Sonntag, 25. Mai 2014

Feldversuche

Als ich gestern abend am Tempelhofer Feld vorbeifuhr, konnte ich ein weiteres Mal den Einsatz, die Energie und die Gutwilligkeit der Aktivisten von 100% Tempelhofer Feld bewundern, die auch am Abend vor dem Entscheid noch möglichst viele motivieren wollten, beim Volksentscheid für den Erhalt der Tempelhofer Freiheit zu stimmen. Zwei Leute, eine Frau mit Flugblättern, ein Mann mit Transparent. Dabei gab es von den Mitfahrenden je nach Façon, nach der man selig werden zu gedenkt, entweder Zustimmendes („Find ich gut, was ihr hier macht“), Nachfragen, da es auch jetzt verwirrenderweise noch Leute gibt, die nicht wissen, daß es überhaupt einen Volksentscheid gibt und worüber eigentlich und vieles mehr.

Von mir gab es für die beiden ein „meine Stimme haben Sie!“ – Surprise! – und von dem Mann ein paar Plätze weiter einige Minuten undifferenziertes Gepöbel „Tempelhof wird zugebaut und damit basta!!!“ Und immer so weiter, ob das jemand hören wollte oder nicht. Eine echte Berliner Pflanze. Beim Aussteigen merkte ich, daß ich mich über den Mann innerlich mehr empört habe, als einem ein dummes Geschwätz eigentlich wert sein sollte. Als wenn der Mann etwas davon hätte, wenn das Tempelhofer Feld bebaut würde. Wirklich, gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens. Vielleicht ist es, denke ich grade, einfach Schadenfreude, anderen etwas kaputt zu machen, was ihnen Spaß macht, wie wenn ein Kind dem anderen die kunstvolle Sandburg zertrampelt.

Dabei ist das Feld nichts weniger als kunstvoll und gerade darin liegt, glaub ich, sein Reiz. Lenz Jacobsen schreibt in der ZEiT unter Mein Feldversuch:
Dieses Feld hat sich niemand ausgedacht. Wer hier läuft, liegt, gärtnert, der führt nicht aus, was Stadtplaner als Verwendungsmöglichkeit vorausgesehen, ja angestrebt haben. Es folgt keinem Plan, es ist einfach passiert. Das Feld ist sinnlos. Und vielleicht ist es diese Sinnlosigkeit, die den Kopf so frei macht, wenn man darüber läuft und der Wind bläst und man eigentlich gar nichts sieht, nichts Schönes und nichts Häßliches.
Ich glaub, in gewisser Weise ist es das. Diese scheinbare Sinn- und Planlosigkeit (die in Wirklichkeit natürlich doch zutiefst sinnhaft ist), ist ein hohes Gut, ja, geradezu ein Luxus in einer großen Stadt, etwas, das die Berliner sich nicht nehmen lassen sollten. Wie mehrfach bemerkt: Wer an diesen Ort kommt, liebt ihn. Wo sonst gibt es mitten in der Großstadt einen Ort, über den der Wind hinstreicht und es ist wie am Meer, im Herbst auch wie auf der Heide? Wo einen solchen Horizont, auf dem man sogar die leichte Krümmung der Erde bemerkt? Die Stadt als Wüste, dort hat man sie.

Gleise und fliegende Kraken in der Randzone des Tempelhofer Feldes.
Kommt die Bebauung, sind nicht nur Gleise und Kraken weg.
Mein eigener Feldversuch, das heißt, der Versuch, übers Feld abzustimmen, verlief ein ganz klein wenig eigenartig, dabei fing eigentlich alles so gut an: Vor einigen Wochen schrieb mir die eine Bezirksverwaltung, ich sei in das Wählerverzeichnis meines Bezirks aufgenommen und dürfe bei der Europawahl und dem Volksentscheid abstimmen. Mit selbem Datum zeigte mir die Bezirksverwaltung meiner bisherigen Wohngegend an, ich sei dort aus dem Wählerverzeichnis gestrichen. Prima, und das neue Wahllokal liegt gleich nebenan!

