Samstag, 8. März 2014

Zurückkehren zum Staub der Erde

Zu der geplanten Eröffnung eines Pavillons am Alexanderplatz, in dem die „Körperwelten“ des Plastinators Gunther von Hagens dauerhaft Platz finden sollen, hat sich zu Recht der Kunstbeauftragte des Erzbistums, P. Georg Maria Roers SJ geäußert: „Der Bildungsanspruch ist so schal wie die Behauptung, daß die Menschen, die hier gezeigt werden, Kunstwerke seien.“ In der Tat.

Anfänglich war ich von Hagens’ Ausstellungen gegenüber, bei denen seinerzeit auch in der badischen Provinz die Leute den Museumsplatz hinunter anstanden, eher indifferent: hatten die so Ausgestellten doch angeblich oder auch tatsächlich ihre Einwilligung erteilt, sich derart plastinieren und ausstellen zu lassen – was soll man da sagen? Schön ist es nicht, die Pietät verletzt es in jedem Fall, vielleicht aber deren Sache. Später wurde ruchbar, daß von Hagens auch die Körper von in China Hingerichteten verwendet habe; so ganz entkräftet werden konnte dieser Vorwurf meines Erachtens nicht.

So etwas war zu allen Zeiten der Gipfel der Entwürdigung des Umgangs mit Todeskandidaten beziehungsweise deren Überresten: die Verweigerung eines ordentlichen Begräbnisses, einer Stätte, an der der Verurteilte ungeachtet seines ehrlosen Todes wenigstens ruhen konnte wie alle anderen auch, ein letzter Schimpf, der ihm angetan wurde und gegen den er sich nicht zur Wehr setzen konnte. Sei es, daß man die Köper zum Fraß für Vögel hängen ließ, sei es, daß die Leichen der Hingerichteten öffentlich seziert wurden. Rembrandts düsteres Werk Die Anatomiestunde des Dr. Deymann wirft darauf ein anklagendes Licht. Es zeigt die Sektion des am Galgen hingerichteten flämischen Schneiders Fonteijn. Aus dieser Perspektive erscheint die Vorstellung, zurückkehren zu dürfen zum Staub, schon fast als Erfüllung einer Sehnsucht, jedenfalls als tröstlich. Um so schlimmer, wenn sie verweigert wird.

Die Anatomiestunde des Dr. Deymann, 1556
Ein Teil des Visible male

Solche Dinge gehören teilweise auch gar nicht so sehr der Vergangenheit an, wie man, abgesehen von den „Körperwelten“, vielleicht denken mag. So führt der Mathematiker Peter Deuflhard in Maler, Mörder, Mathematiker das Projekt des Visible male an: den im Jahre 1993 in Huntsville hingerichteten Mörder Joseph Jernigan, dessen Körper unmittelbar nach der Hinrichtung in blaue Gelatine eingelegt und in rund 1800 millimeterdicke Scheiben zersägt wurde. Jede dieser so gewonnenen Schichten wurde einzeln abgelichtet und dann pixelweise digitalisiert, später wurden sie von der U.S. National Library of Medicine ins Internet gestellt und sind dort nach wie vor abrufbar. Jernigan hatte zwar seinen Körper der Medizin vermacht, konnte aber die Tragweite seiner Entscheidung meines Erachtens weder überblicken noch überhaupt voraussehen.

Prompt kommentiert unter der Stellungnahme P. Roers zum geplanten Körperwelten-Pavillon jemand, Katholiken hätten doch schließlich ihre eigenen „Körperwelten“ – etwa das Beinhaus von Sedlec. Über dieses hatte ich mir ja schon einmal Gedanken gemacht, allerdings ganz andere. Ich halte das Beinhaus von Sedlec für ein Bekenntnis zur Auferstehung:
Die Geschichte dieses eigenartigen Beinhauses erklärt aber wiederum manches: die Gebeine stammen hauptsächlich von Opfern des Schwarzen Todes; ursprünglich in Massengräbern verscharrt, erwarten über vierzigtausend von ihnen hier die Auferstehung des Fleisches, ihre Knochen sind teils phantastisch angeordnet, sie bilden Leuchter, Girlanden, formen die Umrisse von Monstranzen und Kelchen nach.
Der Vergleich mit Sedlec oder vielleicht auch mit Reliquien wie derer der Katakombenheiligen geht meines Erachtens an der Sache vorbei: Beinhäuser wie Reliquien anerkennen die Vergänglichkeit. Nicht nur die Vergänglichkeit des irdischen Lebens, sondern auch die Herrlichkeit und Unsterblichkeit des ewigen, zu dem diejenigen, denen diese Überreste gehörten, hinstrebten.

Reich geschmückte Reliquien
eines sogenannten Katakombenheiligen
Der Schrein mit dem unverweslichen Leib der
hl. Teresa Margareta Redi im Chor der Karmelitinnen
von S. Teresa in Florenz
Die Körperwelten verherrlichen dagegen, wenn überhaupt etwas, die menschliche Anatomie – als Freizeitvergnügen. Wenn man gerade einmal auf dem Alexanderplatz ist, besichtigt man halt auch noch einige Plastinate, wie man den Fernsehturm besichtigt. Da einige dieser „Exponate“ in ihrer Verfremdung ausgesprochen monströsen Charakter haben – andere verletzen dagegen noch im Tode das Gebot der Sittsamkeit – wird das wohl so eine Art Kombination aus Disneyland und Gruselkabinett. Nur sind das keine Wachsfiguren. Reliquienschreine wie Beinhäuser sind Gräber, eine Plastinat-Ausstellung hingegen nicht. Reliquien und Beinhäuser haben Würde, von Hagens’ „Körperwelten“ (ebenso wie letztlich die Schaulust ihrer Besucher) entbehrt ihrer völlig.

