Samstag, 17. Mai 2014

All this and heaven too



How can you tell the difference
between your true lover and some other?
Your true one wears a pilgrim’s hat
and a pilgrim’s sandals and staff.

He is dead and gone, lady,
he is dead and gone.
At his head is a patch of green grass,
and at his feet there is a tomb stone.

His death shroud was as white as snow
covered with sweet flowers
which did not fall to the ground
in true-love showers. 
(Hamlet, vierter Akt, fünfter Aufzug)

Ein Buch, das ich über die Jahre gern immer wieder einmal gelesen habe, ist Hölle, wo ist dein Sieg? von der Amerikanerin Rachel Field. (Ich weiß nicht, warum Übersetzungen von Titeln ins Deutsche immer so beknackt ausfallen müssen. Im Original heißt das Buch All this and heaven too.) Rachel Field ist die Großnichte Henriette Fields, die als Henriette Deluzy – eigentlich Henriette Desportes – im Europa des Jahres 1847 unfreiwillig große Bekanntheit erlangte. Mittelbar trug sie zum Sturz des „Bürgerkönigs“ und zu einer Revolution bei.

Eigentlich beruht diese Wiedergabe der Lebensgeschichte Henriette Fields auf einer Ironie: Rachel Field schreibt nieder, was ihre Großtante sehnlichst hinter sich zu lassen wünschte, als sie über den Atlantik auswanderte, um dort zuerst Lehrerin in einem New Yorker Mädchenpensionat und dann ländliche Pfarrfrau zu werden, indem sie den protestantischen Geistlichen Henry Martyn [sic!] Field heiratete. Die Familie Field ist, abgesehen davon, daß sie mehrere bedeutende Geistliche und Juristen der aufstrebenden Vereinigten Staaten hervorbrachten, auch durch Cyrus W. Field bekannt, der am Verlegen des ersten Atlantikkabels beteiligt war. Henry Field, später Herausgeber, sollte seine Frau um mehr als dreißig Jahre überleben.

Obwohl Rachel Field ihrem Roman als Einleitung voranstellt, warum sie das Buch geschrieben hat, bleibt doch in gewisser Weise völlig fraglich, was sie dazu bewogen haben mag, diese Familiengeschichte wieder auszugraben, kaum daß endlich Gras darüber gewachsen war. Eine Verschwiegenheit über schmerzliche Ereignisse, die sich bis auf den Grabstein Henriette Fields fortsetzte, von dem anzunehmen ist, daß entweder sie selbst oder ihr Ehemann die Kürze und Schmucklosigkeit der Inschrift veranlaßt haben müssen. Rachel Field selbst vergleicht diese Inschrift mit einem abgebrochenen Zweig ohne Blätter und Blüten.

HENRIETTE DESPORTES
die geliebte Frau von Henry M. Field
gestorben am 6. März 1875

Der Titel des Buches …and heaven too bezieht sich sicherlich auf den Fortgang der Geschichte und die Ehe mit Field, die, wenn denn, eine zweite Liebe war, wenn auch eine wesentlich ruhigere als die erste. Vielleicht mag ich das Buch gern, weil, neben dem flüssig zu lesenden Stil, die Geschichte trotz aller Tragik „ausgeht“, das heißt, es ist die Geschichte eines (ungewöhnlichen) Schicksals, das nicht notwendigerweise mit einem Happy End endet, sondern das Leben eines Menschen zeichnet, der immer weitergeht, was ihm auch widerfahren mag, weil er nicht anders kann. Henriette Desportes scheint eine Frau von großer Kraft und mit vielerlei Gaben gewesen zu sein. Unbegreiflich erscheint, warum sie in manche Situationen überhaupt geriet beziehungsweise geraten konnte, indem sie sich nicht rechtzeitig löste oder Dinge tat, die man nicht anders als unvorsichtig nennen kann, wenn es auch leichter ist, es nachher besser zu wissen. Wie zum Hohn blieb auch sie selbst, die Kinder liebte und in ihnen Einzelpersönlichkeiten sah, „ohne Blätter und Blüten“, als sie schließlich heiratete, war sie über vierzig und es war wohl zu spät für sie, noch ein Kind zur Welt zu bringen.

