Dienstag, 19. November 2013

Gewoben im Schoß ihrer Mutter

Auf dem Friedhof von Trespiano
Ein langer Kommentar auf meinen Beitrag Herzen und Fragen des Herzens hat mich auch zu einer längeren Antwort angeregt, auch wollte ich nicht alles in die direkte Antwort auf den Kommentar packen. Der Kommentator kritisiert dort – unter anderem – die Blogger wegen mangelnder Sachlichkeit und Konstruktivität in der Auseinandersetzung mit wesentlichen Fragen (konkret ging es hier um den Marsch für das Leben). Hierzu: Ich habe jetzt nicht die Blogozoesen-Artikel und Diskussionen der ganzen letzten Jahre im Kopf, gebe aber zu bedenken, daß es nicht unbedingt am jeweiligen Blogger gelegen haben muß, wenn sich daraus keine wirklich weiterführenden Diskussionen entwickelt haben sollten. Manchmal ist man als Blogger auch überrascht über Kommentare, die da so kommen, aus dem Nichts, versteht sich. Es ist etwas an dem Thema Abtreibung, das manche wirklich blindwütig und ohne Sinn und Verstand anzustacheln scheint. So durfte ich mich als Reaktion auf den Betrag …ihr aber habt nicht gewollt – Mutter Teresa und das Schweigen der Nationen als „Rassistin“ beschimpfen lassen, die sich für „gehirntote Embryos im Frühstadium“ einsetze. Solcherart Kommentare schalte ich dann nicht frei, denn hier ist jede Diskussion sinnlos, auch führte sie nicht weiter – im Gegenteil, man ließe vielleicht allenfalls noch die Sonne über seinem Zorn untergehen, in der Auseinandersetzung mit einem, der weder Mutter Theresas Zitat noch meinen Beitrag auch nur ansatzweise verstanden zu haben scheint.

Inwieweit ein Marsch von mehreren tausend Personen, die schweigend ein Kreuz hochhalten, „viel Radau“ machen soll, ist mir auch nicht recht klargeworden. Ist es nicht eher so, daß der Radau von der Gegendemo ausgeht, eben und erklärtermaßen mit dem Ziel, die Teilnehmer am Marsch für das Leben zum Aufgeben bewegen zu wollen? Den Polizeischutz braucht der Marsch nur wegen der Gegendemo. Ist es nicht traurig, daß man an einem Schweigezug mit Kreuzen soviel finden kann?

Ich bin mir nicht sicher, ob und wie sehr das tatsächlich nur am Zeichen des Kreuzes liegt, das vielen als empörendes Ärgernis gilt. Es ist etwas an dem Thema ungeborenes Leben, das die Gemüter (und Gewissen) mancher so erregt, daß es am liebsten nicht nur aus den Augen der Öffentlichkeit herausgehalten, sondern sogar überhaupt so selten wie möglich erwähnt werden soll. Ganz eigentümlich berührt hat mich in diesem Zusammenhang gestern die Meldung über die Gräber auf dem Friedhof von Trespiano in Florenz, die vor allem von der politischen Linken und manchen Feministinnen in scharfer Form kritisiert worden sind, weil sie angeblich ein Angriff auf die Selbstbestimmung der Frau und die Abtreibung seien.  Auslöser war die Mitte November mit großer Stimmenmehrheit getroffene Entscheidung der Stadt Florenz, künftig einen Teil des Friedhofes für solche Grabstätten vorzusehen.

Auf dem Cimitero di Trespiano werden seit 1996, mithin seit über zwanzig Jahren, Ungeborene beigesetzt, etwas ungeheuer Wichtiges, das nicht nur die Würde des menschlichen Lebens an sich achtet, indem es das Ungeborene als Menschen überhaupt anerkennt, sondern, indem es den Menschen, deren Ungeborenes vor der Geburt gestorben ist, auf welche Weise auch immer, durch Krankheit, Tod oder auch den Schwangerschaftsabbruch, einen Ort des Gedenkens gibt. Eine wunderbare Entscheidung möchte man meinen: Die Toten begraben ist eines der hauptsächlichen Werke der Barmherzigkeit. Wie barmherzig ist es eigentlich, möchte man fragen, nicht nur den Ungeborenen, sondern auch deren Eltern ein solches Grab verweigern zu wollen? Wie sieht es hier mit der Selbstbestimmung der Frau aus? Sind Mütter, auch solche, deren Kind nicht geboren wurde, keine Frauen? Das Greuel liegt hier nicht darin, wie ein Ungeborenes zu Tode kam, sondern, daß man offenbar auch die Tatsache, daß es einmal gelebt hat, und sei es so kurze Zeit, und daß es gestorben ist, negieren will, als habe das Kind niemals existiert. In den Augen Gottes, der das Ungeborene, wie der Psalmist sagt, im Schoß seiner Mutter gewoben hat, das nicht so: Deine Augen sahen, wie ich entstand, in deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war.

