Montag, 10. März 2014

Auflassung der Kartause von Vedana in Italien


Brunonis berichtet, daß die Kartause von Vedana zum Sommer aufgelassen wird. Der Grund dürfte nach eigenen Angaben darin zu sehen sein, daß dort seit längerem keine Novizinnen mehr eingetreten sind, eine Entwicklung, die irgendwann fast unumkehrbar scheint. Oft ist es so, daß dort, wo viele Novizinnen sind, noch mehr eintreten. Umgekehrt, wo seit vielen Jahren niemand mehr eingetreten ist, mag irgendwann die Kluft zu groß werden, und ab einem gewissen Punkt ist die Aufrechterhaltung eines geregelten Konventslebens auch kaum noch möglich. Diesen Punkt scheint Vedana vorausgesehen oder schon erreicht zu haben, zumal die Konventsgebäude einer Kartause naturgemäß riesig sind. Die Kartause von Vedana liegt, wie für den Orden typisch, in der Einöde, in einem Waldgebiet beim italienischen Sospirolo. Dort kommt man natürlich nicht mal eben so vorbei wie an einem Stadtkloster und denkt, was gibt es denn hier?, sondern man fährt gezielt hin, wenn man bereits einen Eintritt bei den Kartäuserinnen erwägt.

Die Lebensweise ist die Verborgenheit selbst, selbst von ihren Heiligen und Märtyrern hört man kaum. Groß war der Kartäuserorden in den vergangenen Jahrhunderten nicht mehr, auch strebte er gar nicht nach Größe in dieser, sondern nach der unvergänglichen Welt. Etwas, das Frossard mit der Überquerung eines Meeres verglich, bei der man den Weg von Stern zu Stern nimmt, als Vorhut der Christenheit.

Mir tut es leid um Vedana. Nicht nur weil es eine der ohnehin wenigen Kartausen für Frauen ist (in Deutschland etwa gibt es gar keine, in Italien zwei, in Frankreich zwei, in Spanien eine). Vedana war eines der beiden Klöster, in denen die Nonnen unter den Kartäuserinnen die Möglichkeit hatten, wie die Chormönche in Zellenhäuschen zu leben. Mir ist der Gedanke ein Trost, daß in der Nacht Menschen aufstehen, um für diese Welt, für uns, zu beten. Zu der Stunde, in der die Nacht am dunkelsten und für manchen am verzweifeltsten ist, stehen sie auf und verwenden sich für uns bei Gott.


Der Weg zur Kartause Vedana (Fotos oben: Matteo Paglione)
Kartäuserin beim Läuten der Glocke. Das Gemälde im
Kreuzgang zeigt die zwölf klugen Jungfrauen, die dem
Herrn mit ihren Lampen entgegengehen, im Habit der
Kartäuserinnen und mit den Kronen der Jungfrauen
(nach altem Brauch kann den Nonnen
die Jungfrauenweihe gespendet werden)
Thomas Merton, der sich selbst nach dem Einsiedlerleben sehnte, hat in seinen Erinnerungen sehr schön und anrührend zum Ausdruck gebracht, was das Wesentliche und Anziehende dieser Form des Lebens ist.
Es war etwa drei Wochen vor Ostern. Ich dachte immer öfter an das Trappistenkloster, in dem ich die Karwoche verbringen wollte. Eine Tages ging ich auf die Bibliothek und las in der Catholic Encyclopedia den Artikel über die Trappisten. Daraus ersah ich, daß die Trappisten Zisterzienser waren, und als ich die Zisterzienser nachschlug, stieß ich auf die Kartäuser und fand dort eine prächtige große Wiedergabe der Einsiedeleien von Camaldolese.

Der Anblick des Bildes und die Lektüre schnitten mir wie mit einem Messer ins Herz. Was für ein wundervolles Glück gab es immer noch auf Erden! immer noch lebten Menschen auf dieser elenden, lärmerfüllten, grausamen Erde, welche die herrliche Freude des Schweigens und der Einsamkeit genossen und in verborgenen Berg-Zellen wohnten, in geschlossenen Kloster, wo die Neuigkeiten, Wünsche, Begierden und Streitigkeiten der Welt sie nicht mehr erreichten.

