Montag, 2. September 2013

Kings (Leben und) Schreiben

Pro 7 strahlt am Mittwoch Under the dome aus. Vor dem Hintergrund, daß ich Under the dome innerlich mit dem Award für den schlechten King-Roman aller Zeiten versehen hatte, fand ich es bemerkenswert, daß Stephen Spielberg anscheinend anders darüber denkt. Wenn ich allerdings lese, daß für die Serie diverse Figuren heraus- und andere hineingeschrieben wurden und „das Ende ganz anders“ sein soll als im Buch, fragt sich, ob die Serie mit dem Buch außer dem Titel und der Idee an sich noch viel zu tun haben wird. Allerdings ist die Grundidee des Buches auch schon streckenmäßig bei Das Dorf der Verdammten abgekupfert. Sich inspirieren zu lassen, ist wiederum nichts, was man einem Autoren vorwerfen sollte, es stellt sich bei solcher Konstellation nur die Frage, was bleibt dann in der filmischen Umsetzung überhaupt noch übrig? Da nutzt auch die Ankündigung, die Änderungen seien von King alle selbst abgesegnet, nicht viel, es ist die Verfilmung eines Werkes, das der Autor letztlich gar nicht geschrieben hat.

Ich bin bei Under the dome Kings eigenem Ratschlag gefolgt, den er an verschiedenen Stellen (etwa in Hearts in Atlantis) gibt: einem Buch eine Chance, eine Art Vorschuß zu geben, wie man etwa eine Wasserpumpe betreibt, in die man erst einmal etwas Wasser einfüllen muß, dergestalt, daß man zwanzig Seiten des Buches liest. Hat man dann nicht das Gefühl, das Buch habe einem etwas zu geben, sollte man es beiseitelegen. Beim Dome habe ich dies übererfüllt, vielleicht war das der erste Fehler. Ich habe kurz nach Erscheinen ganze 644 Seiten gelesen und das Buch dann beiseite gelegt, weil es mir bis dahin nicht gelungen war, überhaupt irgendeine Beziehung zu irgendeiner der Figuren aufzubauen (etwas, das mir in anderen Romanen Kings, etwa dem Tierfriedhof oder Rose Madder schon im allerersten Kapitel mühelos gelungen ist). Daß der Autor diesem Roman eine Aufzählung der Handelnden voranstellt, verstehe ich völlig, nicht nur, daß es einem geht wie bei Tolstois Krieg und Frieden, sie wollen einem auch nicht im Gedächtnis bleiben. Wer war jetzt nochmal…? Blätter blätter. Under the dome habe ich jedenfalls irgendwann beiseite gelegt und erst neulich, also nach mehreren Jahren, nachdem ich es wiedergefunden hatte und der seltsamen Anwandlung erlag, ich wolle jetzt doch wissen, wie dieser Plot sich auflöst, außerdem hätte ich das Buch ja bereits bezahlt, da sei das nur recht und billig usw. usf. dann doch fertig gelesen. Ich hab es bedauert. Daß ich mir die Verfilmung gerade dieses Werkes geben werde, glaube ich daher nicht so recht. Irgendworan muß man doch mal Lebenszeit einsparen. ;)

