Montag, 4. November 2013

Die gestaltete Mitte – Umgestaltung des Kathedraleninneren

Die zu Allerheiligen 1773 geweihte Hedwigskathedrale
vor dem zweiten Weltkrieg. Wunderschön!
Das Innere der Hedwigskathedrale soll umgestaltet werden. Das Bistum wählte das Fest Allerheiligen, den eigentlichen Weihetag der Kirche (das Kirchweihfest wird am 6. November gefeiert) zur Bekanntgabe des Vorhabens. Der Wunsch danach ist ja nicht neu, die ohnehin längst fällige Sanierung des Innenraums rückte nur seit Jahren immer weiter an den Horizont, weil man vor dem Ende der Grabungsarbeiten um die Staatsoper Unter den Linden gar nicht erst anzufangen braucht.

Warum nun im Hinblick auf die Neugestaltung der Innenräume manche innerlich an den liturgischen Änderungen nach dem zweiten Vatikanischen Konzil hängenbleiben, obwohl wegen der Geschichte des verzögerten Wiederaufbaus der Kathedrale nach der Zerstörung im zweiten Weltkrieg die letzte Umgestaltung genau aus dieser Zeit stammt (was das kühle und zeitgeistige 60er-Jahre-Interieur mit Glasgeländer et cetera erklärt), anstatt sich vielleicht eher von der behutsamen „Reform der Reform“, die Papst Benedikt XVI. am Herzen lag, leiten zu lassen, ich weiß es nicht. Prompt war in der Zeitung eigenartiges zu lesen, etwa
Am Altar in der Unterkirche predigen die Priester räumlich bedingt mit dem Rücken zu den Gläubigen – auch das ist nicht mehr zulässig.
Nachdem ich zuerst dachte, was ein Stuß – was heißt überhaupt „auch das“? – fiel mir ein, daß je nachdem wo Frau Keller ihren Platz in der Predigt etwa gefunden haben mag, der Zelebrant ihr tatsächlich den Rücken zugedreht haben könnte, mitnichten aber dem ganzen Volk. Und auf keinen Fall ist das „nicht mehr zulässig“, es war schlechterdings noch nie üblich. Der Zelebrant könnte sich zum Predigen zwar vermutlich sogar auf den Kopf stellen, wenn er wollte, im allgemeinen steht er aber einfach am Ambo, mancher predigt auch vom Altar oder vom Priestersitz aus. Es liegt allerdings die Vermutung nahe, es könnte hier womöglich die Feier des Meßopfers gemeint gewesen sein, die findet in der Unterkirche tatsächlich ad orientem statt. Daß die Zelebration ad Deum im Zuge der Änderungen des zweiten vatikanischen Konzils irgendwie verboten worden sei, wird ja gelegentlich gern einmal postuliert, wenn man auch nicht weiß, wie diejenigen auf die Idee kommen.

Daß im Zuge der Ideensammlung vielleicht auch (wenn einem jemand was erzählt, was er gehört hat, weiß man oft nicht so genau, wieviel in der Wiedergabe eigene Wunschzutaten sind) das Konzept der Unterkirche als Gottesdienstraum für „gescheitert“ erklärt wurde, finde ich traurig. Ich mag die Heilige Messe in der Unterkirche. Wie schon bemerkt, persönlich habe ich an diesem Altar die Zelebrationsweise zu Gott hin wirklich schätzen gelernt – es scheint oft soviel gesammelter. Und was das mit dem Rücken immer soll: ins Gesicht schaue ich dem Priester bei der Elevation der Gaben auch nicht lieber. Vielleicht sollte man einfach die Sichtweise auf die Dinge ein wenig verändern – Una voce hatte dazu vor einiger Zeit die schöne Posterkampagne: Alter your view.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich eher die Bänke so arrangieren, daß alle in derselben Weise zum Altar hin ausgerichtet sind, also, daß man, während man zum Altar und zum Herrn im Sakrament blickt, nicht auch seinem Gegenüber ins Gesicht schaut oder einem bei der Erhebung der Gaben nicht unwillkürlich der eine ins Blickfeld gerät, der pausenlos seltsame Verrenkungen macht (daran leidet im übrigen auch der Zelebrant sehr). Je nachdem, wie klein ein Gottesdienstraum ist, kann man gerade das nach kurzer Zeit als quälend empfinden. Aber heutzutage legt man es ja oft auf diese Im-Kreis- oder im Vierecksitzerei geradezu an, vermutlich wegen des „Mahlcharakters“. Mir dagegen kommt, wenn ich an die Messe denke, eher in den Sinn
Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus, und zum Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels.
Mir selber gefiele eine Rekonstruktion der Anordnung mit Hochaltar und allem Drum und Dran. Das wird es natürlich nicht geben, schon weil der Altar umschritten werden können soll. Immerhin steht zu hoffen, daß „das Loch“ nun ganz oder teilweise geschlossen wird. Schön, denn da wo es sich jetzt erstreckt, haben früher, wie man auf der historischen Abbildung von 1886 oben sieht, Bänke Platz gefunden und auf ihnen Menschen. Nicht nur zu den großen Festen des Kirchenjahres ist die Kathedrale zuweilen brechend voll. Auch stammt die Umgestaltung mit dem „Loch“ meines Erachtens aus einer Zeit, als die allgemeinen Umgangsformen noch besser waren und die gegenseitige Rücksichtnahme größer. Dinge, wie sie heute vorkommen, waren in den fünfziger und sechziger Jahren wahrscheinlich undenkbar.

Was die Schließung dieser Öffnung zwischen den beiden Kirchräumen allerdings für den Tabernakel der Kathedrale bedeuten wird, interessiert mich schon jetzt. Schade fände ich es, wenn der Tabernakel nach der Umgestaltung ein ähnliches Nischendasein fristen würde, wie man es anderswo sieht. Daß er jetzt buchstäblich Grund, Herz und Mitte der Kathedrale ist, der gleichsam das Brot hervorbringt, hat mir immer besonders gefallen.

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