Sie waren frei von der Tyrannei des Fleisches. Ihr klares, vom Demut und bittern Stachel der Welt gereinigtes Auge schaut zum Himmel empor und dringt ein in die Tiefen des unendlichen, erlösenden himmlischen Lichts.

Sie waren arm, besaßen nichts, deshalb waren sie frei und besaßen alles. Alles, was sie berührten, war gekennzeichnet vom göttlichen Feuer. Sie arbeiteten mit den Händen, pflügten und eggten schweigend die Erde, säten in der Verborgenheit, sammelten ihre geringe Ernte und nährten sich selbst und andere arme Menschen davon. Sie bauten sich ihre Häuser selbst, stellten die Hausgeräte und ihre rauhe Kleidung mit eigener Hand her. Und alles um sie herum war einfach, primitiv und arm. Und weil sie geringsten und kleinsten unter den Menschen waren, hatten sie sich selbst verbannt und suchten außerhalb der Mauern der Welt den armen, von den Menschen verstoßenen Christus.

Vor allem hatten sie Christus gefunden und kannten die Macht, Süßigkeit, Tiefe und Unermeßlichkeit seiner Liebe, die in ihnen lebte und wirkte. In ihm, in seiner Geborgenheit waren sie „arme Brüder Gottes" geworden. Und aus Liebe zu ihm hatten sie alles von sich geworfen und sich selbst verborgen im Geheimnis seines Angesichts. Weil sie nichts hatten, waren sie die reichsten Menschen der Welt und besaßen alles. Denn in dem Maße wie die Gnade ihre Herzen von irdischen Wünschen befreite, erfüllte sie der Geist Gottes. Und die „armen Brüder Gottes“ in den Zellen kosteten in ihrem Innern die verborgene Herrlichkeit, das unsichtbare Manna, die unendliche Speise und Stärke der göttlichen Gegenwart. Sie erlebten das süße Frohlocken der Furcht Gottes, welche die erste nahe Berührung mit der göttlichen Wirklichkeit darstellt, in der wir auf Erden den Anfang des Himmels empfinden.

Die Furcht des Herrn ist der Anfang des Himmels. Den ganzen Tag lang spricht Gott zu ihnen: die reine Stimme Gottes, die ihnen, aus seiner gewaltigen Ruhe heraus, die Wahrheit schenkt – so einfach und unvermittelt, wie im Frühling die Quellen springen. Und auf einmal ist die Gnade in immer größerer Fülle in ihnen, sie wissen nicht von woher, und dieser Einzug der Gnade beschäftigt sie völlig und erfüllt sie mit Liebe und Freiheit.

Und die in allen ihren Werken und Regungen überfließende Gnade verwandelt ihr ganzes Tun einen Akt der Liebe, durch den sie Gott preisen, nicht mit Taten und äußerm Prunk und Gebärden, sondern in der Einfachheit und Gestalt der höchsten Vollkommenheit, einer so großen Vollkommenheit, daß man sie gar nicht mehr bemerkt.

Auch in der Welt draußen gibt es heiligmäßige Menschen, die sich bemühen, in jeder Lebenslage ihre Liebe zu Gott zu beweisen und die sich stets all dieser Möglichkeiten bewußt sind. Diese verborgenen Menschen aber sind Gott in ihrer Verborgenheit, in der sie nichts anders mehr sehen als ihn, näher gekommen. Sie sind mit ihrem Ebenbilde verschmolzen, so daß kein Unterschied mehr besteht zwischen ihnen, die empfangen, und Gott, der gibt, weil der Abstand zwischen ihnen ausgelöscht ist. Sie leben in ihm. Sie sind zu nichts geworden und haben sich in ihn verwandelt durch die reine, absolute Demut ihrer Herzen.

