Donnerstag, 7. November 2013

Neulich, auf dem Friedhof

Wenn ich solche Überreste abgebrochener Gräber sehe, tut es mir immer in der Seele weh: oft waren das ganz wunderschöne Steine aus vergangenen Jahrhunderten, nun werden sie abgerissen und abgebrochen, vielleicht, weil die sogenannte „Liegezeit“ abgelaufen ist und sich niemand mehr um die Grabstelle kümmert. Schade ist es dennoch darum, sie gaben auch unbekannterweise Zeugnis von diesem Menschen: er war da, lebte und starb. Über manche erfährt man sogar etwas, wie etwa über die Frau Königl. Hoflieferant [sic!] geb. Gütig, die offenbar ihrem Namen alle Ehre machte – „wer sie kannte, liebte sie, wer Thränen hat, weint um sie“ – oder über die Diakonissen eines Mutterhauses, die in einem Sammelgrab ruhen, auch im Tode vereint.

Für den Obdachlosen Jürgen Kindel hat jemand ein Kreuz in dem Gebüsch aufgestellt, in dem er viele Jahre gelebt hat. Dort stehen eigentlich immer auch frische Grablichter.

Wenn ich dagegen solche Gräber wie unten sehe – ist das besser? Die Gestaltung, ohne Kreuz, ohne alles, erinnert an Psalm 103: Wenn der Wind darüber geht, so ist sie nicht mehr da und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Noch verlorener kann man wohl nur in einem Friedwald liegen (oder vielleicht im Meer). So schön der Gedanke ist, unter einem Baum oder unter vielen solchen zum Staub der Erde zurückzukehren, wieder Staub der Erde zu werden, so wäre es mir doch wichtig, vor allem als Angehöriger, eine Stätte zu haben, wo ich diesen Menschen im Tode besuchen kann, ein wirkliches Grab. Einer meiner kleinen Brüder liegt in einem solchen, er hat einen Grabstein, vor allem aber einen Rosenstock, der seit jener Zeit wächst. Meine Mutter hatte immer das Gefühl, dieser Ort gehöre wirklich ihr, wenn sie schon das Kind nicht mehr hat.

Einen wirklich ergreifendes Grabmal findet man gerade bei Bellfrell: Dort hat eine unbekannte Frau (wie man liest, wohl nicht, ohne auf Widerstand zu stoßen) auf dem Kommunalfriedhof einen Grabstein für ungeborene Kinder errichten lassen und damit zugleich einen Ort des Trostes für ihre Mütter, für ihre Eltern.

Kommentare:

Jürgen Niebecker hat gesagt…

Die Sache mit den "Liegezeiten" und dem "Drüberbeerdigen" wäre in anderen Ländern undenkbar. In anderen Kulturen sowieso und ebenso bei anderen Religionen.

Zudem gehen wertvolle Informationen verloren, wie Geburts- und Sterbedaten.
Für Ahnenforscher ist das eine Katastrophe. Wollen sie diese Daten retten, indem sie die Grabsteine z.B. photographieren, gibt es u.U. auch wieder Ärger wegen des vermeintlichen "Datenschutzes".

Braut des Lammes hat gesagt…

Teils finden auch die abgebrochenen Grabsteine noch höchst eigenartige Verwendung. In einem Lokal in der Zossener Straße konnte man zumindest früher an einem Tresen sitzen, der aus Stücken von zerschlagener Grabplatten vergangener Zeiten bestand.

Bellfrell hat gesagt…

@ Braut des Lammes

Es ist traurig, wie diese Frau boykottiert wurde. Aber sie hat sich nicht beirren lassen.

Mehr Info  hier.

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke, Bellfrell, fürs Teilen dieses bewegenden Zeugnisses.

Anonym hat gesagt…

Das Problem mit den Gräbern ist die Mobilität. Wo soll man seine Angehörigen beerdigen? Die Familie ist verstreut, und man selbst weiß nicht, wo man in 10 Jahren wohnt. Wer soll sich um das Grab kümmern? So ist ein Grab nicht mehr der Platz wo ich um meine Lieben trauere und es entwickeln sich andere Trauerorte und Rituale....
Nicole-Mathea

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...