Im August des Jahres 1847 erstach und erschlug Charles Laure Hugues Théobald, der Herzog von Choiseul-Praslin, ein Pair von Frankreich, seine Frau Fanny und beging anschließend Selbstmord, indem er (vermutlich) Arsen schluckte. Sein Sterben zog sich über sechs Tage hin, er wich bis zum Schluß nicht von seiner ursprünglichen Darstellung ab, er habe einen Raubmörder bei seiner Frau überrascht und sie gegen dessen Angriff verteidigt. Tatsächlich ergab sich aus der erdrückenden Beweislast eher, daß der Herzog von Praslin seine Frau wahrscheinlich im Affekt getötet hatte. Der nachfolgende Prozeß, der in ganz Europa Aufsehen erregte, beschäftigte sich, da der Hauptbeschuldigte tot war, vor allem mit der Frage, welche Rolle die Erzieherin der Praslinschen Kinder, Henriette Deluzy, in dieser Sache gespielt hatte. Waren sie und der Herzog Liebende gewesen, wie Gerüchte und Klatschzeitungen seit Jahren immer wieder behaupteten? Hatte der Herzog seine Frau ermordet, weil diese drohte, sich von ihm zu trennen? Hatte er sie ermordet, weil er glaubte, sie anders nicht loswerden zu können? Oder hatte er sie schlichtweg umgebracht, weil sie sich hartnäckig weigerte, der zwischenzeitlich entlassenen Gouvernante ein Zeugnis auszustellen? Hatte die Erzieherin ihn zu dieser Tat angestiftet? Fragen über Fragen, mit denen sich auch Victor Hugo, einer der bedeutendsten Publizisten jener Zeit, auseinandersetzte, ohne daß je ganz klar geworden wäre, wie die Antwort auf sie lautet, falls es nur eine gibt. So bleibt etwa unklar, ob sich der Herzog von Praslin für Henriette überhaupt als Frau interessierte oder ob er immer nur die Erzieherin seiner Kinder in ihr sah und sie als solche schätzte.
Henriette Field geb. Desportes,
wie Eastman Johnson
sie porträtierte

Der Herzog und die Herzogin von Praslin hatten in recht jungen Jahren geheiratet (er neunzehn, sie siebzehn). Ungewöhnlich für unter Adligen geschlossene Ehen mag vielleicht gewesen sein, daß sie einander wirklich liebten. Im Jahre 1841 jedoch, dem Jahr, in dem Henriette Desportes unter dem angenommenen Namen „Deluzy“ dort ihre Tätigkeit als Gouvernante aufnahm, schien der Herzog nach elf Jahren Ehe, aus der neun überlebende Kinder (die Herzogin hatte mehrere Fehlgeburten) hervorgingen, seiner Ehe mit der Herzogin einigermaßen überdrüssig. Diese hatte sich – kaum verwunderlich nach so vielen Geburten – in eine einigermaßen dicke Matrone verwandelt. Zudem scheint sie von der Sorte Schlingpflanze gewesen zu sein, die das Gewächs, an das sie sich klammert, langsam erstickt. Der Herzog wiederum war eine eher unterkühlte Natur, der sich umso mehr zurückzog, je mehr er bedrängt wurde. Die Herzogin hatte die Gewohnheit angenommen, ihrem Mann endlose leidenschaftlich anklagende Briefe zu schreiben, manchmal mehrere an einem einzigen Tag, und ihm diese per Boten zustellen zu lassen.

