Samstag, 7. Dezember 2013

Sacrosanctum Concilium und viele Fragen

Bei New Liturgical Movement ist anläßlich des 50. Jahrestages des Konzilsdokuments Sacrosanctum Concilium ein interessanter Beitrag erschienen: Is your liturgy like what Vatican II intended? Der Autor, Peter Kwasniewski, stellt anhand einer beispielhaften Auflistung von zwölf Punkten, die sich auf das Konzilsdokument stützen, die Frage, ob dies die Erfahrung sei, die man Woche für Woche im Gottesdienst mache?

In der Tat habe ich mich manchmal auch schon gefragt, was ist eigentlich aus vielen dieser schönen und hoffnungsvollen Ansätze geworden? Etwa der gemeinsamen Sonntagsvesper in unseren Pfarrkirchen?[1] Oder dem häufigen Gebrauch der lateinischen Sprache im Ordinarium, dessen Texte möglichst nicht durch irgendwelche Liedparaphrasen ersetzt werden sollen? Oder dem oftmaligen Singen des gregorianischen Chorals, der in den liturgischen Handlungen den ersten Platz einnehmen soll? (Ich muß gestehen, ich könnte wahrscheinlich kein deutsches Gloria auswendig sprechen, ohne ins Holpern zu geraten, wohl aber könnte ich es auswendig singen, deutsch oder lateinisch, wie man will. Wahrscheinlich macht sich da der Umstand bemerkbar, daß man sich vieles auf Dauer besser merken kann, wenn es auf eine Melodie gesungen wird. Oder aber es liegt daran, daß Singen geringfügig langsamer ist und meine Hirnwindungen daher etwas mehr Zeit haben, nach dem nächsten Satz zu suchen.)

Hierzukirch sind die Gläubigen eigentlich ganz gut vertraut mit lateinischen Ämtern, Gesängen und Akklamationen. Oder aber es ist dieselbe Sorte Gläubiger, die zum lateinischen Hochamt einmal im Monat und zu den Werktagsmessen kommt, was nicht unwahrscheinlich erscheint. Bei dem Pontifikalamt zum Vorhof der Völker dagegen, das mit zwei Kardinälen und einem Erzbischof dreisprachig gefeiert wurde – lateinisch, italienisch, deutsch, Lateinisch war aber letztlich das alle verbindende Element – habe ich nolens volens beobachtet, daß ca. 95 Prozent der Anwesenden alles und jedes auf Latein vom Zettel ablesen bzw. absingen mußten, auch das Sanctus. Da kann man sicherlich nicht davon ausgehen, daß Vorsorge getroffen wurde,
daß die Christgläubigen die ihnen zukommenden Teile des Meßordinariums auch lateinisch miteinander sprechen oder singen können. (SC 54)
Was ist mit dem Ansatz, daß man in Bezug auf die Kirchenkunst mehr auf edle Schönheit bedacht sein soll als auf bloßen Aufwand? Oder dem Brauch, in den Kirchen den Gläubigen heilige Bilder zur Verehrung darzubieten, der nicht angetastet werden soll? In Bezug auf manche leergeräumte und frisch geweißelte Kirche oder einer, die von Anfang an so kahl ist, daß in ihr nicht einmal ein Kreuzweg hängen darf, kann man da schon fast von einem frommen Wunsch sprechen. Traurig.

Was ich mich noch frage, ist, wie es kommt, daß zunehmend vielen – beileibe nicht allen – gerade die Dinge, die Sacrosanctum Concilium aufführt: häufiger Gebrauch von gregorianischem Gesang und der lateinischen Sprache, Zelebrationsweise ad orientem, Unveränderlichkeit der Liturgie (das heißt, daß niemand, auch der Priester nicht, in der Liturgie nach eigenem Gusto etwas hinzufügen, wegnehmen oder ändern darf[2]) nicht bekannt sind oder viele dieser Dinge gar für verboten gehalten werden? Wenn es derart anrüchig erscheint, daß man für möglich hält, es sei mittlerweile verboten, wird es wohl kaum in der Praxis angewandt. Dabei wollte man seinerzeit eigentlich, daß gegenüber der Liturgie früher Jahrhunderte keine Neuerungen eingeführt würden,
es sei denn, ein wirklicher und sicher zu erhoffender Nutzen der Kirche verlange es. Dabei ist Sorge zu tragen, daß die neuen Formen aus den schon bestehenden gewissermaßen organisch herauswachsen. (SC 23)
Man verstehe mich recht: ich will nicht sagen, daß früher alles besser war. Auch mag ich die Liturgie in der Landessprache. Nichtsdestoweniger können einem die lateinischen Hochgebetstexte so vertraut werden, daß sie einem genauso lieb und verständlich erscheinen. Es gibt auf beiden Seiten Extreme. Bei manchen habe ich den Eindruck, es wäre ihnen egal, wenn in der Messe oder dem Stundengebet aus dem Telefonbuch vorgesungen würde, Hauptsache es ist in Latein oder einer anderen ausgestorbenen Sprache, die man nicht versteht, weil das alles „sakraler“ oder überhaupt erst sakral mache. So ist es natürlich nicht.

