme des Preisgerichts zu seiner Entscheidung inhaltlich einigermaßen widersprüchlich: da heißt es eingangs:
Durch die vorgeschlagene zentrale Ordnung des Kuppelraums wird zum einen die Uridee von Knobelsdorff aufgegriffen und zum anderen die schwippertsche Ausformung des aufgehenden Raumes mit dem Säulenkranz gestärkt.
Und nur wenige Zeilen später:
Sämtliche Arbeiten, die das schwippertsche Grundkonzept ganz oder teilweise beibehielten, wurden vom Preisgericht mehrheitlich nicht als Vorschläge empfunden, die dem Konzept und der Gestaltungskraft von Schwipperts Raumkunst gerecht werden können.
Der Entwurf, der den Vogel abgeschossen hat, sieht denn auch prompt vor, Schwipperts Raumkonzept grundegend zu verändern. Versteht das einer? Ich nämlich nicht. Schwippert gerecht werden, indem man etwas ganz anderes baut? Man kann natürlich auch etwas ganz anderes bauen, wo bleibt dann aber die Stärkung seiner „Raumkunst“ und „Gestaltungskraft“? Fragen über Fragen. Als erste Einschätzung war zu hören: „schöner wird sie dadurch nicht“. Das scheint in der Tat zu befürchten.

Kommentare:

sophophilo hat gesagt…

Wahrlich: der arme Priester.

Wie ging das noch gleich...: Alle Kinder sitzen um das Feuer, nur nich Brigitte...

Alle Gläubigen sitzen(!!) um den Altar, nur nich der Zelebrannt, der wird von allen bespannt.

Braut des Lammes hat gesagt…

Ich hätte es nicht in einen solchen Knittelvers packen können, aber das Wort „beäugt“ ist mir dazu auch eingefallen…

Sursum corda hat gesagt…

Der Entwurf ist wahrlich schrecklich. Ich mag falsch liegen, aber seit Papst Benedikt die "alte Messe" wieder zugelassen hat, nimmt die Zahl derartiger Kirchenumbauten gravierend zu. Gerade so, als wollten die "alt-68er" und "Konzilsgeister" ihre 70-er-Jahre-Welt in Stein gießen, ehe eine neue Generation von Priestern und Gläubigen sie in die Rumpelkammer der Geschichte verbannt.

Braut des Lammes hat gesagt…

Das irre ist, daß die Umgestaltung vorgeblich zum Ziel hat, den Kirchenraum „veränderten Anforderungen der Liturgie“ (oder so) anzupassen. Dabei möchte man fragen: ihr seid euch aber schon bewußt, daß wir nicht mehr die siebziger Jahre haben?

Aus dem Grabe Schwipperts hört man derweil erste Rotationsgeräusche.

Psallite Deo hat gesagt…

Ich finde, es ist was anderes, wenn man eine neue Kirche baut, da kann man moderne Architektur verwenden, so wie hier:
https://de-de.facebook.com/pages/St-Paulus/220643788040115

oder hier
http://adtiliam.blogspot.de/2009/07/esbjerg-st-nikolai.html

Aber alte Kirchen, die schön und in sich stimmig sind, so umzubauen, muß nicht sein, finde ich.

Was sagt denn der Denkmalschutz dazu?

Braut des Lammes hat gesagt…

Na ja, das fragt man sich, denn Vertreter des Denkmalschutzes saßen mit im Preisgericht, das in seiner Stellungnahme verlauten ließ, daß keiner der Entwürfe denkmalsgerecht sei. Das muß man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Wenn ich lauter Entwürfe eingereicht bekommen habe, die sich von diesem Standpunkt aus alle nicht eignen, dann kann ich eben keinen nehmen.

Psallite Deo hat gesagt…

Sollte man zumindest meinen...

Roland Kaiser hat gesagt…

In der 'Grundordnung des Römischen Messbuchs' heißt es in Nr. 295: "Der Altarraum ist der Ort, wo der Altar steht, wo das Wort Gottes verkündet wird und wo der Priester, der Diakon und die anderen liturgischen Dienste ihre Aufgabe ausüben. Vom Schiff der Kirche hat er sich durch eine gewisse Erhöhung oder durch eine besondere Gestaltung und Ausstattung in geeigneter Weise zu unterscheiden."

Wie genau ist diese Unterscheidung im vorliegenden Entwurf realisiert (durch Erhöhung ja wohl leider nicht), wie wird verhindert, dass 'Besucher' den Altarraum betreten, sei es absichtlich oder unabsichtlich? Schon in der jetzigen Form wurde die Altarinsel gelegentlich als Abkürzung für einen 'Seitenwechsel' missbraucht, dieses Problem wird sich deutlich verschärfen.

Desweiteren: Kniend die Mundkommunion zu empfangen ist offensichtlich wenig erwünscht, Degradierung der Kathedra (eine Kathedrale heißt so, weil dort die Kathedra steht, in dem Modell ist sie kaum von einem Priestersitz zu unterscheiden), viel zu kleiner Altar, Kreisanordnung mit all ihren Nachteilen, 'Rumruckeln' der Stühle, usw. usf.

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