Sonntag, 6. Oktober 2013

Katholische Bücher: Geschichte einer Nonne

Einer der Filme, die mich als Kind am eindringlichsten berührt haben, ist sicherlich Geschichte einer Nonne. Zuerst habe ich den Film gesehen und später dann das Buch gelesen. Beide haben je ihre eigene Ästhetik. Viel später habe ich erfahren, daß dem Roman von Kathryn Hulme die Geschichte ihrer Lebensgefährtin, Marie Louise Habets, zugrundeliegt, die 1926 in den Orden der Sisters of the Charity of Jesus and Mary in Ghent eintrat und dort als Sr. M. Xaverine eingekleidet wurde.

Kathryn Hulme und
Marie Louise Habets (rechts)
Über den Umweg über die Autobiographie erfahren wir auch, was aus Sr. Xaverine nach ihrem Austritt geworden ist: mit einer Freiwilligenorganisation ging sie nach Deutschland, um sich dort um Überlebende aus Konzentrationslagern zu kümmern. In einem Ausbildungszentrum in Frankreich traf sie Katherine Hulme, mit der sie später nach Amerika ging. Habets und Hulme lebten über vierzig Jahre zusammen. Die Aufzeichnungen aus ihrem Nachlaß sind frei von irgendeiner Bitterkeit gegenüber der katholischen Kirche, sondern vermitteln lediglich Bedauern darüber, nicht in der Lage gewesen zu sein, dieser Berufung dauerhaft zu folgen und ihr menschlich zu genügen.

Es ist nicht leicht, eine Nonne zu sein. Es ist ein Leben der Aufopferung und der Entsagung, es ist ein Leben wider die Natur. Diese Worte, von der Oberin bei der formellen Aufnahme an die Postulantinnen gerichtet, gehen unmittelbar in die Feststellung über: Aber die Gnade ist immer da, sobald ihr darum betet. Das ist genau der Punkt, um den es geht, denke ich manchmal: bei Gabrielle van der Mal hat man das Gefühl, wenn sie eine Ordensschwester würde, dann mit aller Gewalt und als könnte ihr selbst Gottes Gnade nicht helfen. Gleich zu Beginn werden ihre inneren Probleme offenbar:
Ihre eigene Unvollkommenheit in dieser Hinsicht bedrückte sie, sie brachte es nie fertig, auf das Läuten der Glocke hin mitten im Wort aufzuhören und die nicht ausgesprochenen Silben hinunterzuschlucken, auch vermochte sie nicht, ihren Fingern beizubringen, einen Bleistift niederzulegen oder einen Buchstaben nicht auszuschreiben – ein y ohne seinen Schweif, ein t ohne seinen Querstrich zu lassen.
Wie die Aufzeichnungen bei der täglichen Gewissenserforschung, so scheint auch ihr inneres Leben gleichsam in eine Fülle von einzelnen Aufnahmen zerlegt, ohne jemals das große Ganze zu sehen. Zwar bin ich nicht der Ansicht, daß man gar nichts über die Gründe für Gabrielles Eintritt ins Kloster erfährt, im Gegenteil, das Buch deutet an, daß einer Berufung vielschichtigere Motive zugrundeliegen als es auf den ersten Blick den Anschein haben kann. Allerdings hat man eigentlich in der ganzen Zeit nie so recht das Gefühl, die Protagonistin sei aus Liebe zu Gott ins Kloster gekommen bzw. sie ginge diesen Weg aus Liebe zu Gott weiter.

Beim ersten Gebet, das die Postulantinnen innerhalb der Klausur des Klosters verrichten, ist Gabrielle die einzige Postulantin, die von der Besuchergalerie beim Knien in der Bank einen Blick auf die Schwestern im Kirchenschiff wirft und erst durch einen Seitenblick der Novizenmeisterin dazu gebracht wird, die Augen niederzuschlagen. Schon hier sticht sie unwillkürlich heraus.

Nach der Ablegung der ersten Profeß wird Sr. Lukas zum Studium geschickt; ein erster Schritt in die erhoffte Zukunft als Missionsschwester in Belgisch-Kongo. Der Rat einer ihrer Oberinnen, ihr Examen in Tropenmedizin nicht zu bestehen, um eine andere ältere Mitschwester nicht zu beschämen, stürzt sie in eine erste Krise. In der Tat wirkt dieser Rat kaum verständlich und voller Doppelmoral, es scheint kaum nachvollziehbar, daß eine Schwester nach acht Monaten Studium, die der Orden bezahlt hat, beim Examen betrügen und durchfallen soll, weil eine andere so zart besaitet sein könnte. Im Film wird später angedeutet, daß diesem eine gewisse Impulsivität dieser Oberin zugrundegelegen haben mag (Es war nicht recht von Mutter Marcella, daß sie Ihnen diesen Rat gegeben hat), im Buch hingegen nicht, und man erfährt niemals, ob dieser Vorschlag der Eingebung eines Augenblicks entsprungen war, oder ob außer ihr überhaupt noch irgend jemand davon wußte.

