Freitag, 28. März 2014

Zwischendurch: schöne Grüße aus dem Haus, das Verrückte macht…

Alle Jubeljahre muß man einmal zum Bürgeramt. Vor Jahren ist anläßlich des Diebstahls meines Rucksacks beim Einkaufen auch der Personalausweis weggekommen. Der Rucksack tauchte später wieder auf, der Ausweis nicht (der Rucksack war sowieso viel schöner…) Seither war ich ohne, was aber nicht allzuviel machte, das meiste auf der Welt, wie etwa wählen, Pakete auf dem Postamt abholen oder eine ausländische Botschaft betreten, kann man auch mit einem alten grauen Führerschein. Vor Jahren hatte ich an einem glühheißen Tag schon einmal den Versuch unternommen, mir einen neuen Ausweis zu beschaffen. Als ich kam, waren 45 Wartenummern vor mir. Da wandte ich mich mit Grausen.

Nun der zweite Versuch. Das Wetter diesmal: erst hagelt es, dann regnet es in Strömen. Auf dem Amt steht eine riesige Schlange den ganzen Korridor hinunter. Auf meine Frage, worum man hier anstünde (Freibier?), wird mir der Bescheid, dort gebe es die Wartenummern. Der Automat für die Wartenummern hängt zwar noch da, verweist aber auf die Schlange. Schon ab hier komme ich mir vor wie Asterix und Obelix auf der Suche nach dem Passierschein A 38 („Mit diesem Formular müssen Sie das rosa Formular beantragen“).

Schließlich erhalte ich die wunderschöne Nummer 131. Derzeit ist  übrigens Nr. 71 dran (manche Dinge ändern sich wohl nie). Also nehme ich diesmal gottergeben Platz und harre der Dinge, die da kommen – hoffentlich heute noch! Und siehe, nur zweieinhalb Stunden später bin ich dran, werde zum Schalter 22 gerufen und schildere mein Anliegen. Daraufhin wird – unter Hinzuziehung zweier anderer Sachbearbeiter (eine sichtbar, einer wird im Off konsultiert  – erst einmal des langen und des breiten die Ordnungsstrafe ausgerechnet, die es kostet, wenn jemand weder Personalausweis noch Paß hat, denn ein Führerschein sei kein amtliches Ausweisdokument, da hilft alles „ja, aber“ nichts. An dieser Stelle beschleicht mich ein leichtes Déjà-vu, und ich rufe ob meiner Ehrlichkeit Verwünschungen über mein eigenes Haupt herab. Wir einigen uns auf eine herabgesetzte Ordnungsstrafe von 35 Euro, sola gratia.

Nachdem diese Klippe umschifft ist, stellt sich heraus, die mitgebrachten Paßbilder seien selbst für einen vorläufigen Personalausweis nicht biometrisch genug. Also brauche ich neue. Am besten ginge das gleich hier in der Straße. Also in Regen und Wind zum Fotostudio „zum unfröhlichen Migranten“. Das ist, nebenbei bemerkt, das zweite oder dritte Mal, daß ich an diesem Tag einregne, entsprechend hängt mir das Haar medusengleich um den Kopf. Im Fotostudio kennen sie sowas wohl schon, beziehungsweise, solche Notfälle stellen wahrscheinlich ein gut Teil des Broterwerbs an genau dieser Stelle dar, so daß Versuche, wie man sie früher hatte, den Kunden auch nur irgendwie zu restaurieren, völlig unterbleiben. Die verschleierte Fotografin pudert mir nicht noch das Gesicht oder die Nase, es wird mir nicht angeboten, den etwa vorhandenen Kamm oder vielleicht doch besser noch mal den eigenen zu verwenden und ich werde nicht aufgefordert, freundlich zu lächeln, weil gleich das Vögelchen aus der Kamera kommt. Dementsprechend sieht das Foto aus: ein Fahndungsfoto oder das einer ertrunkenen Katze könnte nicht schlimmer sein. Ich blicke stier und blaugrün in die Kamera, mir des Fatalismus der Situation – und der Haare, die mir um den Kopf fliegen – vollauf bewußt. Lächeln ist auf biometrischen Bildern übrigens verboten. Macht nichts, ist nur mein Personalausweis, wer will den schon sehen? Ich jedenfalls nicht.

Wieder aufs Amt an den Platz 22, dort muß ich warten, aber diesmal nur kurz. Zahlreiche Unterschriften sind zu leisten, auch auf Elektronikpads (wahrscheinlich habe ich dabei auch meine Waschmaschine verkauft). Früher™ hat ein Beamter bei vorläufigen Ausweisen die Daten auf einer Schreibmaschine mit Wagenhebel getippt und das Foto selber festgetackert. Das hat allerdings auch nur höchstens eine Viertelstunde gedauert. Heute werde ich gefragt, ob ich immer noch blaugrüne Augen habe[1] und so groß bin wie zuvor, das Foto wird eingescannt, und die Bundesdruckerei freut sich. Technischer Fortschritt muß nicht immer auch eine Verbesserung sein, das hatten wir neulich auch schon anläßlich vor Ort gar nicht mehr individuell regelbarer Heizungen festgestellt.

Auf dem Hinausweg nach siegreicher Schlacht finde ich dann übrigens noch das Paßfoto eines unbekannten Jungen. (Hätte ich es nur früher gefunden, mein Paßbild muß mir ja scheints sowieso nicht ähnlich sehen…) Jedenfalls habe ich nun einen vorläufigen Personalausweis. Den richtigen beantrage ich dann irgendwo anders, überall, nur nicht dort.

____
[1] An dieser Stelle frage ich mich flüchtig, was wohl passieren würde, wenn ich sagte, „Nein, die sind jetzt braun!“ Wahrscheinlich erhöht sich dann die Ordnungsstrafe wieder.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Bei uns in der Stadt kann man Termine machen beim Amt, wenn man z.B. Dauernachtwache ist, und deshalb niemals nicht zwischen 8°°-12°° dort aufschlagen kann. Dann sind höchstens 5-10 Leute vor einem.
:-)
Nicole-Mathea

Braut des Lammes hat gesagt…

An sich keine schlechte Idee, zumal man sich das Anstehen um die Wartenummer spart (wenngleich ich vor Ort den Eindruck hatte, Leute mit Termin warteten - anders als etwa bei Visastellen - auch nicht signifikant kürzer). Einen solchen Termin muß man auf diesem Amt aber mehrere Tage vorher beantragen, und in diesem Falle hieß es, jetzt oder nie! Ich brauchte den Ausweis am übernächsten Tag.

kalliopevorleserin hat gesagt…

Aber ohne dies kafkaeske Erlebnis hättest Du diesen herrlichen Artikel nicht geschrieben. So hat alles sein Gutes. Na, fast alles.

Anonym hat gesagt…

Nach dieser Reise ins Imperium des hl. Bürokratius gehen wir nach Hause und legen uns Reinhard Meys "Einen Antrag auf Erteilung eines Antragformulars" auf.

Zwetschgenkrampus

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