Gedenke, Mensch, daß du Staub bist. Die Menschen im Beinhaus von Sedlec oder auch die schön geschmückten Katakombenheiligen haben das getan: sie sind zurückgekehrt zum Staube der Erde und harren der Auferstehung. Von Hagens Plastinate hingegen sind ihrer ganzen Art nach nicht dafür gedacht, zurückzukehren zum Staub der Erde. Womöglich ist auch das das Provokative, wenn nicht das moralisch Verwerfliche daran: es sind Menschen, denen die Rückkehr zum Staube der Erde vorenthalten wird.

Kommentare:

Psallite Deo hat gesagt…

Mein Kommentar ist ziemlich lang geworden, daher habe ich dann doch einen eigenen Post draus gemacht:
http://psallitedeo.blogspot.de/2014/03/wissenschaft-und-totenruhe.html

Bettina Klix hat gesagt…

Liebe Braut des Lammes,
Sie haben in allem recht! Mir kam in den Sinn, dass jene Zustimmung zu einer solchen Verwendung des toten Körpers ja letztlich nun wertlos ist, denn aus irgendeinem Grund bin ich mir sicher: wenn diejenigen gewusst hätten, was sie jetzt wissen, hätten sie nie und nimmer zugestimmt. Kennen Sie das Buch "Das wahre Gesicht der Heiligen" von Wilhelm Schamoni? Darin geht es um den besonderen Moment des Todes, wenn die Seele sich nicht nur vom Körper sondern auch von der Welt trennt - also auch von falschen Vorstellungen über das Danach, sage ich dazu. Schamoni meint, dass eine Totenmaske mehr über einen Menschen, besonders aber einen Heiligen, weil er so "kongruent" ist (meine Formulierung) aussagt als das beste Porträt. Die auch (wo noch vorhanden) abgebildeten Schädel und mumifizierten Köpfe sind für mich als nicht an den Anblick herangeführte Konvertitin allerdings nur sekundenweise anzublättern...

Braut des Lammes hat gesagt…

Es war nicht mein Ansatz, daß etwa niemals eine Sektion stattfinden dürfe, sondern daß seinerzeit überhaupt nur an Hingerichteten eine Sezierung möglich war, und um dieses Anspruchs willen eben oft die öffentliche Sektion als Vorführung. Ehrbar gestorbene Menschen wurden wenigstens in den Kulturkreisen der abrahamitischen Religionen niemals seziert – das ist ein grundlegender Unterschied gegenüber der Anatomie der jüngeren Zeit. Leonardo da Vinci hat seine anatomischen Skizzen von heimlichen Sektionen der Leichname Hingerichteter. Die Medizin seziert heute, um Verbrechen aufzuklären oder zu Schulungszwecken, dann jedoch nicht ohne Einverständnis derjenigen, deren Körper der Anatomie zur Verfügung
stellen, und unter ehrenhaften Umständen. Wer bei anatomischen Schulungen als Student gegen die Würde des Leichnams verstößt, wird exmatrikuliert und kann nicht weiter Medizin studieren.

Die ethische Diskussion, die sich am Falle Jernigans entzündet hat gilt weniger der Vorgehensweise. Jernigan hatte seinen Körper der Medizin vermacht, aus dem Gefühl heraus, er wolle der Gesellschaft etwas zurückgeben für das, was er ihr durch seine Verbrechen genommen habe. Der Punkt ist, daß Jernigan die Einstellung ins Internet und in Datenbanken überhaupt nicht absehen konnte, somit kann er, in Unkenntnis der Tragweite dieses Projekts, auch nicht zugestimmt haben, daß sein Leichnam in dieser Weise und ad saecula saeculorum betrachtet und genutzt wird.

Ägyptische Mumien hatte ich genau deshalb nicht einbezogen, weil sie einerseits nicht angesprochen waren, ich mir darüber auch noch nicht recht klargeworden bin. Es ist schon die Frage, ob es ihnen recht wäre, wenn wir ihre Körper heute in dieser Weise betrachten. Ich meine jedoch, in aller Regel würde man Mumien wenigstens im Sarkophag zeigen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Liebe Bettina,
von dem Buch Schamonis habe ich digital einige Seiten gesehen, vor allem aber das gelesen, was Thomas Merton darüber schreibt: er schildert seine eigenen Eindrücke beim Betrachten der Gesichter einiger Heiliger, was beim Stil des Autors kurzweilig zu lesen ist. Ihr Kommentar macht aber Lust, sich das ganze Buch einmal anzusehen.

(Ich bin übrigens auch nicht mit Schädeln von Reliquien großgeworden. Als Kindheitserinnerung ist mir immerhin ein Besuch im Speyerer Dom mit brokatgekleideten Skeletten in Glassärgen geblieben. Das fand ich als damals angenehm gruselig.

Presbyter hat gesagt…

Freudscher Verschreiber: Auch wenn man ii alter Zeit nicht zimperlich war, sind oben wohl die "Verurteilten" und nicht die "Verteilten" gemeint.
Ansonsten volle Zustimmung zum Artikel.

Braut des Lammes hat gesagt…

Aua – danke für den Hinweis, Presbyter, und willkommen auf dem Blog. Das scheint wirklich ein Freudscher gewesen zu sein, ich habs korrigiert.

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