Mittwoch, 15. Januar 2014

„Glaubenskrieg“ − oder doch eher die Auseinandersetzung mit der Frage des Lebens selbst?

Seminaristen des bischöflichen Kollegs Josephinum beten
vor einer Abtreibungsklinik den Rosenkranz

Das mag ja was werden! 3sat zeigt am Freitagabend die Erstausstrahlung eines Filmes Amerikas Glaubenskrieg − der Streit um die Abtreibung. Die Vorankündigung macht allerdings deutlich, woher der Wind weht. Darin lesen wir in nur wenigen Zeilen wieder einmal vom „Recht auf Abtreibung“, das vor einigen Dezennien legalisiert worden sei, und von den zunehmenden bürokratischen Schwierigkeiten, unter denen die armen Kliniken leiden müssen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Es interessiert mich, ob wenigstens der Film über den „Glaubenskrieg“ andeuten wird, daß hier auch ganz handfeste finanzielle Interessen dieser Kliniken berührt sind.
Vor 40 Jahren wurde in den USA das Recht auf Abtreibung legalisiert. Doch mittlerweile wird es immer schwieriger, eine legale Abtreibung durchzuführen. Grund sind die neuen Gesetzesverschärfungen in vielen Bundesstaaten und die Anfeindungen fanatischer Gegner. Kliniken werden mit Bauvorschriften und Gebäudeverordnungen derart bombardiert, dass sie faktisch nicht mehr arbeiten können. Demonstrationen vor Krankenhäusern und Diffamierungen gehören für Patientinnen und Ärzte zum Alltag. Immer weniger Ärzte sind dazu bereit, unter teilweise lebensbedrohlichen Bedingungen zu arbeiten: Vor vier Jahren wurde in Kansas ein Arzt von einem fanatischen Abtreibungsgegner erschossen.
Die Dokumentation "Amerikas Glaubenskrieg" zeichnet ein aktuelles Stimmungsbild der Situation in den USA. Dort gibt es sogenannte "Lebensschützer", junge Christen, die in einem dreiwöchigen Trainingscamp zu Abtreibungsgegnern ausgebildet werden. Und auch Katholische Privatschulen schicken ihre Schüler zu Demonstrationen.
So absolut unerhört es ist, Ärzte umzubringen, die solche Eingriffe vornehmen, handelt es sich doch um die Tat eines einzelnen, der sich schwer versündigt hat. Daß man aber Menschen, die sich für den Schutz des Lebens einsetzen, in Bausch und Bogen verunglimpft, geht gar nicht. Gleichsam in einem Nebensatz werden Lebensschützer unterschwellig mit Glaubenskriegern oder Terroristen verglichen, die erstmal ein Trainingscamp durchlaufen müssen, damit sie einsatzfähig sind. Wie schon zuvor die Vokabel „Glaubenskrieg“ ist dies hochassoziativ, denn wer denkt jetzt noch nicht an irgendwelche Camps im Hochgebirge für potentielle Taliban? Im selben Atemzug: „Und auch katholische Privatschulen schicken ihre Schüler zu Demonstrationen“. Äh, das hatte bitte was miteinander zu tun? Im Gegensatz zum nichtvorhandenen „Recht auf Abtreibung“ gibt es allerdings ein Recht auf Demonstrationsfreiheit und friedliche Versammlung. Und eigentlich handelt es sich auch nicht um einen Glaubenskrieg, sondern um die Auseinandersetzung mit elementarsten Fragen überhaupt: der von Beginn und Endes des menschlichen Lebens, der Frage, ob man als Mensch anderes menschliches Leben beenden oder vernichten können sollte? Eine Frage, die auch junge Menschen, sogar solche, die katholische Privatschulen besuchen, durchaus schon umtreiben kann.

Ich hoffe, der Film von Heike Slansky und Steffanie Riess geht etwas differenzierter mit diesem hochsensiblen Thema um.

Kommentare:

Andreas hat gesagt…

Ich gehe davon aus, daß sich der Verfasser der Ankündigung vom im Film vermittelten "Stimmungsbild" inspirieren ließ - solche Filme sollte man sich mutmaßlich nur anschauen, um sich einmal mehr in der Einschätzung des Medienbetriebs bestätigen zu lassen und das eigene argumentative Arsenal noch genauer zu kalibrieren. Ob ich mir das angesichts so vieler weiterer Ferkeleien dieser Tage auch noch antue, weiß ich freilich noch nicht ...

