Samstag, 1. März 2014

Verschwörungstheorien sterben nimmer aus

Verschwörungstheorien gibt es ja immer mal wieder, einige halten sich jahrzehntelang, wie etwa die von der nie stattgefundenen Mondlandung. Daß es auch zu Papst Benedikt anscheinend mindestens eine gibt, habe ich erst letzte Woche anläßlich des Erscheinens Benedikts beim Konsistorium der Kardinäle gelesen, als der Jahrestag des Amtsverzichts herankam: Papst em. Benedikt sei Opfer einer Verschwörung geworden, die zu seinem Amtsverzicht führte. Benedikt sei eigentlich gar nicht vom Amt zurückgetreten und daher immer noch Papst, vielleicht auch ein „Schattenpapst “– eine Vorstellung, die der italienische Blogger Andrea Tornielli als „Lichtjahre vom wahren Ratzinger entfernt“ bezeichnet. Das Gegenteil ist wahr: Benedikt sieht, seinen eigenen Worten zufolge, seine letzte irdische Aufgabe darin, seinen Nachfolger im Gebet zu unterstützen.

Die Idee an sich ist ja nicht wirklich neu: Mal ist der Papst zu irgendwas gezwungen worden, mal hat man irgendwas von ihm „ertrotzt“ (obwohl er doch vorher der und der Seligen versprochen haben soll, genau das niemals zuzulassen und es danach expressis verbis doch getan hat), bald konnte er gar nicht „gültig“ auf das Amt verzichten und sei daher noch Papst, und nun schließlich würde er vielleicht gar in Mater Ecclesiae quasi gefangengehalten.

Liebe Güte! Ich traue den Päpsten der vergangenen Jahrzehnte – unter denen sich, wie ich neulich mit Entzücken festgestellt habe, eigentlich nur[1] heiligmäßige Männer befanden – einiges zu, nicht aber, daß sie sich gegen Zwang oder Versuche, sie in Marionetten zu verwandeln, nicht hätten wehren können oder klar zum Ausdruck bringen, was ihre Überzeugung ist. Klarer und zugleich liebenswürdiger als Benedikt in seiner Erklärung anläßlich des Amtsverzichts kann man sich eigentlich nicht ausdrücken.
…die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen. Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, daß ich mein Unvermögen erkennen muß, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen. Im Bewußtsein des Ernstes dieses Aktes erkläre ich daher mit voller Freiheit, auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, das mir durch die Hand der Kardinäle am 19. April 2005 anvertraut wurde, zu verzichten…
In seiner letzten Audienz am Aschermittwoch des vergangenen Kirchenjahres fügte er in einer bewegenden Ansprache hinzu:
„Das „Immer“ ist auch „für immer“: Es gibt keine Rückkehr ins Private. Meine Entscheidung, auf die aktive Ausübung des Dienstes zu verzichten, widerruft das nicht. Ich kehre nicht ins Privatleben zurück, in ein Leben der Reisen, Begegnungen, Empfänge, Konferenzen und so weiter. Ich verlasse nicht das Kreuz, ich bleibe auf eine neue Weise beim gekreuzigten Herrn. Ich habe nicht mehr die Amtsgewalt für die Regierung der Kirche, aber ich bleibe im Dienst des Gebets sozusagen im Bereich des heiligen Petrus. Der heilige Benedikt, dessen Namen ich als Papst trage, wird mir darin immer ein großes Beispiel sein. Er hat uns den Weg gezeigt zu einem Leben, das – aktiv oder passiv – doch vollständig dem Werk Gottes gehört.“
An diesen Worten Benedikts bei seiner letzten Audienz hatten sich dann offenbar Deutungen entzündet, da zumindest in der englischen Fassung der Ansprache der Satz mit dem „Bereich des hl. Petrus“ schönerweise mit „I remain, so to speak, in the enclosure of Saint Peter“ übertragen wurde. Enclosure, Klausur, paßt ja für das zurückgezogene Leben des Gebets und der Betrachtung, das er sich in Mater Ecclesiae erwählt hat. Es mag auch „auf dem Gebiet des hl. Petrus“ (seines Grabes, der Basilika, die unter seinem Patrozinium steht) bedeuten. Jedoch haben einige darin das Eingeschlossensein in einer Art Gefangenschaft hineingeheimnist. Kein Wunder, daß Benedikt solches Gerede in der Beantwortung einiger Fragen Andrea Torniellis schlichtweg als „einfach absurd“ bezeichnet.

Kaum einer, der Benedikt, Franziskus und die Kardinäle beim Konsistorium gesehen hat, käme wohl auf eine solche Idee. Auch habe ich mit Freude festgestellt, daß Benedikt wieder viel gesünder aussieht als noch vor einem Jahr.

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[1] nach den Päpsten Johannes XIII. und Johannes Paul II. ist wohl auch bald mit der Seligsprechung des ehrwürdigen Dieners Gottes Paul VI. zu rechnen (jubilate!), die Verfahren für Pius XII. und Johannes Paul I. werden betrieben.

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