Heute konnte man mich dann dort im Wählerverzeichnis zuerst nicht finden, weshalb es etwa vier Leute und ebensoviele Listen brauchte, um in einem Ringbinder den obskuren Anhang zu finden, in dem ich schließlich gelistet war. Soweit so gut, damit muß man halt rechnen, wenn man im April umzieht und im Mai wählen will. Dann aber händigte man mir erst nur den Wahlschein für die Europawahl aus und insistierte auf Nachfrage freundlich, aber doch, ich dürfe nur bei der Europawahl stimmen, wenn es doch so auf meiner Wahlbenachrichtigung stünde. Tat es natürlich mitnichten. Höflich vorgetragene Empörung einer aufrechten Bürgerin, man habe schließlich ein Wahlrecht, überfließende Entschuldigungen der Wahlhelferin, alles wird gut. Das Ehepaar, das die beiden Wahlkabinen neben mir benutzt, unterhält sich über die Trennwände der Wahlkabinen (und mich)  hinweg und wird zurechtgewiesen, ich aber kann endlich abstimmen. Ja und Nein!

Am Rande bemerkt: ich mußte mich bei einer Wahl noch nie so häufig ausweisen und meinen Wahlschein vorzeigen, vorher dreimal und nachher einmal. Etwas verwirrt hat mich ja, als ich knapp vor dem Volksentscheid las, es gebe vier Möglichkeiten, abzustimmen. Häh, wieso vier? In der Tat ist es möglich, auf beide Fragen mit Ja oder auf beide mit Nein zu antworten, obwohl die Gesetzentwürfe sich gegenseitig ausschließen, und irgendwelche Spaßparteien rufen dazu auch tatsächlich auf. Ich hoffe, daß dem nicht allzuviele gefolgt sind, denn jeder dieser Wahlzettel ist zwar nicht ungültig, kommt aber letztlich keinem Anliegen zugute.

Ich gehe jetzt aufs Tempelhofer Feld und warte, was passiert. Ich hoffe und bete, daß es dem Feld nicht so gehen wird, wie den sprichwörtlichen Blumen: wenn der Wind darüber geht, so ist es nicht mehr da.

____
[1] das wirklich informativ und wesentlich fairer aufgebaut ist als etwa der kürzlich verteilte, verlogene Flyer der SPD, über den ich mich herzhaft geärgert hatte. Zusammengefaßt: was vom Kuchen etwa noch übrigbliebe, soll ein Park werden wie jeder andere. Mit Bänken, bitteschön! Oder ein Neubaugebiet mit Grünfläche. Davon haben wir ja so wenige. Vor allem Parkbänke.

Kommentare:

Angelofberlin hat gesagt…

Die Berliner Morgenpost hat eben online aktualisiert, daß es GUT ausschaut für das Tempelhofer Feld und die Initiative für 100% Tempelhofer Feld wohl Erfolg haben wird. YIIIIIPPPPY!!!! Jetzt drück ich nur noch die Daumen, daß die Kleingärtner aus der Kolonie Oeynhausen (liegt in unserem Bezirk und wir durften auch über deren Zukunft heute abstimmen)bleiben dürfen und keinem 'Investor' weichen müssen.
Die werden erst zum Schluß ausgezählt.

Norbert hat gesagt…

Meine Güte, ich wünsche mir keine riesige Betonfläche mitten in der Stadt sondern einen großen Park, eine schöne Bibliothek und mehr Wohnraum. Aber viele Berliner sind nun mal wenig einsichtig, es soll so bleiben wie es ist. Ich halte diese Provinzialität kaum noch aus.

Braut des Lammes hat gesagt…

Ich glaube, Norbert, die Berliner haben hier das Richtige getan: sie wollen das, was sie haben, behalten. Das Flugfeld ist übrigens mitnichten eine „riesige Betonfläche“, wie kommst du denn darauf? Man spricht nicht umsonst vom Wiesenmeer. Auf den unvergleichlichen Horizont hatte ich ja schon diverse Male verwiesen. Das alles wollen die Berliner sich nicht nehmen lassen. Was ist daran schlecht?

Ob man den Entwurf für die ZLB als schöne Bibliothek bezeichnen kann, darüber scheinen die Ansichten dann doch sehr verschieden zu sein. Ich finde den Entwurf zum Beispiel mordshäßlich, was soll ein solches Ungetüm auf der Rollbahn der Rosinenbomber? Warum kann die ZLB nicht lieber das alte Flughafengebäude nutzen? Groß genug ist es ja.

Anonym hat gesagt…

Ich hab heute Nacht gehört, das nicht bebaut wird und das Flugfeld so bleibt. Herzlichen Glückwunsch!!! Ich war im April in Berlin und bin da spazieren gewesen... wirklich wunderbar. Eine Oase inmitten der Stadt. Eigentlich bräuchte jede Stadt sowas. Wir haben ja hier die Rheinauen... ist auch super.
Nicole-Mathea

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