Sonntag, 13. April 2014

Betrachtungen eines am Wege stehenden – Christi Einzug in Jerusalem

Sieh, Jerusalem, dein König, sieh, voll Sanftmut kommt er an.
Völker, seid ihm untertänig, er hat allen wohlgetan!
Den die Himmel hoch verehren, dem der Chor der Engel singt,
dessen Ruhm sollt ihr vermehren, da er euch den Frieden bringt!

„Lieblingsmomente“ in der Karwoche – die Palmweihe und die Palmprozession ist ein solcher.  Die Geschehnisse der Heiligen Woche sind ein Weg, den wir mit Jesus gehen, ein Weg indessen, der nicht im Dunkel des Grabes endet, sondern beim Er ist nicht hier des Engels herauskommt. Der den du suchst, ist nicht hiergeblieben, er ist zwar freiwillig hinabgestiegen, hat aber sich – und dich – nicht dem Dunkel des Todes überlassen.

Wer würde nicht lieber seine Kleider vor Jesus und dem Esel ausbreiten und ihm zujubeln, Hosanna dem Sohne Davids, eine heilige Veronika, die ihm das Schweißtuch reicht, oder ein Simon von Cyrene. Und das faszinierende: wir dürfen es auch sein. Gewiß, niemand kann wissen, was er getan hätte, in der Entscheidung zum Guten (wie auch zum Bösen) sind wir aber immer frei. Schwieriger gestaltet es sich dann schon, wann man nicht erkennt, was in einer Sache das Gute oder Böse ist, was bei der Verhaftung und Kreuzigung Jesu auf viele zugetroffen haben mag: auf die unbeteiligten Zuschauer, auf den Hohenpriester vielleicht noch bei der so dringlichen Frage, Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes?, womöglich auch auf Pilatus. Der vom Irrtum zur Wahrheit kommt, ruft aus: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen! Die Bachsche Matthäuspassion verweilt über diesen Worten, sie sind wie ein Lichtstrahl in der Finsternis der neunten Stunde.

Es ist aber ein Unterschied ob ich, wenn ich als Soldat bei einer Hinrichtung Dienst tun muß – worauf ich als Soldat wenig Einfluß habe –, dem Todeskandidaten auch noch den letzten Trunk vergälle oder ob ich mit wie die Frauen mit Myrrhe zur Salbung der Füße Christi oder zum Einbalsamieren komme, seine Füße mit meinem Haar trockne oder aber für eine würdige Grabstelle sorge, wie es Josef von Arimathia tat (letzteres sowohl Mitzwa als auch eines der hauptsächlichen Werke der Barmherzigkeit). Ob ich rufe, soll er doch herabsteigen vom Kreuz, dann wollen wir ihm glauben, oder ob ich einfach bei Jesus auf dem Ölberg oder unterm Kreuz bleibe, betend und durch meine Gegenwart bezeugend, daß mir dieses Geschehen zum Heil gereicht. – Eine der Fragen, der wir uns in der Heiligen Woche stellen, ist: wo möchte ich an diesem Weg stehen, was kann ich Jesus tun?

Kommentare:

Gabriele hat gesagt…

Ich hab mal gehört, dass Wein mit Galle ein Betäubungs-oder Schmerzmittel gewesen sein soll. Dann wäre es sogar ein Akt des Mitleids gewesen. Ich hoffe, es stimmt.

Braut des Lammes hat gesagt…

Diese Deutung hab ich jetzt noch nie gehört, wenn sie zuträfe, wäre die Intention natürlich in der Tat anders zu bewerten. Ich bin an als er aber davon gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken hängengeblieben. Und: Sie haben mir Galle unter die Speise gemischt, in meinem Durst mich mit Essig getränkt

(Man hätte auch zu jener Zeit, glaub ich, betäubende Mittel gehabt, die einem weniger widerstehen als gerade Galle.)

Hermine Tuzzi hat gesagt…

Der "Essig", der Jesus am Kreuz gereicht wurde, war allerdings ebenso keine Folter, wie es die spätere Exegese teilweise deutete, sondern ein beliebtes Erfrischungsgetränk namens posca -- trinkt man in meiner Heimat noch heute bei der Wald- und Feldarbeit im Sommer. Die Passage aus der Kreuzwegandacht ist also dahingehend nicht unbedingt hilfreich im Sinne einer historisch-philologischen Interpretation. Wenn Wein mit Galle tatsächlich ein Betäubungsmittel gewesen sein sollte -- so, allerdings mit Myrrhe statt Galle, der Kommentar in der Einheitsübersetzung z. St. -- könnte die Erwähnung von Jesu Ablehnung bei Matthäus auch für die bereitwillige Hinnahme der Schmerzen stehen. Wenn Du möchtest, suche ich Dir mal Literatur dazu heraus.