Die Nervenheilanstalt des Ordens, in die Sr. Lukas dann statt dem Kongo entsandt wird (was zunächst als Strafe erscheint, wohl aber einfach an ganz anderen Umständen liegt), gleicht dem äußersten Kreis der Hölle: so sieht und hört man tobende Patienten, die in Wannen mit warmem Wasser fixiert sind; zugleich wird deutlich, daß die Schwestern auch den am schwersten geistig Erkrankten keine Medikamente geben, um sie ruhigzustellen, weil sie jeden Menschen als Geschöpf und Abbild Gottes sehen. Die Patientin, zu der sie in dieser Zeit eines Nachts – den Gehorsam brechend – allein in die Gummizelle geht, hält sich für den Erzengel Gabriel und wird auch so genannt. Sr. Lukas' eigener Taufname ist Gabrielle, und so ist der Kampf mit der Schizophrenen ein Abbild, eine Widerspiegelung dessen, was ihr später Dr. Fortunati über sich selbst sagen wird: das Zeichen eines furchtbaren inneren Kampfes.


Es ist, als habe Gabrielle van der Mal das Leben im Kloster als eine Art Vehikel gewählt, um das zu erreichen, was sie eigentlich will: ein Leben als Krankenschwester im Kongo. In der Tat erscheint Sr. Lukas, obwohl die Dinge doch größtenteils so kommen wie erhofft, immer wieder merkwürdig unzufrieden, was im Buch deutlicher zutage tritt. Zuerst gilt all ihr Sehnen der Entsendung nach dem Kongo. Dann, als sie dorthin unterwegs ist, hadert sie auf dem Schiff damit, daß sie nicht als weltlicher Passagier darauf mitfährt, sondern an die Regel des Ordens gebunden ist, und dann mit der Änderung der ursprünglich für sie vorgesehen Stationierung von einer abgelegenen Buschstation in ein Krankenhaus für Europäer in Katanga. Als sie nach Jahren von dort unter einem Vorwand zurück nach Belgien geschickt wird, ist sie am Boden zerstört. Das Mutterhaus erscheint ihr als „eine solche Burg der Vollkommenheit“, daß es sie dort kaum hält. In dem Konvent an der holländischen Grenze wiederum erlebt sie die letzte innere Krise vor dem Austritt. Der Hinweis eines Priesters im Beichtstuhl, übrigens nicht der erste dieser Art, vielleicht erwarte sie zuviel von sich (und zu wenig von Gott?), erreicht sie nicht wirklich. Sie ersucht um die Dispens von ihren Gelübden, zu jener Zeit ein sehr seltener Schritt, und verläßt den Orden nach siebzehn Jahren, gegen Ende des zweiten Weltkrieges.




Während die Kamera sich anfangs über eine Stunde in den karg-schönen Bildern des Postulats und Noviziats, einer Symphonie aus Schwarz, Weiß und Beige, ergeht (was die darauffolgende Farbigkeit des Kongos nur umso eindringlicher macht), erfahren wir vom Leben und der geistlichen Entwicklung der Sr. Lukas in Afrika im Film wenig bis nichts: die Kamera dringt nicht über den Kreuzgang hinaus, nicht eine einzige Aufnahme zeigt den Konvent im Kongo von innen. Den Schwarzen erscheinen die Schwestern seltsam: ihnen wird die Polygamie ausgeredet, die Schwestern dagegen scheinen alle Bräute desselben Mannes. Sie haben keine Kinder, werden aber „Mama“ genannt.

Bei der Rückkehr ins Mutterhaus sieht man die Umrisse des Klosters, die der Betrachter zuerst als Widerspiegelung im Wasser gesehen hat, wiederum gleichsam durch Wasser, in Regen und Nebel gehüllt: eine steinerne Manifestation der Dinge, vor denen sich Sr. Lukas im Grunde genommen fürchtet und die sie meiner Ansicht nach nur einfach mit in Kauf genommen hat. Dieser Teil des Films kehrt in vollkommener Symmetrie wieder zur Farbgebung des Anfangs zurück.

