Mittwoch, 2. Juli 2014

He would make himself into what twisted him – Magua in The last of the Mohicans

The frontier moves with the sun and pushes the red man of the wilderness forests in front of it. Until one day there will be nowhere left. Then our race will be no more, or be not us … One day there will be no more frontier. Then men like you will go, too. Like the Mohicans. And new people will come. Work. Struggle to make their light … One mystery remains: Will there be anything left to show the world that we ever did exist?
Jüngst hatte ich Gelegenheit. mir nach längerer Zeit wieder einmal Michael Manns Fassung von The last of the Mohicans ansehen zu können, im Original und ohne die Schnitte, die einige deutsche Fernsehsender meinten, ansetzen zu müssen, um das Werk zur Primetime ausstrahlen zu können. Tatsächlich gehört der Film aber zu denen, die solche chirurgische Eingriffe – eine Kürzung um immerhin etliche Minuten – nicht vertragen, weil der Zuschauer dadurch wesentliche Teile des Filmes nicht so verstehen kann, wie sie gedacht waren oder der Handlungsverlauf sogar unverständlich wird.

Von dem Film ist mir seinerzeit neben gleich mehreren darstellerisch (Wes Studi, Daniel Day-Lewis, Russel Means, Mike Phillipps) oder doch wenigstens optisch (Erich Schweig) eindrucksvollen Leistungen besonders Wes Studis Darstellung als Magua geblieben.
Dabei fragte mich ein Freund, was ich eigentlich an der Leistung Wes Studis als Magua so „brilliant“ gefunden hätte. Auf den ersten Blick scheint Studi von der Natur das richtige Gesicht für die Rolle mitbekommen zu haben. Scheinbar unbewegt, in seinen eigenen dunklen Glanz gehüllt, spielt er Teile der Rolle. Studi bringt jedoch fertig, woran man ursprünglich nicht gedacht hätte: daß man Bedauern für Magua empfindet, daß er einem leid tut, nicht nur wegen dem, was ihm zugestoßen ist und wofür er nichts kann, sondern weil er vom Krebsgeschwür des Hasses und der Bitterkeit aufgefressen wird, das ihn letztlich schon lange vor seinem Tod zerstört hat. Maguas heart is twisted. He would make himself into what twisted him.
Where is that sun?! It has gone behind the hill. It is dark and cold. It has set on his people, they are fooled and kill all the animals and sell all of their lands to enrich the European masters who are always greedy for more than they need. And Le Subtil is the son of his tribe. There have been many clouds and many mountains. But now he has come to lead his nation. … Magua's village and lodges were burnt. Magua's children were killed by the English. Magua was taken as a slave by the Mohawks who fought for the Grey Hair. Magua's wife believed he was dead and became the wife of another. The Grey Hair was the father of all this. In time Magua became blood-brother to Mohawk to become free. In his heart he always was Huron. And his heart will be whole again on the day when the Grey Hair and all his seed are dead! 
Nicht nur hat Magua sich zu dem gemacht, was ihn zerstört hat, er will auch andere dazu bringen:
The red man put down the bow, picked up the fire stick and became the best warrior in the forest. Yes. It is the only way. 
Man ist allerdings stark versucht, zu denken, hätten sie auf Magua gehört, wäre es den Huronen womöglich besser ergangen. Zuweilen erscheinen einige seiner Handlungen, wenn er etwa seinem Erzfeind das Herz herausschneidet und es in wildem Triumph hochhält, einfach nur erschreckend konsequent. In der Kinofassung des Filmes, an der Wes Studi einem an dieser Stelle viel zu bewundern läßt, weil er fließend zwischen Delaware, Französisch und Englisch hin- und herwechselt, antwortet er übrigens an dieser Stelle nur mit einem einem einzigen erregten „Yes!“ – das ist natürlich eine starke Verkürzung seiner Sichtweise und Motive. Man vergleiche übrigens diese Darstellung Maguas mit der aus den fünfziger Jahren, in denen er dort den undankbaren – und radebrechenden!– Schwarz-Part in einem Spektrum zugewiesen bekam, in dem es nur Schwarz und Weiß zu geben scheint, aber keine Grautöne. Es muß jedoch mehr als einen Grund geben, warum Magua allgemein Le renard subtile (The wily fox) genannt wurde. Im Grunde wurde auf diese Weise einer zum ewigen Bösewicht gemacht, der gar keiner ist.

Magua ist nichts Halbes und nichts Ganzes, er ist trotz Gefangenschaft und Sklaverei „in seinem Herzen immer Hurone“ geblieben und doch ist „sein Weg nicht der der Huronen“ (Magua would lead Huron down paths that make us not Hurons), worauf ihn der alte Sachem hinweist, der an dieser Stelle entweder sein eigenes Bedauern oder auch seine Verachtung kaum verbirgt.  Zum Teil kann man Magua dafür keine Schuld geben, zum Teil eben doch – wir sind immer auch dafür verantwortlich, wer oder was wir jetzt sind. Diese Zerrissenheit Maguas setzt Studi kraft- und eindrucksvoll (und polyglott!) um. Dabei bringt er Gefühlsregungen teils sehr subtil zum Ausdruck, an einer Stelle des Filmes – wenn ich mich recht erinnere, das einzige Mal, daß Magua selbst Erbarmen zeigt –, nur durch eine Handbewegung[1] und das Zucken eines Muskels im Gesicht; dann ist es auch schon wieder verschwunden und die Oberfläche wieder glatt, wie ein Stein, der ins Wasser gefallen ist und dessen konzentrische Ringe sich verlaufen.

Daß Chingachgook ihn am Ende mit vier oder fünf Hieben förmlich zerhackt, was Magua teils erstaunt, teils stoisch, gleichsam zu beobachten und zu erwarten scheint, ist bei aller Wucht eigentlich nur Ausdruck dessen, was diesem Menschen innerlich schon lange geschehen ist. Das spielt Studi und deshalb hatte ich seine Leistung als außerordentlich bezeichnet.



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[1] Hier läßt Michael Mann Maguas Gestik nur in zwei verschiedenen Einstellungen sehen: zuerst senkt Magua das Messer, das er gut hätte benutzen können, da er schon einmal dabei war – und einen Augenblick denkt man wirklich, er tut es –, dann fordert er mit der anderen, an der buchstäblich Uncas’ Blut klebt, Alice auf, von dem Felsüberhang herunterzukommen.

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