Hermine Tuzzi hat gesagt…

bzw. aus dem Psalm, ähem! *erröt*

Smilodon hat gesagt…

Gabriele hat schon recht. "Galle" beschrieb außerdem eher den Geschmack, es waren möglicherweise auch bitter schmeckende Kräuter, die als Schmerz- und Betäubungsmittel verwendet wurden.
Was den Essig betrifft: Wasser hat eigentlich erst seit ein paar Jahrzehnten überall Trinkqualität, nämlich, seit es aus öffentlichen Wasserleitungen kommt. Es war früher meistens schon von vornherein schlecht, oder - falls es aus einer sauberen Quelle kam - hielt es nicht lange, wurde schal und voller Keime, und die Leute wurden krank davon. Man half sich deshalb mit alkoholischen Getränken (Nachteil: Sie machen betrunken)oder indem man dem Wasser kräftig Essig zusetzte. Der Essig macht das Wasser haltbar. Gerade zur damaligen Zeit war Essigwasser das Hauptgetränk der römischen Soldaten "im Dienst", wenn sie nicht betrunken sein durften.

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke für die vielen Kommentare, das ist ja sehr erhellend bzw. fortbildend.

Jorge hat gesagt…

Sehr spannende Gedanken zum Weintrunk bei der Passion bietet Brant Pitre in seinem Buch über die euch. Realpräsenz (Jesus and the Jewish Roots of Eucharist, New York 2011, S. 150-170). Demnach lässt sich die Szene im Zshg. mit dem Abstinenzspruch Jesu beim Abendmahl (werde von jetzt an nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis ...) und dem Gethsemanegebet (lass diesen Kelch an mir vorübergehen) möglicherweise so deuten, dass Jesus seinen Kreuzestod als Vollendung des Passamahls verstanden wissen wollte, was eine Selbststilisierung zum Opferlamm nahelegt.
Der Gedanke geht so: Nach Lk und Paulus sprach Jesus das Becherwort "nach dem Mahl". Legt man die rabb. Ordnung des Sedermahls zugrunde, so bezöge sich das heutige Kelchwort, in dem Jesus auf sein Blut hinweist, auf den dritten (von den vier zwingend vorgeschriebenen) rituellen Weinbechern des Mahls. Dieser dritte Becher, der sog. Segnungsbecher, wurde direkt nach Beendigung des Essens getrunken und nahm inhaltlich Bezug auf die Verheißung künftigen Heils für Israel. Anschließend wurden die Hallel-Lobpsalmen rezitiert und es folgte der das Passa abschließende vierte Becher Wein, der sog. Hallel-Becher. Damit war das rituelle Mahl zuende. Das Abstinenzwort Jesu bezöge sich demnach auf diesen vierten Becher, der die Vollendung der Passaliturgie anzeigt. Mt und Mk zufolge gingen die Jünger nach dem Lobgesang (den man mit den Hallel-Ps identifizieren kann) direkt hinaus auf den Ölberg, also ohne einen abschließenden vierten Becher zu trinken. Nach Lk begab sich Jesus sogar schon zum Lobpreis (Hallel) auf den Ölberg. Er hätte die Passaliturgie damit bewusst unvollendet gelassen bzw. sie wäre durch seine Verhaftung unterbrochen worden. Davor hätte er im Garten gebetet, während die Jünger eingeschlafen waren. Der Weintrunk am Kreuz, den Jesus bei Mt ausschlägt (evtl. um die vorausgegangene Prophezeiung zu erfüllen), nach Joh aber zu sich nimmt, wäre dann ein Rückbezug auf das unvollendet gelassene Abendmahl. Bei Joh folgt unmittelbar auf das Trinken der Ausspruch "Es ist vollbracht" und der Tod Jesu. Das alles lässt sich so deuten, dass die Passion quasi in die Passaliturgie des Abendmahls hineingenommen und der abschließende vierte Becher erst am Kreuz ausgetrunken wird. Das Ganze wäre als Zeichenhandlung begreiflich, wobei Jesus sich selbst mit dem (sonst ja auch an keiner Stelle des Mahls erwähnten) Lamm identifiziert.

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