Mittwoch, 25. Juni 2014

Gespräche über Karmelitinnen

Echte Karmelitinnen
Karmelitinnen wie andere sehr verborgen lebende Nonnen auch, müssen damit rechnen, daß ihre Lebensweise zuweilen wenig bis gar nicht verstanden wird. „Carmélites quittez Auschwitz“  ist mir dazu etwa noch in lebhafter Erinnerung. Abgesehen davon, daß nicht jedem immer alles verständlich scheint, macht das auch nicht viel. Schon unseren Herrn haben viele nicht verstanden („Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?“). Solange die Karmelitinnen selber verstehen, was sie da tun, macht das eigentlich wenig.

In einem Interview mit den für die Inszenierung Verantwortlichen, die im vorvorletzten Jahr an der Komischen Oper die Gespräche der Karmelitinnen auf die Bühne gebracht haben. Diese formulieren, neben anderem, teils erstaunlich treffend Beobachtetem (etwa zur Bedeutung der existentiellen Angst in unserer Zeit), offenbar ihre ureigenste Vorstellung vom Leben in einem klausurierten Kloster – ob des Karmels von Compiègne oder des Karmels an sich bleibt an sich dahingestellt.
Eigentlich hätte ich die Oper gern nur mit eingeschlossenen Frauen inszeniert, die am Ende freiwillig sterben, weil sie das Leben nicht ertragen. Man könnte auch Blanche am Ende retten, sie könnte sich doch noch entscheiden, ihr Leben zu wagen.
OK, Schnitt: die Karmelitin als Frau, die den Karmel – und hier wohl auch das Martyrium – wählt, weil sie „das Leben nicht erträgt“. Soifz. Auch in Bezug auf das sich von den Inszenierenden selbst gestellte Thema hat man hier übrigens genau daneben gehauen. Einer der Sätze, die mich an den Dialogues des Carmélites am tiefsten beeindruckt hat, sind die Worte der alten Priorin an die junge (und im übrigen fiktive) Blanche de la Force:
Pauvre petite! Vous avez rêvé de cette maison comme un enfant craintif, que viennent de mettre au lit les servantes, rêve dans sa chambre obscure à la salle commune, à sa lumière, à sa chaleur. Vous ne savez rien de la solitude où une véritable Carmelite est exposée à vivre et à mourir.

(Mein armes Kleines. Du hast bisher von diesem Haus geträumt wie ein furchtsames Kind, das, wenn die Dienstboten das Licht ausgemacht haben,
 in seinem dunklen Zimmer liegt und vom Wohnzimmer träumt, von seinem Licht und seiner Wärme. Du weißt nichts von der großen Einsamkeit, in der eine wahre Karmelitin leben und sterben muß.)
Daß diese Einsamkeit des Lebens und Sterbens das der heiligmäßigsten Karmelitinnen genauso durchziehen kann wie die Mittelmäßigen, sehen wir an Leben und Aufzeichnungen so mancher heiligen Karmelitin, wie der hl. Elisabeth von der Dreifaltigkeit oder der kleinen hl. Therese. Eine solche Einsamkeit dauerhaft zu ertragen, um der Liebe zu Christus und zum Karmel willen, ist jedenfalls nichts für Gemüter, die das Leben und die damit verbundenen Gefühle nicht aushalten können. Was ist „das Leben“ überhaupt und wieso ist es in der Klausur angeblich nicht?

…und inszenierte.
Vor dem Hintergrund dessen, daß die hiesige Inszenierung von Poulencs Oper seinerzeit die Karmelitinnen und ihre Gespräche aus dem historischen Kontext herausgenommen hat – was sie zusätzlich der Sinnhaftigkeit ihres Opfers beraubt, das sie ja für den Frieden, für die Kirche und die Rettung Frankreichs dargeboten hatten –, sie zwischen Elemente stellte, die die jeder Zeit sein könnten, und die Inszenierung darüber hinaus mit bestürzenden Requisiten ausstattete, wirkt das nur umso eigenartiger. Man muß nicht alles in historischen Kostümen aufführen, man muß es aber auch nicht mit Gewalt billig erscheinen und die Entwürdigungen der französischen Revolution noch toppen wollen.

Arte zeigt übrigens Poulencs Oper am 14. Juli, wenige Tage vor dem Gedenktag der Märtyrinnen von Compiègne in einer neuen Inszenierung von Oliver Py. Immerhin scheinen die Requisiten da weniger verstörend.

Kommentare:

Lauda Sion hat gesagt…

Der blanke Neid...

Anonym hat gesagt…

Leider geht es in der medialen Öffentlichkeit heute kaum darum mal Fragen zu stellen und dann ZUZUHÖREN. Sondern darum, auf Biegen und Brechen das Klischee vom Gläubigen darzustellen. Das ist dann naiv, weltfremd, und selbstverständlich haben wir alle eine verklemmte Sexualität und ein Hörigkeitsproblem... Mitsoifz!
Nicole-Mathea

Braut des Lammes hat gesagt…

Na ja, in dem Fall scheint man auch in gewisser Weise vom Stellen von Fragen abgesehen zu haben, indem man gleich die (inszenierten) Antworten anbietet.

Stephanie in Germany hat gesagt…

Vor vielleicht 4 Jahren habe ich eine sehr ergreifende Inszenierung davon in Muenster gesehen - sehr wurdevoll. Es gab eine Introduction zur Geschichte vorher im Nebenraum. Ich hatte auch Gertrud von le Fort schon gelesen, was sehr hilfreich war.

Anonym hat gesagt…

Die Idee, dass ein Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam so maßlos easy sei*, dass man sich vor den Anforderungen des "wirklichen Lebens" dahineinflüchten könne, bringt mich immer wieder zum Lachen.

Ähm...Logik, anyone?


*Insbesondere für Karmelitinnen

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