Sonntag, 29. Dezember 2013

Die Leseordnung mal wieder und einige Fragen

Vorhin überlegte ich (wohl, weil ich diese Lesung schon auf mich zukommen sah, und so war es auch), ob das Lesen der Worte des Apostels an die Kolosser, die sogenannte „Haustafel“ in der zweiten Lesung am Fest der Heiligen Familie nicht doch etwas einigermaßen Provokantes an sich hat?

Zwar frage ich mich von Jahr zu Jahr, warum „die Leute“ immer nur das eine, aber nicht auch das andere zu hören scheinen: also nicht nur ordnet euch euren Männern unter, sondern auch liebt eure Frauen und seid nicht aufgebracht gegen sie, nicht nur gehorcht, sondern auch schüchtert eure Kinder nicht ein, daß sie nicht mutlos werden. Jedenfalls kommt mir das in den Sinn, gemessen an den Reaktionen, die ich mitbekomme, sei es, daß nach dem Gottesdienst Gläubige den Lektor ansprechen oder in die Sakristei kommen, weil sie Fragen oder Anmerkungen dazu haben, sei es, daß der Zelebrant erzählt, wie sich in einem Jahr an einem anderen Ort die Lektorin geweigert habe, die Lesung vorzutragen, bis er es schließlich nachdrücklich verlangt und sie sich zähneknirschend gefügt habe.

Ihr Frauen, seid euren Männern untertan. Ich weiß nicht, was im Griechischen steht, in der Vulgata heißt es subditæ estote viris, unterwerft euch euren Männern. Im Lateinischen heißt es an dieser Stelle zwar vir, was auch Ehemann bedeuten kann – und nicht maritus, was ausschließlich Ehemann bedeutet – , man kann aber wohl davon ausgehen, daß der eigene und nicht etwa jeder Mann gemeint ist, da im nächsten Vers ausdrücklich die Ehefrauen (uxores) angesprochen sind. Wer aber mag sich denn hier und heute noch seinem Mann unterwerfen oder auch ihm untertan sein? Auch habe ich – aus irgendeinem Grund fällt diese Lesung immer einer Frau zu, vielleicht, weil die Männer sie tunlichst zu umschiffen trachten, vielleicht auch, weil man der Gemeinde keinen Mann zumuten möchte, der den Frauen etwas über die Unterwerfung vorträgt – als Lektorin an dieser Stelle gut lesen, da ich keinem irdischen, sondern einen himmlischen Bräutigam angehöre (dem ich zwar auch unterworfen bin, aber doch auf andere Weise. Zumindest einige Verhaltensweisen sind von ihm nicht zu erwarten. Schon deshalb glaube ich, das bessere Teil erwählt zu haben).

In der Tat frage ich mich schon, warum am Fest der Heiligen Familie gerade diese Zeilen ausgeführt werden, über etwas, das zu des Apostels Zeiten einfach ehrenvolles Benehmen bedeutet haben mag, das Christen gut ansteht (letzteres tut es natürlich noch immer), das in unserer Zeit aber als etwas unangenehm Kantiges erscheint? Nicht, daß wir uns von kantigen oder sperrigen Inhalten scheuen sollten, aber der Apostel hatte das womöglich an dieser Stelle gar nicht beabsichtigt. Zumal es anderem, das von ihm selber kam, zu widersprechen scheint: Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid „einer“ in Christus Jesus. Ohne Schaden könnte man hier meiner unmaßgeblichen Meinung nach auch nur Kolosser 3, 12-17 lesen.

Warum hat man in der Leseordnung nicht vielleicht gleich einen anderen Text gewählt? Der Apostel erwähnt indes das Wort Familie so selten, daß man es buchstäblich an einer Hand abzählen kann, vielleicht, weil er selbst dem ehelosen Leben klar den Vorzug gab, vielleicht, weil er in der Endzeiterwartung lebte, man weiß es nicht. Des Apostels unvergleichliches Hohelied über die Liebe wäre etwa in Frage gekommen:
Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.  Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, läßt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.
Wunderbar schön und buchstäblich zeitlos. – Epheser 5, der ähnliches wie der Kolosserbrief zum Ausdruck bringt, eröffnet mit der gegenseitigen Unterordnung der Ehepartner untereinander, in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Auch der Epheserbrief stellt der Unterordnung der Frau die Liebe des Mannes gegenüber, bezieht aber dieses Mysterium auf Christus und die Kirche und führt die Sache mit der Liebe näher aus, wodurch die Liebe an dieser Stelle eine stärkeres Gewicht erhält. Wie gesagt, es tut gut, bei diesem Text genau aufzumerken, das eine wie das andere zu hören: Die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

In der Predigt, die ich gestern hörte, "aktualisierte" der Pater die fragliche Stelle so: Paulus spreche im Rahmen der Gesellschaft seiner Zeit, nehme aber durch die folgenden Sätze, die du hier auch zitiert hast, dem "sich unterordnen" die Harschheit. Im Lichte des Satzes "Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht." könne man heute, ohne die Stelle zu verfälschen, sagen, "Ihr Eheleute, verbeugt euch vor dem Abglanz Gottes im Anderen."

Confitemini Domino

Klaus hat gesagt…

Liebe Braut des Lammes,
zunächst: Ein gesegnetes Jahr 2+0+1+4 wünsche ich Dir.
Die Epistellesung Kolosser 3, 12-17 ist für den 5.1.14 - Taufe des Herrn vorgesehen.
Schließlich: Die Haustafel (der Begriff an sich ist zutiefst lutherisch), gehört in die 2-Reiche-Lehre und dort auf die weltliche Seite, d.h. gilt für alle Stände, egal ob christlich oder nicht.

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