In diese angespannte Situation geriet Henriette Desportes, die man zuvor bereits von den besonderen Schwierigkeiten in diesem Haushalt gewarnt hatte; auch war sie die vorerst letzte in einer wahren Prozession von Erzieherinnen, die sämtlich nicht lange in diesem Haushalt überdauerten. Es scheint im Nachhinein schwer verständlich, wieso sie angesichts dessen gerade diese Stelle annahm, obwohl es nicht wirklich drängte, und auf eine vage Zusage hin – das eigentliche Vorstellungsgespräch noch vor sich – Ende März 1841 von London in ihre Heimatstadt Paris reiste. Ihr einziger Verwandter, ihr Großvater, bezahlte zwar ihre Erziehung, wollte aber ansonsten kaum etwas von ihr wissen; später brach der Kontakt ganz ab. In England war Henriette, die verwaist, wie wir zwischen den Zeilen lesen, unehelich geboren und ursprünglich in einem Kloster erzogen worden war, zum Protestantismus konvertiert – etwas, das sowohl in den Augen der Herzogin als auch in denen ihres Beichtvaters von Anfang an stark gegen sie sprach und dem späteren Prozeß auch eine religiöse Dimension verlieh.

Ausschnitt aus der Illustrated
London News
vom 4. September 1847
mit einer Skizze des Tatorts
In den sechs Jahren, in den sie als Erzieherin bei der Familie Praslin tätig war, verschlechterte sich das Verhältnis sowohl zwischen den Eheleuten als auch zwischen der Herzogin und ihren Kindern und der Herzogin und Henriette zusehends. Der Herzog scheint zudem in Bezug auf die Kinder ein etwas eigenartiger Charakter gewesen zu sein: Im Nachhinein wurde bekannt, daß er seine Frau im Jahr, bevor Henriette Deluzy dort ihre Tätigkeit als Erzieherin aufnahm, ein Schriftstück unterzeichnen ließ, das besagte, die Herzogin dürfe ihre Kinder gleichsam nur unter Aufsicht sehen, etwa, wenn er selbst oder eine Erzieherin dabei sei. Daß dies Fanny Sebastiani-Praslin in hohem Maße verbitterte, ist einsehbar. Im Juni 1847 entließ sie Henriette Deluzy, nachdem zum wiederholten Male in einer Zeitung Gerüchte veröffentlicht worden waren, der Herzog und die Erzieherin hätten seit Jahren ein Verhältnis. Henriette (nun wieder unter ihrem eigentlichen Namen Desportes) verließ das Haus ohne ein Zeugnis, das ihr auch im Nachhinein trotz dringender Bitten von der Herzogin nicht ausgestellt wurde, obwohl oder vielleicht gerade weil ihr Broterwerb als Erzieherin daran hing. Nur wenige Wochen später kam die Herzogin ums Leben. Der Herzog wurde unter Arrest gestellt und Henriette Desportes verhaftet und in die Conciergerie von Paris gebracht, wo man sie bis November 1847 festhielt, bis sie schließlich freigelassen wurde.

Die Prozeßakten bezeichnen den Totschlag oder Mord an Fanny Sebastiani-Praslin als „abscheuliches Geschäft, überdies ungeschickt verrichtet“. Neben aller persönlicher Tragik führte die „Affäre Praslin“ letztlich mit zur Revolution von 1848, mit der die Herrschaft der sogenannten Julimonarchie endete. Der Regierung wurde verübelt, daß der Herzog als hoher Adliger sich durch seinen Selbstmord der Strafverfolgung entzogen hatte.

Schloß Vaux-Praslin bei Melun vom Garten aus gesehen
Eine eigenartige Geschichte, deren Einzelheiten und genaue Zusammenhänge unwiederbringlich im Strom der Geschichte verloren scheinen und wohl nie mehr ergründet werden können. Erstaunt war ich, als ich einmal einen Blick auf das Schloß Vaux-Praslin – einen der Schauplätze der Handlung – werfen konnte, das im Buch etwas verwunschen und mit dem Geld der Herzogin und ihres Vaters einigermaßen wiederhergestellt daherkommt: mein lieber Schwan, einen derartigen Palast hätte ich mir nun nicht vorgestellt! Der eigentliche Hauptwohnsitz der Familie Praslin, 55, Rue du Faubourg Saint-Honoré, wurde bald nach den Ereignissen vom Sommer 1847 abgerissen, heute ist es die Adresse des Elyseepalasts.

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