Donnerstag, 9. Januar 2014

Aufbrezeln oder nicht aufbrezeln, das ist hier die Frage

Illustration von Emily Winfield Martin (Detail)
Also, manchmal denk ich, katholisch sein besteht für manche(n) vorwiegend darin, zu zergliedern, ob das, was die anderen machen, wohl katholisch oder so in Ordnung genug sei. Und eben das ist nicht katholisch. Als Christen sollen wir uns mit den Balken in unseren eigenen Augen befassen und nicht ständig um die Splitter in denen anderer Leute besorgt sein. Sei es nun, daß sich in einem Phorum seitenlange Diskussionen darüber entzünden, ob es nun „normal“ sei, daß Frauen in der Osternacht – wahlweise überhaupt irgendwann – Hosen tragen oder daß bloggerseitig das Badengehen in der Öffentlichkeit mit „die Heiligen haben es nicht so gemacht“ (weil man dazu Badekleidung tragen müßte) abgebügelt wird, sei es, daß einem die Schreiber des sogenannten „Marylike crusades“ gnädigerweise gestatten, wenigstens noch so lange T-Shirts mit Viertelärmeln zu tragen, bis die Welt (und vor allem der produzierende Handel) sich wieder zu den entsprechenden Standards bekehrt hätte. Wann das sein wird, ist glücklicherweise völlig offen. Irgendwie kann ich aber einfach nicht glauben, daß in einem unbedeckten Frauenellbogen die ganze Verderbnis Satans lauern soll.

Dazu: Leute, ich hab dieses Herumstochern in anderer Leute Kleiderschränke und -kisten so satt! Versucht als Christen doch mal, euch bei der Wahl eurer Kleider an den Maßstäben der für euch und euren Stand gebotenen Schicklichkeit und an eurem Gewissen zu orientieren und nicht zugleich das Gewissen aller anderen sein zu wollen. Dabei kann als Maßstab gelten: Gebet kein Ärgernis der Gemeinde Gottes. 

Wenn der hl. Petrus oder auch Tertullian sich auf Fragen der Kleidung oder des Äußeren bezogen, so geschah es, um sich in den aufblühenden christlichen Gemeinden überhaupt zu Fragen der zugrundeliegenden Geisteshaltung zu äußern, etwa, wenn der hl. Petrus schreibt:
Nicht auf äußeren Schmuck sollt ihr Wert legen, auf Haartracht, Gold und prächtige Kleider, sondern was im Herzen verborgen ist, das sei euer unvergänglicher Schmuck: ein sanftes und ruhiges Wesen. Das ist wertvoll in Gottes Augen.
Oder wenn Tertullian, der manchmal diesbezüglich schon ziemlich scharf werden konnte, den Mißstand kritisierte, daß da und dort die gottgeweihten Jungfrauen sich zwar auf der Straße verschleierten, in der Kirche hingegen nicht. Der hl. Paulus drückt sich ganz ähnlich aus wie Petrus, auch er gibt anständiger, bescheidener und zurückhaltender Kleidung den Vorzug.

Die Gardinenpredigerin hat passend zur Jahreszeit einen Beitrag mit der interessanten Frage eingestellt: Darf oder soll man sich zu Weihnachten aufbrezeln? Diese Frage stellte sich mir schon im jugendlichen Alter und ich hatte darauf, glaub ich, auch damals schon dieselbe Antwort: warum nicht, wenns Freude bereitet?

Was mich an dem Beitrag etwas irritiert, ist, daß er mit einer Frage anfängt, dann jedoch verliert die Autorin leider die Contenance und kommt unversehens bei einem harschen Verriß heraus. Nomen est omen? Graue Filzmäntel, fahle Gesichter, denen eine Spur Rouge nicht geschadet hätte. Da ist von Ausreden die Rede, von Faulheit und Hochmut, die darin stecke, sich eben nicht aufzubrezeln. Insofern scheint der Beitragstitel alles andere als eine Frage: Darf oder soll man aufgebrezelt erscheinen? Man hat es gefälligst zu tun!
Ist es nicht Heuchelei, ja mindestens genauso oberflächlich, sich betont ärmlich, scheußlich und uninspiriert zu kleiden, wenn man Besseres im Schrank hat? „Seht her! Ich habe alles zu bieten! Von A- bis D-mut!“?! Ist absichtliche Schäbigkeit nicht die absurdeste und zugleich ekelhafteste, da selbstgerechteste Form von Eitelkeit?
Eigentlich bin ich zwar der Ansicht, daß man leibliche Vollzüge nicht beständig durch diese verkopfte Haltung ersetzen sollte, bei der alles immer nur geistig oder geistlich gemeint ist. Gleichviel, wenn man schon den Ansatz nimmt, der Mann aus Mt 22 sei vom Hochzeitsmahl davongewiesen worden, weil es ihm an dem entsprechenden Gefühl dafür gemangelt habe, was er hier gerade tue, frage ich mich, ob hier nicht vielleicht statt der „unangemessenen“ (wer mißt das zu?) Kleidung doch eine Haltung gemeint ist, die vielleicht, in der man zur Kommunion mit dem Spruch hinzutritt „Holst du dir auch so'n Keks?“ und sich so, wie es der Apostel sagt, das Gericht ißt und trinkt?

Ich gebe es zu, mit dieser Haltung, die man manchmal antrifft, die einem auch beim Besuch einer Werktagsmesse noch Kleidung „wie zu einem Vorstellungsgespräch“ verordnen will (schließlich hätte man ja einen „Termin“ bei Gott), hatte ich es noch nie so. Man kann in diesem oder jenem Gewand demütig oder hochmütig sein. Was ist denn, wenn jemand aus diesem oder jenem Grund überhaupt nur einen grauen Filzmantel hat oder ihm dieser für den Gottesdienst angemessen erscheint?

