Sonntag, 9. Februar 2014

There is something rotten in the state of Denmark

Der 18 Monate alte Giraffenbulle Marius
Ist das elend: Gestern spät nachts hab ich bei der BBC noch gelesen (es gab extra ein Spruchband über den Bildschirm) und gesehen, daß sich ein englischer Wildtierpark spontan bereiterklärt hat, einen anderthalbjährigen jungen Giraffenbullen bei bester Gesundheit zu nehmen, den ein dänischer Zoo nicht mehr wollte, und angeblich auch kein anderer.

Nichtsdestotrotz hatte man es in Kopenhagen offenbar eilig und auch ansonsten legt man das Gemüt eines Metzgerhundes an den Tag: heute morgen fraß das Tierchen eine letzte Handvoll Weizenbrot und wurde vor Besuchern mit Scharen von Kindern mit einem Bolzenschuß getötet, zerlegt und, wie vorher angekündigt, an die Löwen verfüttert. Armer Marius! (Und arme Menschen, die zu einem solchen Schauspiel herbeieilen und es ihre Kinder sehen lassen.)

Die BBC sprach gestern nacht von „destroyed“, eine Wortwahl, die mich zum Nachdenken angeregt hat. Der junge Bulle ist im Prinzip ein Werk des Menschen, denn das Tier lebte und starb unter diesen Bedingungen, weil Menschen es so wollten. Warum züchtet man ein Tier, wenn man es dann nicht will, weil angeblich die Gefahr der Inzucht bestehe (die hat man vorher nicht gesehen?) und behandelt es dann wie Abfall? Warum schlägt dabei sogar noch spontane Hilfsangebote aus, die in ihrer Art rührend zu nennen sind und eigentlich Hoffnung gemacht hätten in Bezug auf die Menschen? Warum geht der Mensch mit der ihm anvertrauten Schöpfung nicht besser um?

Das Schicksal des kleinen Bullen muß viele bewegt haben, es gab eine Petition, ihn zu retten, hinter dem Angebot des Wildlife Parks von Yorkshire muß ebenfalls viel Engagement gestanden haben, immerhin wäre die kleine Giraffe dann nach England gereist. Mehreren Medien zufolge gab es noch andere Hilfsangebote. Es hat aber nicht sollen sein, weil es jemand völlig unnötigerweise eilig hatte, Leben zu vernichten, das ihm anvertraut war. Um einer blödsinnigen „Policy“ willen und für ein Löwendinner. Der Zoo vergleicht sein unwürdiges Handeln mit einer vorbeugenden Impfung. Wirklich, manchmal könnte ich mich hinsetzen und weinen. Hier war jedenfalls definitiv etwas faul im State Dänemark.




Kommentare:

Gabriele hat gesagt…

Nun, die Tiere, die die Löwen sonst fressen, werden auch eigens zum Verzehr gezüchtet. Die, die wir essen ja auch. Der putzige Zoonachwuchs, den wir gerne bewundern, geht oft diesen Weg, wenn auch selten öffentlich. Kaum ein Zoo braucht noch Löwen, aber jeder will die Kleinen sehen. Viele exotische Tiere landen übrigens auf den Tellern der Kunden von Feinschmeckerrestaurants...

Braut des Lammes hat gesagt…

Ich bin nicht Gott und hab nicht bestimmt, daß Löwen Fleisch fressen sollen (und auch nicht, daß Zoos Löwen halten sollen). Diese Aktion wäre meines Erachtens allerdings absolut vermeidbar gewesen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Um das nochmal etwas zu vertiefen: ich hab selbst einen Kater und weiß, daß Tiere geschlachtet werden, damit der Kater zu fressen hat. (In freier Natur fressen Katzen ziemlich viele Insekten, die kriegt man nicht als Katzenfutter. Ergo fressen unsere Haustiere zuviel Fleisch).

Womit ich Probleme habe, ist die kalte Haltung, die ich oben mit der eines Metzgerhundes verglichen habe: Wenn zu dem fraglichen Tier offenbar eine Beziehung des Mitleids besteht und sich offenkundig jemand erbötig gemacht hat, diesem Tier das Gnadenbrot geben zu wollen, muß man es dann so elend zu Tode bringen, grad zum Trotz und weil man sich darüber erhaben glaubt?

Cassandra hat gesagt…

Manche Tiere fressen Fleisch, völlig richtig. Und den letzten Veganer-Rant darüber, daß man sogar Hunde vegan ernähren könne, habe ich noch im Ohr. Das geht- wenn man sehr viel Geld investiert auf Hundehalterseite und ziemlich viel Aufwand, den es in freier Wildbahn nicht geben wird, auf Herstellerseite.

In Tierfutter landet viel, was der Mensch nicht essen kann oder möchte.

Zoos brauchen niedliche Jungtiere und genau deshalb wurde die Junggiraffe geboren. Erwachsene Tiere locken weniger Zuschauer.