1 Kommentar:

Jorge hat gesagt…

Danke für Deine Reaktion!

Harsch sollte mein Kommentar eigtl. nicht klingen, jdfs. keineswegs Dir ggü., aber da ich ja selbst Gegner von Abtreibungen bin und in der Sache ganz bei Dir, kann ich mir ein offenes Wort vllt. eher erlauben.

Das Gegenargument von den aggressiven Abtreibungsbefürwortern, die Demonstrantinnen oder Bloggerinnen in hässlicher Weise beschimpfen und herabwürdigen, bestätigt ja nur meine Bedenken. Durch die Instrumentalisierung des Themas und die falsche Polarisierung ist eine sachlich Diskussion längst unmöglich geworden. Daran sind sicher nicht allein die Gegner (also wir) schuld, sondern das Thema war ja schon in den 70er ideologisch aufgeladen. Aber die eindeutige Positionierung von "Lebensschützern" im rechten Spektrum macht es nicht leichter, ebenso wenig die Fanatisierung der ganzen Diskussion durch Aktivisten, die argumentativ nichts beitragen, aber die Stimmung der Auseinandersetzung aufheizen und den "Lebensschutz" so sehr in Misskredit gebracht haben, dass ich das Wort für eigtl. nicht benutzbar halte.

Militante Befürworter der Abtreibung nutzen diese Situation natürlich aus und versuchen, alle Abtreibungsgegner in die Ecke der "Lebensschützer" und Fanatiker zu stellen. Dem kann man bei der Verfahrenheit dieser Diskussion nicht dadurch entgegenwirken, dass man sich gerade mit solchen Leuten gemein macht.

Nötig wäre eine Versachlichung der Diskussion über Abtreibung und eine konsequente Distanzierung von den unangenehmen Aktivisten und Rechten, die das Thema illegitimerweise besetzen. Diskussionen über Abtreibung müssen von Nachdenklichkeit und differenzierter Betrachtungsweise geprägt sein. Anders bringt es nichts (außer Selbstbestätigung für die falschen Leute, die das Thema als politisches oder emotionales Betätigungsfeld missbrauchen).

Es gibt in der Gesellschaft viel mehr Menschen, die Abtreibungen prinzipiell sehr kritisch gegenüberstehen, als man denkt. Aber viele haben einfach keine Lust, sich zu positionieren, weil sie nicht in die rechte Ecke gestellt werden wollen und auch keine radikalen Kulturpessimisten sind. Um diese Leute zu mobilisieren oder hörbar zu machen, wäre die oben angesprochene Versachlichung bitter nötig. Tendenziell beobachtet man aber eher das Ggt. Gerade das Internet, das ja generell zur übertriebenen Zuspitzung von Debatten führt und wo Extrempositionen (seien es nun militante Atheisten oder radikale Katholiken oder was auch immer) bedingt durch das Medium selbst überportional stark hörbar werden, trägt dazu nicht bei.

Was den "Marsch für das Leben" angeht, ist das vielleicht ja eine der Aktionen, die man mittelfristig den Radikalen wieder entreißen und für die sachliche Auseinandersetzung zurückgewinnen könnte. Ich weiß es nicht. Leute wie Lohmann sind auch nicht sehr vertrauenseinflößend. Auch beweist ja gerade die Grundidee dieses Marsches (das plakative Hochhalten weißer Kreuze) eine gewisse Lust am Spiel mit den Emotionen und an der Provokation mit falschen Bildern, die Befürworter verständlicherweise in Rage bringt. Also ich weiß nicht, ob diese Aktion zu retten ist oder aufgegeben werden sollte. Muss man abwarten, wer sich da in welchem Tonfall engagiert. Die von Dir geschilderte Haltung der ev. Kirche, die sogar die Gegenveranstaltung bewirbt, lässt eher mehr als weniger Polarisierung befürchten. Anders als die Unterschriftenaktion (EINER FÜR ALLE oder wie das hieß) kann man mich dafür jdfs. momentan nicht gewinnen.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...