Allerdings war dies Anlaß, wieder einmal über die merkwürdige Diskrepanz nachzudenken, daß ein guter Roman Kings nicht zugleich auch eine gute Verfilmung bedeuten muß und umgekehrt. Einige der besten Romane und Novellen Stephen Kings haben absolut schlechte bis erbärmliche Verfilmungen hervorgebracht (etwa das epische The stand oder Pet sematary). Umgekehrt haben einige seiner Werke, vor allem Kurzgeschichten, bei denen man es vorher nicht vermutet hätte, bemerkenswerte Verfilmungen erlebt, wie Die Verurteilten oder The Green Mile. Bei den Verurteilten wissen viele gar nicht, daß es sich hierbei um die Verfilmung einer Novelle Kings handelt, Rita Hayworth and the Shawshank redemption. Andere wiederum finde ich als Verfilmung gleichermaßen widerwärtig wie als Kurzgeschichte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß man Donovan's cadillac auch noch verfilmen könnte. Bei Rose Madder, das mir sehr gefällt (aber anscheinend niemandem sonst), und das ich auch für wirklich gute Arbeit halte − der Autor bringt das Kunststück fertig, eine Geschichte aus der Sicht einer Frau zu schreiben, auf eine Weise, daß man es ihm wirklich abnimmt −, fürchte ich, es käme jemand auf die Idee, das zu verfilmen, dann wäre die Illusion futsch. Figuren, die man in einer Verfilmung eines Werkes gesehen hat, kann man sich hinterher nie wieder so vorstellen wie vorher (wie man wohl auch umgekehrt, wenn man den Film zuerst gelesen hat, sich Orte und Figuren so vorstellt wie im Film). Die absolute Ausnahme hiervon ist wahrscheinlich Anthony Hopkins in Hearts in Atlantis: Ted Brautigan hatte ich mir vorher schon genauso vorgestellt. Diese Verfilmung einer Novelle aus Hearts in Atlantis halte ich allerdings darüber hinaus für deswegen mißlungen, weil man sämtliche Bezüge auf den Dunklen Turm daraus entfernt hat, was nicht nötig gewesen wäre. Wie man Low men in yellow coats für sich allein lesen kann, ohne den Turm zu kennen, hätte man den Film Hearts in Atlantis ohne solche chirurgischen Eingriffe sogar besser verstanden.

Warum hier einen Blogbeitrag über Stephen King? Weil ich ihn für einen großen Geschichtenerzähler halte (was vor allem seine Werke betrifft, die er geschrieben hat, bevor ich das Gefühl bekam, jetzt hätte er große Teile seines lyrischen Talentes doch vertrunken und es sei vielleicht nur ein ordinärer älterer Mann übriggeblieben). Außerdem kann man King wegen seiner Beschreibungen des amerikanischen Lokalkolorits mit Fug und Recht als Heimat- und Genreschriftsteller betrachten. Sein Buch Das Leben und das Schreiben ist übrigens als Sachbuch wirklich mit Gewinn zu lesen. Einige der Bücher Kings, die ich seinerzeit bei Erscheinen gelesen habe − was sie assoziativ auf immer mit Ferienzeit und langen Nachmittagen im städtischen Freibad verknüpft − rufen mittlerweile beim Lesen ein nostalgisches Gefühl hervor: das war eine Zeit, die ich selbst erlebt habe (eine Zeit ohne PC, Mobiltelefon und Internet) − und doch blickt man darauf wie auf eine alte Schwarzweiß-Fotografie. Sie ist noch scharf, hat aber das angenehm Nostalgische.

Kommentare:

Bettina Klix hat gesagt…

Danke für diesen Beitrag! Ich finde Kings Buch "In einer kleinen Stadt" (Needful Things)großartig, auf das ich in einer katholischen Regionalzeitung hingewiesen wurde: als eine gelungene Studie über die Versuchung. Auf seine ganz eigene Weise stellt es sich damit sogar würdig an die Seite von C.S. Lewis "Dienstanweisung für einen Unterteufel", beide Bücher habe ich in einer Vorbereitung auf ein Seminar an der Katholischen Akademie gelesen und beide sind sehr sehr nützlich, um in Alltagssituationen die maskierten Gefahren zu erkennen. Die Verfilmung von Needful Things kenne ich nicht, aber ich glaube nicht, dass das Buch verfilmbar ist, eben wegen des Themas der Schwelle, über die man unmerklich gerät.

Braut des Lammes hat gesagt…

Über die Verfilmung von Needful things weiß ich zuwenig, um sie beurteilen zu könnnen, zuvor hätte ich das Werk allerdings ebenso wie The stand für schwierig verfilmbar gehalten.

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