Angelofberlin hat gesagt…

Es geht nicht darum, daß oder ob Hunde und Katzen Fleisch fressen oder nicht. Was mich bei dieser Meldung schockiert hat, das ist zum einen die Tatsache, daß Tiere in Zoos von Menschen benutzt werden wie ein Gegenstand - nicht wie ein Lebewesen - um Profit zu machen. Sehr richtig die Anmerkung, daß nur Tierkinder die Massen anlocken. Warum gebe ich einem Tier einen schönen Namen und damit eine Persönlichkeit nur um es, wenn es nicht mehr gebraucht wird, zu 'zerstören'???
Zum anderen hat es mich absolut schockiert, daß Eltern MIT ihren Kindern sich dieses Spektakel angeschaut haben. Auch wenn es sich 'nur' um ein Tier gehandelt hat, das hier hingerichtet wurde - irgendwie erinnert mich ds fatal an die 'Spiele' im altrömischen Circus, wo zum Vergnügen der Zuschauer getötet wurde oder an grausame Hinrichtungen im Mittelalter (und später), die offenbar auch als Volksbelustigung vertanden wurden und zu denen Eltern ihre Kinder ganz selbstverständlich mitnahmen. ... aber hier ist es ja 'nur' ein Tier.

Braut des Lammes hat gesagt…

So sehe ich es auch. Am Tag danach, an dem es zu spät ist, ärgern auch Feststellungen wie diese, daß der Yorkshire Wildlife Park auf sein freundliches Angebot noch nicht einmal eine direkte Antwort erhalten hat, sondern wie alle anderen aus den Medien erfahren mußte, der Bulle sei bereits getötet worden. Der Kopenhagener Zoodirektor ließ indes gestern verlauten, es wäre besser, der Wildlife Park nutze den ihm zur Verfügung stehenden Raum, um ein anderes Tier unterzubringen. Als wenn es nicht Sache des Wildtierparks von Yorkshire wäre, was mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Raum anfangen!

Ein privater Käufer hat angeboten, das Tier zu übernehmen, der Zoo von Öresund wollte einspringen – Fehlanzeige. Es ist auch überhaupt nicht ersichtlich wieso man nicht noch warten konnte, um eine andere Lösung zu finden.

Wegen der Zerlegung vor Zuschauern fühlt sich Zoodirektor Bengt Holst sogar bestärkt: das Interesse der Zuschauer an der „Autopsie“ habe gezeigt, daß man richtig getan habe. Dazu fällt mir wirklich nichts mehr ein.

Cassandra hat gesagt…

Letztens brachte der Kater eine Maus auf die Terrasse zum "Spielen" und 3 von 4 Kindern saßen vor dem Fenster, zugucken.
Ich fand das auch grenzwertig, aber andererseits: Katzen sind Raubtiere, das war "der Weg des Kriegers". Trotz meiner Versuche, ihm die maus wegzunehmen, entkam er mit ihr- mehrfach.

Nur: der Kater tat das, was er nun mal tut (obwohl ich mich frage, warum er es grade auf der Terrasse tun mußte), ohne weiter drüber nachzudenken, ungeplant, einfach, weil sein Satz Instinkte ihm sagte, was zu tun ist, wenn er eine leckere Maus findet.
Die Menschen hatten es geplant und als Schauspiel inszeniert.

Vor ein paar Jahren sind in einem Zoo in Rußland Giraffenteile, denen man ansah, daß es Giraffenteile waren, verfüttert worden während Publikum da war, darunter auch Kinder, was in einem Zoo ja auch anzunehmen ist. Damals waren alle entsetzt, wie unzivilisiert das sei und da hätte man zumindest das Fell abmachen müssen damit man es nicht mehr sieht. Nun tun es die Dänen und schlagartig ist es eine lehrreiche Lektion in Sachen "Löwen essen keinen Salat". Das fällt mir auf.

Gabriele hat gesagt…

Der Zoodirektor bekommt inzwischen Morddrohungen.
Was wäre die Folgerung aus all dem? Meine Nichte ist über diesen Fragen Vegetarierin geworden und lehnt Zoos ab.Ich kanns verstehen. Zum Glück scheint sie es ihren beiden Kindern zu überlassen, irgendwann ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Bisher essen sie u.a. auch Fleisch. Ob sie auch Zoos besuchen dürfen, woran die meisten Kinder große Freude haben, weiss ich nicht. Als ich ein Kind war, starb ein Kätzchen, meine erste Konfrontation mit dem Tod. Mein Vater hat sich große Mühe gegeben, mir zu erklären, dass dies der schmerzliche Lauf der Welt ist. Obwohl ich damals erst 11 oder 12 war, ist mir dieses Ereignis in beiden Aspekten jetzt schon mehr als 40 Jahre im Gedächtnis geblieben. Löwen fressen Giraffen. Wenn sie es in freier Wildbahn tun, ist das für die Giraffe wesentlich schmerzlicher und langwieriger als ein Bolzenschuss. Und tatsächlich bleibt die Frage: warum hat Gott das so eingerichtet?