Friedlon hat gesagt…

Das, was mich am meisten erstaunt, ist, dass Bauvorschriften - Demonstrationen - Mord unter dem gemeinsamen Begriff Glaubenskrieg zusammengefasst werden, während anscheinend zwischen der Tötung eines Abtreibungsarztes und der tausendfachen Tötung ungeborener Kinder in den Augen der Filmautoren ein großer moralischer Unterschied besteht.

kalliopevorleserin hat gesagt…

Das Recht wurde legalisiert, soso. Das allein ist schon so eine unglaublich schlampige, logikfeindliche Formulierung!
Entweder man versteht "Recht" im moralischen Sinne, also das, was recht ist, wozu man von Natur aus berechtigt ist. Dazu kann Tötung nicht gehören. In diesem Fall heißt der Satz: Etwas, was es nicht gibt, wurde gesetzlich erlaubt.
Oder man versteht "Recht" im juristischen Sinne, also als etwas, was den Gesetzen des Landes entspricht. (Das ist nicht gleichbedeutend mit dem, was eindeutig gut ist - sonst wäre "eindeutig gut" in Nordkorea etwas anderes als in Deutschland.) Dann heißt der Satz: Ein Gesetz des Landes wurde zum Gesetz des Landes gemacht.

Braut des Lammes hat gesagt…

Ich frag mich immer, ob solche Beiträge eigentlich den Federn der zuständigen Redakteure entfließen, oder ist das ein Exzerpt, mit dem die Macherinnen des Films selbst ihr Werk zusammenfassen?

Anonym hat gesagt…

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=40955

LG

Ulrich

Braut des Lammes hat gesagt…

In gewisser Weise ein Trauerspiel: Selten einmal hat man eine derartig Anhäufung von Plattheiten wie Kreuzzug, fanatisch, unerbittlich, vergiftet, tiefgläubig, besessen und christlichen Fundamentalisten. „Besessen“ übrigens als Tonunterlage zu einem gehenden Rosenkranzbeter. Darüber hinaus enthält der Beitrag mehrere faktische Unschärfen, die bei guter Recherche eigentlich nicht hätten passieren dürfen. So kann Abtreibung tatsächlich zur späteren Unfruchtbarkeit führen. Im Film wird das als Lüge bezeichnet. Hierzulande wird die Patientin vorher über das Risiko einer Gebärmutterruptur belehrt.

Bei Sentenzen wie „[die]…Abtreibungsklinik wurde kürzlich von katholischen Betreibern übernommen. Seither wird auch hier nicht mehr abgetrieben. Abtreibungsbefürworter sind entsetzt." faßt man sich an den Kopf.

Anonym hat gesagt…

Es war dann auch noch spannend, wie man Randall Terry (der längst aus Operation Rescue draußen ist) mit Troy Newman verknüpfen wollte (den Rechtsstreit um die Namensrechte, der von Newman gewonnen wurde, ignoriert man dann auch noch), auch wie sehr die Abtreibungsbefürworter (die zu meinem Erstaunen auch so genannt wurden) falsch liegen mit ihren Vermutungen zur Motivation der jungen Lebensschützer, wie sehr der Films trotz aller Mühe scheiterte, die angebliche "Bösartigkeit" der meisten Lebensschützer einzufangen. Irgendwie hat dem Film auch das Verständnis gefehlt, dass man auch andere Themen wichtig finden kann, sich aber auf eines konzentrieren kann. (Ich bin z.B. auch für Verbesserungen im dt. Asylrecht, und für bessere Bildung, und für besseren Umweltschutz. Die Autoren würden aber wahrscheinlich Greenpeace-Aktivisten nicht vorwerfen, nicht gegen die Todesstrafe zu kämpfen.) Die Übersetzung erschien mir auch eher selektiv.

Es war nicht mal eine Abtreibungsklinik, sondern ein normales Krankenhaus, das in katholische Trägerschaft ging.

Braut des Lammes hat gesagt…

Vielen Dank, du hast das noch einmal sehr gut erweitert und auf den Punkt gebracht.

Die Unterstellung, die Lebensschützer würden sich nicht für Kinder, die hungern oder solche, die als Kindersoldaten mißbraucht werden, interessieren, fand ich einigermaßen erstauntlich, wie auch die Voreingenommenheit, mit der sie an auch an Aktionen wie den March for Life heragegangen sind sind. Woher meinen die beiden Fimemacherinnen das eigentlich zu wissen?

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...