Und die Liebe Christi strömt über in diesen reinen Herzen, macht sie zu Kindern und verlieht ihnen einen Hauch der Ewigkeit. Alte Männer, mit Gliedern wie Baumwurzeln, bekommen Kinderaugen und leben unter ihrer grauen Mönchskutte wie in der Ewigkeit. Und alle, die jungen wie die alten, haben kein Alter mehr, sind Gottes kleine Brüder, sind kleine Kinder, für die das Himmelreich geschaffen ist,

Tag für Tag führt sie der Kreislauf der kanonischen Tagzeiten zusammen, und ihre Liebe klingt auf in Gesängen, die ernst, graniten und süß sind wie Wein. Sie stehen da und verneigen sich während ihres langen, feierlichen Psalmensingens. Ihr Gebet schwillt an und versinkt ins Schweigen, und plötzlich lodert es auf in einem flammenden Hymnus und erstirbt wieder im Schweigen; und fast unhörbar entschwindet die leise uralte Stimme, de das Schlußgebet spricht. Gleich Seufzern huscht das vielstimmige Geflüster des Amen um die Steine – schon brechen die Mönche die Reihen, während einige noch betend im halbleeren Chor zurückbleiben.

Auch in der Nacht erheben sie sich und erfüllen die Dunkelheit mit ihrem starken, geduldigen, bittenden Flehen zu Gott. Und die Kraft ihres Gebets (denn der Geist Christi hüllt seine Macht in ihre Worte) hält den Arm Gottes wunderbarerweise davon ab, die schmutzige Welt voller Lüsternheit, Habsucht, Mord und allen Sünden zu schlagen und zu zermalmen.

Der Gedanke an diese Klöster, ihre fernen Chöre, die Zellen, Einsiedeleien, Kreuzgänge, die Männer in ihren Kutten, die armen Mönche, diese Menschen, die sich erniedrigt hatten, zerriß mein Herz.

Augenblicklich öffnete sich das Verlangen nach dieser Einsamkeit in mir wie eine breite Wunde. Ich mußte das Buch mit dem Bild von Camaldoli und den bärtigen Einsiedlern, die auf der steinigen Straße zwischen den Zellen standen, schließen, trat aus der Bibliothek, und versuchte, die glimmenden Kohlen, die einen Augenblick lang in mir zur Flamme aufgelodert waren, zu löschen.

Kommentare:

jos.m.betle hat gesagt…

Neben der uralten (Mönchs) Kartause Vedana sind die beiden Kartausen S. Francisco Diego Italien und Reillanne in Frankreich neu für Kartäuserinnengebaut worden. Das gilt auch für die koreanische Kartause, die sich noch in ihrer Anfangsphase befindet. Nonenque in F und Benefacar in Sp. konnten so umgebaut werden bzw es konnte angebaut werden, dass auch hier die Kartäuserinnen viel mehr Raum für ihre Einsamkeit gewonnen haben.

Es mag sein, dass Ihre Diagnose stimmt, dass, wenn einmal einige Jahre und mehr, keine Neueintritte waren, es Anwärterinnen schwer fällt, gerade dort einzutreten. Ob es so ist vermag ich nicht zu bestätigen. Es mag auch ein Problem solch spezieller monastischer Berufungen sein. Ich gebe zu erwägen, dass es niemals viele Kartäuserinnen gegeben hat. Aber es könnte vielleicht auch sein, dass der "Orden" der Gemeinschaften der Schwestern von Bethlehem, die ja viele Berufungen haben und im Kloster "Maria im Paradies" sogar ein volles Haus, Frauen anspechen, die auch einmal an die Kartäuserinnen gedacht haben. Ein weiteres, vielleicht kann man sagen europäisches Problem, ist der Tatsache geschuldet, dass heute viele Berufungen erst im vorgeschrittenen Alter daran denken ins Kloster zu gehen. Im Kartäuserorden ist man diesbezüglich aber sehr strikt und nimmt ohne ganz wichtige Gründe niemand über 45 Jahre auf. Bei den Trappisten ist das nicht der Fall, dort gibt es viele Neueintritte im vorgerückten Alter.

Sind wir dankbar und freuen wir uns darüber, dass die deutsche Kartause Marienau (im Verhältnis) viele Berufungen hat und einen ausgewogenen Personalstand.

Grüß Gott, liebe Braut des Lammes.

martina hat gesagt…

Schade! Es tut mir sehr leid.

Anonym hat gesagt…

Das ist sehr traurig und ich bete für die Nonnen von der Kartause Vedana.

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