Beim Lesen hab ich mich auch an eine Begebenheit aus meiner Sturm-und-Drang-Zeit erinnert: wie  eines Heiligabends (ich war bereits katholisch, ging aber mit dem Rest der Familie zur Christvesper, zum Fackeln und später allein zur Christmette), wir drei Schwestern uns vor dem kleinen Spiegel in der Küche zusammendrängten und vor dem Gottesdienst noch letzte Hand anlegten, was auf Lipgloss, Wimperntusche und etwas Haarwachs oder so hinausgelaufen sein muß, bis uns meine Mutter mit einem „Ihr solltet euch schämen!“ erstmal aus der Stimmung riß. Wir haben sie schon damals nicht verstanden und tun es bis heute nicht. Jedenfalls haben wir uns seinerzeit einfach seelenruhig weiter verschönert.
Ist man oberflächlich, weil man mit allen menschlichen Mitteln versucht, und seien sie noch so mangelhaft, sein Bestes zu zeigen?
Nein, aber vielleicht, wenn man die innere Haltung anderer mit „yada, yada, yada“ abtut und die Menschen danach beurteilt, in welchen Kleidern sie kommen und ob sie Rouge auflegen oder nicht. Ich hab mein Lebtag noch kein Rouge aufgelegt (vielleicht, weil ich in dem Glauben lebe, daß meine Haut weiß ist, und nicht fahl. Allenfalls bin ich von edler Blässe, habe einen alabasterfarbenen Teint, man versteht schon… ;)) Gut, von mir erwartet man das Brezeln heutzutage auch eher nicht.

Die eine wie die andere Haltung, den Menschen die Freude am Sich-verschönern vergällen zu wollen wie das Richten darüber, wenn es jemand vermeintlich nicht getan hat, finde ich etwas übergriffig. Mir ist das in gewisser Weise einerlei, wie einer zur Heiligen Messe kommt, Hauptsache, es ist in sittlicher Hinsicht angemessen, also Kleidung, die den Körper annähernd bedeckt, wäre schon schön. Ansonsten muß das doch jeder selbst wissen, ich bin nicht wegen der Kleider in der Messe, weder wegen meiner eigenen noch der der anderen.

Kommentare:

Lauda Sion hat gesagt…

Auf kath.net gab's mal einen Artikel zu dem Thema, der leider kurz darauf wieder verschwunden war, als ich ihn verlinken wollte. Die Autorin meinte u.a. Hübschmachen wäre auch ein Akt der Nächstenliebe, das alle Menschen irgendwie das Schöne lieben. Fand ich toll

Braut des Lammes hat gesagt…

War das Minrock, High-heels und das Katholische? http://kath.net/news/40029)
– da hatte ich mich bei einigen Anwüfen allerdings auch schon mühsam im Zaum gehalten.

Anonym hat gesagt…

Ich finde den Beitrag sehr gelungen zumal vor dem Hintergrund, dass ich gestern Elternabend der Konfirmanden hatte und es u.a. um die Kleiderordnung ging (Lackschuhe, Hemdfarben passend zum Altarschmuck...). Vor lauter Äußerlichkeiten geht dann leicht der Blick verloren, worauf es eigentlich ankommt. Wenn dann noch jmd. kommt und will 'nen Jesus-Keks schwillt mir der Kamm.
Den Beitrag hätte ich gerne gestern als spirituelle Einstimmung vorgelesen.

Anonym hat gesagt…

Ach, es wird immer diese oder jene geben, die meinen sich das Maul zu zerreissen über jemand anderen. Ich empfehle dann sich selbst denn Song:" Laß die Leute reden..." von den Ärzten vorzusingen. Solange ich nicht im Bikini oder gar nackert(Wir hatten da ja neulich diese Dame hier in Kölle... ) in die Messe gehe sollen die Leute sich um ihren eigenen Sch... kümmern.
LG, Nicole-Mathea

Josef Bordat hat gesagt…

Ich kenne das Thema Äußerlichkeit / Innerlichkeit von der Firmkatechese (http://jobo72.wordpress.com/2013/05/02/generalprobe/).
LG, JoBo

Admiral hat gesagt…

(Ich abboniere jetzt hier nur Kommentare :-) )

Braut des Lammes hat gesagt…

@Josef, köstlich, danke! :)

Anonym hat gesagt…

Liebe Braut des Lammes,

ich habe ziemlich eindeutig geschrieben, dass ich weiß, dass die meisten Gemeindemitglieder besser könnten, weil ich sie von Veranstaltungen kenne, bei denen es ihnen offensichtlich wichtiger ist, sich mit ihrem Äußeren Mühe zu geben. Die sehen genau so aus, wie sie mir jeden Tag unterkommen: im Supermarkt oder beim Spazierengehen mit dem Hund.

Wenn die Damen nämlich im Chor singen oder wenn der Herr Pfarrer Geburtstag hat, dann wissen sie plötzlich wieder, was sie alles haben und können.
Dass das, was Innen liegt das ist, was eigentlich wichtig ist, brauche ich nicht zu betonen. Dass ein schönes Äußeres kein Garant für einen guten Charakter ist, lernt jedes Kind schon bei den Gebrüdern Grimm. Dass aber ärmliches Aussehen auch kein Garant dafür ist, erscheint vielen Leuten faszinierenderweise unerhört. Ich befand es für nötig, das zu sagen. Ich befand es ferner für nötig, darauf hinzuweisen, dass man auch in der Demut aufdringlich sein kann und damit das genaue Gegenteil von demütig.

Ansonsten: Kritik gehört. Vielleicht hätte ich weniger auf den Äußerlichkeiten herumhacken sollen.

Beste Grüße, Raschelmaschine

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