Montag, 9. September 2013

Am Ambo – ein länglicher Aufruf, das Buch der Weisheit und: Gummibärchen

Wo man vor der Sonntagsmesse schon leicht außer Atem gerät, da muß die Meßdienerin den Aufruf der deutschen Bischöfe zur Bundestagswahl vorlesen, von dem der Generalvikar wünschte, daß er den Gläubigen vor oder nach (löblicherweise nicht in) der Heiligen Messe zur Kenntnis gebracht werde. Am Vormittag soll während seiner Verlesung jemand aufgestanden sein und dazwischengerufen haben, man möge doch „mit diesem Politquatsch“ (oder so) aufhören. Ich hätte wahrscheinlich an dieser Stelle innegehalten und glatt gesagt, daß ich auch viel lieber etwas anderes vorläse. In der Heiligen Messe haben wir dann statt des Aufrufs eine Predigt über die Lesung aus dem Buch der Weisheit gehört, das war das Gute daran.

Wegen der Länge des Aufrufs – es dauert mehr als zehn Minuten, ihn vorzulesen, das ist länger als manche Predigt – fange ich dementsprechend früher an. Wer zu spät kommt, den bestraft in diesem Falle nicht das Leben, sondern es belohnt ihn geradezu. Bei mir ruft keiner dazwischen, auch lädt gleich der Beginn zum Schmunzeln ein, weil ich gedanklich noch eher bei den Gummibären war, die ich beim Einkaufen am Samstag gesehen hab und auf denen „Frohe Weihnachten!“ stand. Am 7. September! In grüner Schrift auf rotem Grund. Daraufhin verlege ich die Bundestagswahl sprachlich erst einmal auf den 22. Dezember. Das kommt dabei heraus, wenn man am Ambo zum eigenen Trost am Gummibärchen denkt.

Während man allerdings geschlagene drei Seiten in kleiner Schrift vorliest, kommt man nicht umhin, sich zu fragen, was sie den Gläubigen eigentlich sagen wollen? Daß es wichtig sei, für die Armen, den Klimaschutz und den Schutz der Ehe einzutreten? Daß der Papst auf Lampedusa war? Da kommen die Energiewende und die Staatsschuldenkrise, Europa und der Euro und der wirtschaftliche Aufschwung auf dem Förderband vorbeigefahren. Nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. Ich nehme dann das Fragezeichen.

Im vorvorletzten Absatz gelangt man dann schließlich auch beim Schutz des Lebens „an seinem Anfang und seinem Ende“ an. Die Frage, ob zu diesem Zeitpunkt noch jemand zuhört oder ob die alle entweder vor der Kirche noch eine rauchen gegangen oder aber sanft entschlummert sind, lasse ich mal beiseite, obwohl ich mich deutlich erinnern kann, daß ich beim letzten derartigen Wahlaufruf intensiv den Marmorboden der Kathedrale studiert habe: da waren total interessante fossile Muster drin!

Warum liest im Rahmen eines solchen „Wortes“ der Meßdiener den Gläubigen im Auftrag der Bischöfe vor, für welche Ziele sich Kandidaten für den Bundestag alles einsetzen sollen – es oft aber nicht tun? Wärs nicht viel besser gewesen, das gleich den Kandidaten für den Bundestag zu schreiben? Und muß das nun alles so klingen, als würde man unter einer Ladung Backsteine begraben? Was soll mir dieses „Wort“, bei dem man nach drei Seiten schließlich an dem Punkt angelangt, man möge als Christ von seinem Wahlrecht Gebrauch machen? Meines Dafürhaltens haben die Bischöfe damit nur „geht wählen!“ sehr langatmig und worthülsig ausgedrückt. Was aber soll ich als Christ wählen, dem der Schutz des Lebens wichtig ist, wenn sogar Abgeordnete einer Partei, die das C im Namen trägt, wie Frau von der Leyen, vor dem Bundestag für die PID eintreten? Die Frau Kandesbunzlerin (CDU), vor deren Bundeswaschmaschine alljährlich der Marsch für das Leben seine Kundgebung abhält und der Marsch beginnt, hab ich da auch noch nicht gesehen. Ausgerechnet die CDU nominiert Alice Schwarzer für die Bundesversammlung. Und immer so weiter.

Man kann mich schwerlich einen politischen Menschen nennen, aber als Christ gefragt: sollten die Bischöfe nicht in erster Linie zu den Dingen klare Stellung beziehen, die uns Christen unmittelbar angehen, wie etwa den Schutz des Lebens  – jeglichen Lebens, das des ungeborenen, der Schwachen, der Behinderten, der Todkranken und der Alten? Ist es nötig, sich darüber zu äußern, welche Währung wir haben bzw. welcher Währungsunion wir angehören sollten? Dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, bedeutet doch nicht, auch noch solche Angelegenheiten des Kaisers unmittelbar zu kommentieren? Von den Bischöfen erwarte ich mir ein geistliches Wort, nicht etwas, in dem das Wort Nachhaltigkeit allein fünfmal vorkommt. (An dieser Stelle konnte ich den Zwischenrufer vom Morgen unbekannterweise fast verstehen.)