Angesichts der Tatsache, daß viele Gläubige für den römischen Ritus in der ordentlichen Form, wenn er würdig und schön gefeiert wird, teils nicht unerhebliche Fahrtwege auf sich nehmen (und zwar gern, denn es ist es wert), kann man sich schon fragen, warum man sich statt einer verstärkten Konzentration darauf, was Sacrosanctum Concilium wirklich gewollt hat, um die Gewinnung oder Abholung immer neuer Gruppen dort, wo sie gerade stehen, bemüht, anstatt denen Heimstatt zu geben, die sich nach einer würdig gefeierten Liturgie sehnen? Zunehmend tauchen Dinge auf, die man nicht anders als liturgische Experimente bezeichnen kann, etwa „Frauenliturgien“. Dazu: was bitte ist eine Frauenliturgie? Bisher hab ich immer gedacht, es gibt „nur“ Liturgie – die Stimme der Braut, die zu ihrem Bräutigam spricht. Also nicht Liturgie für Griechen, Juden, Sklaven, Freie, Unbeschnittene oder Beschnittene, etc. Männer oder Frauen). Die Kirche ist übrigens weiblich, die Liturgie zumindest in unserer Sprache auch. Steht eigentlich demnächst zu erwarten, daß eine Männerliturgie angekündigt wird oder geht man bei solchen Wortfindungen davon aus, daß Liturgie per se Männerliturgie sei? Fragen über Fragen.


____
[1] Das wäre doch wunderbar bzw. mittlerweile gerade in Gemeinden, in denen nicht jeden Sonntag eine Meßfeier stattfinden kann, die beste und würdigste Form eines Wortgottesdienstes.

[2] SC legt an dieser Stelle besonderen Wert auf die Feststellung, daß dies auch der Priester nicht darf, indem es diese Aussage mit den Worten durchaus niemand verstärkt.

Kommentare:

Gabriele hat gesagt…

Wir versuchen hier seit Jahren in ein und derselben Pfarrei einmal Inder Woche die Vesper für die Gemeinde anzubieten. Sie wird jede Woche im Pfarrbrief angekündigt. Immer mal wieder starten wir eine Werbeaktion in der Pfarrei oder im Lektorenkreis etc. In dieser wie in jeder x-beliebigen anderen Pfarrei in Deutschland werden ständig Gottesdienstformen ohne Priester gefordert. Die Stundenliturgie ist eine, die jederzeit zur Verfügung stünde. Wir sind und bleiben vier Teilnehmer. Wenigstens wird uns nach wie vor die Kirche zur Verfügung gestellt, obwohl wir nicht mehr werden.

Psallite Deo hat gesagt…

Das spricht mir aus der Seele! Fast überall wird mit der Liturgiereform dermaßen übers Ziel hinausgeschossen (Choral und Latein kaum erwünscht, Lied zum "Zwischengesang" statt Antwortpsalm, statt Tagzeitenliturgie oder vernünftiger Wort-Gottes-Feier irgendwelche oft seltsamen Vorlagen aus Verbandszeitungen) und wenn man einfach ne normale Messe nach den Rubriken möchte, muß man anhören, man würde damit die Leute nicht "abholen".
Wer bitte holt denn die Leute ab, die eben genau nur diesen Normalfall wollen?
Wieso müssen sich die rechtfertigen, die sich an die Regeln halten und nicht umgekehrt??

Braut des Lammes hat gesagt…

Schade, Gabriele, das mit der Vesper. Wir hätten hierzukirch gerne so etwas angeboten (da es liturgische Vespern nur an wenigen Sonntagen im Jahr gibt), indes ist das an einer Kathedralkirche nicht möglich, da die Stundenliturgie eigentlich die vornehmste Aufgabe des Domkapitels ist.

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