Sonntag, 20. Oktober 2013

29. Sonntag im Jahreskreis: Schreien, nicht schweigen


Das Kirchenjahr geht dem Ende entgegen (wir haben den 29. von 33 Sonntagen im Jahreskreis), die Lesungen werden endzeitlich.

Vor einiger Zeit habe ich einem Freund, der sich in schwieriger Lage befindet, in dem Gedanken bestärkt, seine Schwierigkeiten, sein Hadern immer wieder vor Gott zu bringen, Gott in seinem Beten durchaus auch lästig zu fallen. Ich hatte dabei an den Psalmisten im Ohr:
Ich bin gefangen und kann nicht heraus. Mein Auge wird trübe vor Elend. Jeden Tag, Herr, ruf ich zu dir; ich strecke nach dir meine Hände aus. Wirst du an den Toten Wunder tun, werden Schatten aufstehn, um dich zu preisen? Erzählt man im Grab von deiner Huld, von deiner Treue im Totenreich? Werden deine Wunder in der Finsternis bekannt, deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens? Herr, darum schreie ich zu dir, früh am Morgen tritt mein Gebet vor dich hin. 
Der Psalmist hat keine Scheu, Gott daran zu erinnern, daß es irgendwann zu spät sein könnte: Wirst du an den Toten Wunder tun? Möglichst also sollte Gott sich nicht Zeit lassen, bis der Betende im Grab, im Totenreich in der Finsternis und im Land des Vergessens angekommen sein wird.

Solche Beispiele, daß man zu Gott auch schreien kann, sich dessen offenbar nicht zu scheuen braucht, gibt es noch mehr in der Schrift. Beim Propheten Jesaja heißt es:
Auf deine Mauern, Jerusalem, stellte ich Wächter. Weder bei Tag noch bei Nacht dürfen sie schweigen. Ihr, die ihr den Herrn an Zion erinnern sollt, gönnt euch keine Ruhe! Laßt auch ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufbaut, bis er es auf der ganzen Erde berühmt macht.
Wächter stellt man sich eigentlich stumm und still vor, diese aber dürfen nicht schweigen. In einem Atemzug ist die Rede davon, daß die Wächter sich selbst keine Ruhe gönnen, aber auch Gott keine Ruhe lassen sollen. – Da gibt es die Kanaaniterin, die sich um ihrer Tochter willen von Jesus nicht abweisen läßt und deretwegen ihm die Jünger dann drängen, etwas zu unternehmen, denn sie schreit hinter uns her. Oder eben das Gleichnis, das wir heute im Tagesevangelium gehört haben, mit der Witwe, die immer wieder dieselbe Bitte vorträgt: verschaffe mir Recht! Aus diesem Grund nennt man das Gleichnis nicht nur das vom ungerechten Richter, sondern auch das von der lästigen Witwe. Lästig sein will eigentlich keiner, schüchternen Menschen ist der Gedanke daran schon eine Qual. Manchmal muß es halt doch sein, wenn man etwas unbedingt erreichen will. Die Essenz des Tagesevangeliums ist: bei Gott soll man es sogar sein. Tag und Nacht, wenn es sein muß. Die Witwe erhält schließlich ihr Recht, nicht weil der Richter es als Recht oder auch nur richtig erkannt hätte, sondern einfach um ihrer Beharrlichkeit willen und weil der Richter sich anscheinend kaum noch vor die Tür traut, womöglich steht die Witwe schon wieder da und schreit oder wird sogar handgreiflich.

Christus selbst stellt uns hier die Frage: Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Darum geht es in unserem Gebetsleben oder sollte es gehen: Wenn es nötig ist, Tag und Nacht zu Gott zu schreien, denn nur im Anschweigen Gottes erstirbt die Liebe. Der zu dem wir schreien, hält das aus.

Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden? – Manchmal frage ich mich das auch. Das Schreien jedenfalls wird er vorfinden, wir werden weiter zu Gott schreien, verschaffe uns Recht!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Danke !

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