Braut des Lammes hat gesagt…

Dazu noch: was hat denn aber mein Beitrag noch mit Morddrohungen gegen zu tun? Weder hab ich sie gutgeheißen noch auch geäußert. Ansichts der Tatsache, daß Herr Holst allerdings die Wahrheit mehrfach zumindest gebeugt hat, konnte ich mich gestern allerdings des Eindrucks nicht erwehren, daß die Morddrohungen irgendwie gerade zurecht kommen, weil man dabei war, den Spieß umzudrehen und in die Offensive zu gehen – schließlich stand man grade massiv im Kreuzfeuer der Kritik.

Der Tod ist oft unvermeidbarer Teil des Lebens, hier aber wäre er vermeidbar gewesen, deshalb erregen sich meines Dafürhaltens die Leute. Ich habe versucht, im nächsten Beitrag Utterly adorable, Disneyfizierung und die „ästhetische Kluft“ – Marius zum zweiten nochmal etwas darauf einzugehen.

Anonym hat gesagt…

Ich hab auch Mitleid mit dem Tier und möchte sowas auch nicht sehen...aber, mir ist nur eingefallen: Menschen machen noch viel schlimmeres. Hier bekommt der Zoodirektor wegen der Tötung einer Giraffe Morddrohungen - und wenn jemand etwas gegen die Tötung von Menschen vor der Geburt sagt - dann muss er wohl eher selbst Morddrohungen fürchten. Hat vielleicht auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun - oder doch? Zeigt es nicht den Stellenwert, den viele einem menschlichen Leben zuschreiben?
Und: regen sich dieselben Leute auch über die massenhafte "Hinrichtung" von sog. "Nutztieren" auf? Sooo süß sind die Schweine und Kühe ja nicht...

Braut des Lammes hat gesagt…

@Anonym: dein Vergleich taugt in mehrfacher Hinsicht nur sehr bedingt, denn die Empörung über das Vorgehen des Kopenhagener Zoodirektors sagt nichts aus über den Stellenwert, den irgendjemand dem menschlichen Leben zuschreibt. Es ist ohne weiteres möglich, sich zugleich für den Schutz des menschlichen Lebens einzusetzen und achtsam mit der Schöpfung insgesamt umzugehen, da schließt sich nichts aus und man muß sich auch nicht für eines entscheiden und alles andere ausschließen.

Das Vorgehen des Kopenhagener Zoos wäre, wie bemerkt, absolut vermeidbar gewesen und man täte meines Erachtens in Kopenhagen gut daran, das endlich offen einzugestehen, anstatt immer weiter herumzueiern. Mittlerweile haben mehrere Zoos in Kanada von ihren erfolglosen Versuchen berichtet, Bengt Holst noch vor der Schlachtung zu erreichen, sie hätten die Giraffe gern genommen (der Zoo in Quebec etwa). Die Schlachtung dieses schönen und gesunden Tiers verletzt meines Dafürhaltens ein Gefühl in den Leuten, das Gefühl, daß Zoos sich um das Wohl der Tiere kümmern, daß diese dort "in Sicherheit" seien.

Auf dem Blog Greedy republicans faßt der Blogger die Verärgerung der Menschen über das Vorgehen der Kopenhagener so zusammen:

The zoo director can’t seem to understand why people are so upset. People anthropomorphize animals. And if we didn’t, zoos and aquariums wouldn’t exist. The zoo can’t have it both ways. You can’t breed an animal, name it, publicize it, make people fall in love with it and then kill it. Of course people are going to be angry.

Cassandra hat gesagt…

"Menschen machen noch viel schlimmeres. Hier bekommt der Zoodirektor wegen der Tötung einer Giraffe Morddrohungen - und wenn jemand etwas gegen die Tötung von Menschen vor der Geburt sagt - dann muss er wohl eher selbst Morddrohungen fürchten"

Ich spreche nur für ich und aus subjektiver, also nicht verallgemeinerbarer Erfahrung, aber:
das schlimmste, was mir jemals passiert ist, als ich mich gegen Abtreibung aussprach, war, daß jemand "drohte": "ich bekomme Schnappatmung, wenn ich so was höre!". Nun kann ich damit, daß jemand anderes sich so über mich aufregt, daß er oder sie (in diesem Fall sie) hyperventiliert, vergleichsweise entspannt leben. Das ist vielleicht gemein, aber es macht mir wenig moralisches Bauch- oder Kopfweh. Es folgten versuchte Beleidigungen wie "Übermutti", "Trulla" und "zu doof zu verhüten" (ich habe 4 Kinder), aber das sagte mehr über die Dame aus als über mich. Und was soll ich sagen: ich bin eine tolle Mutter, vielleicht sogar ein bißchen Übermama :-)

Auch wenn es nichts zur Sache an sich tut und off-topic ist, aber ich denke, das hier ein bißchen weniger Drama und Bedrohungsszenario gut tut.

und dann noch on-topic:
außerdem sehe ich durchaus einen Zusammenhang zwischen der Art, wie tierisches Leben als verfügbar angesehen wird und Abtreibung. Es ist Verfügungsdenken, Herschaftsdenken und "ioch darf das". Das fängt bei dem zur Urlaubszeit an der Raststätte ausgesetzten Hund an und gipfelt, wenn Kinder, egal ob geboren oder ungeboren, mißhandelt oder getötet werden weil sie "stören", "nerven" oder was auch immer.

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