In dem Procedere beim Verlassen des Klosters rollen sich die Vorgänge ihrer Aufnahme gleichsam rückwärts wieder ab, ein fast vollkommen symmetrischer Aufbau, der einem nur langsam zu Bewußtsein kommt: am Anfang sehen wir Gabrielle gehen, es ertönt eine Glocke. Man sieht den Koffer mit den Kleidern, die sie als Postulantin tragen wird. Türen spielen eine wichtige Rolle, zuerst das Klosterportal, dann die Klausurtür. Beim Eintritt erfolgt die Übergabe der Mitgift an das Kloster, das Abschneiden der Haare, die Annahme eines neuen Namens, Sr. Lukas, und später das Unterschreiben der Profeßurkunde auf dem Altar. Beim Verlassen des Ordens unterschreibt Sr. Lukas die Dokumente, die sie von ihren Gelübden entbinden, sie legt damit ihren Ordensnamen ab, erhält die Mitgift erstattet, und verläßt die Klausur. In der Kammer, in der sie sich umzieht, kommt das erste Mal nach über zwei Stunden Spielzeit des Filmes ihr Haar wieder zum Vorschein, der Blick fällt auf den Koffer mit den bereitgelegten weltlichen Gewändern. Erneut hört man eine Glocke schlagen, und die ehemalige Sr. Lukas, nun wieder Gabrielle van der Mal, geht durch eine letzte Tür, die sie offenstehen läßt, auf eine Kreuzung zu, an der sie anscheinend zufällig eine von zwei Richtungen einschlägt und in der Ferne verschwindet.






Kommentare:

Bettina Klix hat gesagt…

Heute habe ich durch Zufall das Buch "I leap over the wall. Contrasts and impressions over twenty-eight years in a convent" von Monica Baldwin gefunden (1950)
Eine Frage an die Expertin: Taugt das Buch etwas?

Braut des Lammes hat gesagt…

Es ist längere Zeit her, seit ich das gelesen habe, es ist auch auf Deutsch erschienen: Ich sprang über die Mauer. Meiner Erinnerung zufolge nimmt man daraus nicht allzuviel mit, auf keinen Fall über das Klosterleben bzw. über die Atmosphäre, die in einem Kloster herrscht.

Die Verfasserin scheint ein etwas unkonzentrierter, sprunghafter Charakter gewesen zu sein. Sie tritt ein und hadert dann jahrzehntelang mit den äußerlichen und innerlichen Formen herum, was sie veranlaßt, im Nachhinein von einem „versäumten Leben“ zu sprechen. (Wenn ich mich recht entsinne, hatte die Darstellung auch eher den Untertitel „zurück in die Welt“ im Fokus.)

Bettina Klix hat gesagt…

Vielen Dank!

tripmadam hat gesagt…

Möglicherweise sind in Zeiten, in denen Frauen eben nicht alle Berufswege offen standen, einige aktive, geistig interessierte Frauen ohne echte Berufung ins Kloster eingetreten - in der Hoffnung,ein Leben führen zu können, das ihren Vorstellungen eher entsprach. Wie sie damit zurecht kamen (und wie lange), ist eine interessante Frage.

Anonym hat gesagt…

Die Formulierung im obigen Kommentar von "Braut des Lammes", man erfahre im Buch nichts "über die Atmosphäre, die in einem Kloster herrscht", macht mich stutzig. Bitte um genauere Ausführung! Was für eine Atmosphäre herrscht Ihrer Erfahrung nach im Kloster? Muss es nicht eher heißen: "Herrschen sollte?" In welchem Kloster herrscht heute eine "klösterliche Atmosphäre"? (Bitte um diesbezügliche Hinweise). Meine (enttäuschende) Erfahrung von 3 Monaten Klausurkloster ist: Keine Atmosphäre herrscht da, alles ganz banal (und GAR nicht so wie in dem hier zuerst besprochenen Buch "Geschichte einer Nonne".) Ich frage mich immer noch, ob ich da etwas nicht wahrgenommen habe, oder ob es andere Klöster gibt, in der die Atmosphäre vorherrscht, die ich erwartet habe.

Braut des Lammes hat gesagt…

Warum die bloße Erwähnung einer Atmosphäre stutzig machen kann, erschließt sich mir zwar nicht, aber bitte:

Ich sprach von der Atmosphäre, die in einem Kloster herrscht (bezogen konkret auf das Buch von Baldwin aus den 50ern). Damit meinte ich die geistliche Atmosphäre, die je nach Gemeinschaft sehr unterschiedlich und auch sehr intensiv sein kann. Da ich nicht beliebig viele Konvente von innen kenne – das werden Sie auch nicht – könnte ich das in Bezug auf solche ausführen, das war hier jedoch gar nicht Thema. Vielleicht liegt es auch daran, mit welchen Erwartungen man kommt. Menschen bringen sich überallhin selbst mit, das kann Einfluß auf das geistliche Klima haben, muß es aber nicht.

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