Dienstag, 4. März 2014

O tempora, o mores!


Früher™ hat man in der Bücherei um Ruhe gebeten, und diese war auch ein Ort der gesegneten Ruhe, einer der wenigen in großen Städten. Heute werden dort Ohrstöpsel aus dem Automaten angeboten. Also, so kann man es natürlich auch machen: das Problem mangelnder Sozialisierung anderer Leute auslagern an das einzelne Individuum, das sich dann davor zu schützen hat („Sie können ja Ohrstöpsel verwenden, wenn Ihnen mein Geschrei nicht paßt!“). Ich hab das Teil zuerst prompt für einen Kaugummiautomaten gehalten – als wenn ein solcher in der Bibliothek wahrscheinlich wäre!

Faszinierend: am angegebenen Ort Türschränke nun mit Zahlencode anstatt eines total netten Mannes mit Garderobenmarken. Das befreit einen zwar vor der Furcht, die Marke zu verbummeln und dann im besten Fall darauf warten zu müssen, bis wirklich alles andere abgeholt wurde, wirft aber neue Bedenklichkeiten auf: anscheinend gibt es solche Menschen, die überhaupt nichts anderes tun, als in der Nähe der Schränke herumzustehen und spähende Blicke auf eingegebene Kombinationen zu werfen. Was hindert dann den nächsten besten daran, meinen Schrank zu öffnen? Ich möchte zudem nicht wissen, wie viele alle verschlossenen Schränke mit so aparten und ungewöhnlichen Kombinationen wie „1234“ oder „0815“ durchprobieren. Und: wo ist wohl der nette Mann an der Garderobe hingekommen?

Die wenigen Regale mit Belletristik sind übrigens zur Zeit schlechterdings fast unauffindbar, man muß eine Schatzkarte zur Hilfe nehmen. Auf dem Rückweg zum Regal bin ich genauso orientierungslos herumgetappt, weil ich vergaß, mir eine Landmarke einzuprägen. Es ist der Ohrstöpselautomat.

1 Kommentar:

Sursum corda hat gesagt…

Mittlerweile sind selbst Universitätsbibliotheken nicht mehr von solchen negativen Umbrüchen verschont. Hier in der Paderborner UB gibt es gratis Ohrstöpsel und die Studenten benehmen sich zischen den Regalen, als seien sie auf marktplatz oder Basar. Von Ruhe kann keine Rede sein.

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