Freitag, 4. Oktober 2013

Die herabfallenden Krumen vom Tisch des Überflusses

Zum herrenlosen Obst und Erntedank ist mir einiges durch den Kopf gegangen. Vielleicht zum ersten Mal konnte ich in diesem Zusammenhang die eigene Position in einer der von der Piratenpartei vertretenen Zielen wiederfinden. Im Unterschied zu anderen Ländern gibt es in Deutschland nämlich eine Rechtslage, die zuweilen geradezu bizarr erscheint. Fakt ist: wir werfen zu viele Lebensmittel weg oder lassen sie unnütz verderben.

Viele wissen wohl mitterweile, daß man Lebensmittel oft noch lange nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums essen kann, nur verkaufen darf der Handel sie eben nicht mehr. Deshalb heißt es auch Mindesthaltbarkeitsdatum und nicht einfach Haltbarkeitsdatum. Einen Rahmjoghurt von Weihenstephan habe ich einmal ein gutes Jahr, nachdem er abgelaufen war, gegessen. Der Joghurt war noch einwandfrei.

Manche Supermärkte bieten Lebensmittel, deren Mindest­halt­barkeitsdatum demnächst abläuft, zum verminderten Preis an, andere nicht. Auch dann bleibt noch genug Ware, die definitiv abgelaufen oder nicht mehr frisch ist, alternativ nicht mehr frisch genug erscheint, um dem Kunden angeboten werden zu können. Kaum einer kauft Brot vom Vortag. (Selbst wenn er es wollte, würde es ihm in der Bäckerei gar nicht erst angeboten.)

Alle diese Lebensmittel wandern in die Tonne. Nun haben wir ein Deutschland ein Recht, nach dem auch Dinge, deren der Eigentümer sich eindeutig entledigen will (indem er sie mit voller Absicht in die Mülltonne wirft), nicht als herrenlos gelten. Weshalb es möglich ist, daß eine Frau, die in Westdeutschland aus dem frei zugänglichen Müllcontainer eines Lebensmittelmarkts mehrere Laibe Brot und einige alte Brötchen wieder herausfischte – etwas, zu dem man sich überhaupt erst einmal überwinden muß – wegen schweren [sic!] Diebstahls zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt wurde. Das Bizarre daran ist: jemand, der, womöglich aus Not heraus eigentlich etwas Gutes getan hat, indem er produzierte Lebensmittel, die sonst auf dem Müll verdorben wären, tatsächlich gegessen hat (alte Brote werden eher selten mit Gewinnabsicht weiterverkauft) wird kriminalisiert. Und immer noch bleibt: wir werfen zu viele Lebensmittel weg. Mit dem, was jeden Tag weggeworfen wird, könnte man ziemlich viele Menschen ernähren: es sind jährlich 1,3 Milliarden Tonnen (!) Lebensmittel, ein Drittel der gesamten weltweiten Jahresproduktion überhaupt. Zum Gewichtsvergleich: ein kleineres Auto wiegt etwa eine Tonne.

Meiner Ansicht nach sollten Lebensmittel, die man nicht mehr verkaufen kann oder will, direkt vor Ort Bedürftigen zur Verfügung gestellt werden, anstatt sie auf den Müll zu werfen. Darüber hinaus sollte man zunächst unbedingt die entsprechenden Gesetze ändern, die das Mitnehmen von anderer Leute Müll zur Straftat erklären. In Österreich und der Schweiz gilt Müll als herrenlose Sache. (Eine herrenlose Sache darf sich jeder aneignen, bis hin zu einem herrenlosen Bienenschwarm, den man einfangen und danach zur eigenen Honigproduktion verwenden darf [§ 961 BGB].)

An sich ist es eine Schande, Lebensmittel wegzuwerfen. Sind es mühevoll hergestellte, wie etwa Kaffee, habe ich dabei immer auch ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Arbeiter, der sich dafür auf der Plantage abgemüht hat, und wir gießen oder werfen den Kaffee jetzt weg. So viele Menschen auf der Welt hungern, manche hungern sogar hier, aber Lebensmittel aus dem Überfluß anderer fischen ist strafbar. Irgendwie muß ich dabei auch an das Evangelium vom armen Lazarus denken: Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.

Der Heilige des heutigen Tages hätte wohl auch anders darüber gedacht.

Kommentare:

Cassandra hat gesagt…

das es möglich ist, Müll zu steheln, hat eine us-amerikanische Gastdozentin nicht begriffen. Warum ist das stehlen, wenn man auf dem Sperrmüll ein Fahrrad, das offensichtlich niemand mehr will, mitnimmt? Ihre Argumentation machte durchaus Sinn, die Gesetzeslage nicht.

Braut des Lammes hat gesagt…

Weil nach deutschem Recht der Abfall bzw. Sperrmüll Eigentum desjenigen bleibt, der ihn wegwirft (weshalb er anscheinend nur den Besitz, nicht aber das Eigentum aufgibt). Mit der Abholung des Mülls durch die Müllabfuhr geht das Eigentum auf diese über. Eben das finde ich eigenartig. Man könnte sich auch fragen, warum das Eigentum am Weggeworfenen mit der Abholung ohne weiteres auf die Müllabfuhr übergeht, nicht aber auf einen anderen, der es sich aneignen möchte?

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