Mir kommt das alles ohnehin vor wie eine Wahl zwischen Pest und Cholera oder vielleicht auch zwischen Scylla und Charybdis. Es wird noch nicht einmal so recht klar, was man auf keinen Fall wählen kann. Und was, wenn nach längerer eigener Überlegung eigentlich so gut wie nichts übrig bleibt, das man wählen könnte? Man verstehe mich recht, mich treibt nicht die Sehnsucht nach Hirtenbriefen um, wie man sie auch schon hatte, in denen die Wahl bestimmter Parteien unverhohlen nahegelegt wurde. Wenn aber so ein Wischiwaschi herauskommt, frage ich mich, warum dann überhaupt ein Aufruf? Vielleicht bin ich nur allgemein müde, wahrscheinlich aber tatsächlich „wahlmüde“. Der Wahl-o-mat schlägt mir übrigens von Mal zu Mal die Partei Bibeltreuer Christen vor.

Die erste Lesung, die ich dankenswerterweise auch lesen durfte, hat es zumindest für mich völlig herausgerissen, nicht nur wegen ihrer schieren Schönheit. Vielleicht hätte man den Gläubigen statt eines solchen Aufrufs lieber gleich aus dem Buch der Weisheit vorgelesen (oder gern auch aus Kohelet):
Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen, oder wer begreift, was der Herr will? Unsicher sind die Berechnungen der Sterblichen und hinfällig unsere Gedanken; denn der vergängliche Leib beschwert die Seele, und das irdische Zelt belastet den um vieles besorgten Geist. Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht, und finden nur mit Mühe, was doch auf der Hand liegt; wer kann dann ergründen, was im Himmel ist? Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast? So wurden die Pfade der Erdenbewohner gerade gemacht, und die Menschen lernten, was dir gefällt; durch die Weisheit wurden sie gerettet. (Weish 9, 13-19)
Mich hätte das weiter gebracht als drei Seiten Geschwurbel.

Kommentare:

Psallite Deo hat gesagt…

Bei uns wurde der Aufruf nicht verlesen, sondern kopiert und ausgelegt. Ich habe in der Tat alle drei Seiten gelesen, dann aber aufs Mitnehmen verzichtet, weil es wirklich alles und nichts sagt.
Daß man nur das kleinere Übel wählt, denke ich schon seit langem, und daß man immer weniger Parteien findet, denen man mit einigen Abstrichen noch irgendwie zustimmen kann, wird immer deutlicher.
Aber es soll jetzt eine Partei der Nichtwähler geben (was immer die dann macht...).
Die Problematik der Splitterparteien bleibt ja auch: Letztendlich sind die Stimmen verschenkt, denn sie werden ziemlich sicher nicht über 5% kommen, andererseits, wenn alle, die eigentlich eine von denen gut finden, nur deswegen eine der etablierten wählen, doch die kleine Partei gewählt hätten - wer weiß?
Aber andererseits weiß man viel zu wenig über die, manche verstecken ausländerfeindliches Gedankengut hinter Umweltschutz, und solche Leute möchte ich natürlich auch nicht fördern... es bleibt schwierig.

Braut des Lammes hat gesagt…

Kopieren und auslegen wäre auch gegangen, das wollte man hier aber offensichtlich nicht.

Das mit dem "Verlorengehen" der Stimme hab ich bisher ähnlich gesehen, andererseits, wenn dann irgendwann nur die Nichtwahl übrigbliebe, wärs vielleicht besser, die Stimme einer kleinen Partei zu geben, falls deren Programm zu überzeugen vermag. Verschenkter kann die Stimme da auch nicht sein als wenn sie gar nicht abgegeben würde.

jeannedarc hat gesagt…

An uns ging der Kelch leider nicht vorüber, denn wir mussten den ganzen Aufruf, leider anstatt der Predigt, über uns ergehen lassen.
Das mir vorher lesen wäre eigentlich nicht schlecht, aber dann würde die Messe doch erheblich länger dauern. Bei uns fangen einige zu murren an, wenn's mal länger als 45 min dauert.
Wir haben polnische Minoritenpatres die wirklich so gut sind, wie man sich nur wünschen kann. Einer, der noch nicht so perfekt deutsch kann, kam bei der Verlesung des Aufrufs sehr in Bedrängnis. Einige Worte konnte er überhaupt nicht aussprechen. Er tat mir sehr leid.

Braut des Lammes hat gesagt…

Oje, der Arme, solche Aufrufe sind oft auch voller Zungenbrecher. – Bei uns wird vor der Heiligen Messe vermeldet und die Verlesung solcher Mitteilungen erfolgt dann im Rahmen der Vermeldungen. Insofern dauert die Heilige Messe nicht länger, sondern die Vermeldungen fangen früher an (es hat trotzdem von nach dem ersten bis zum zweiten Glockenläuten gedauert). Das Blöde ist halt, daß die Leute auf diese Weise schon halb taub sind, bevor die Messe überhaupt anfängt.

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