Samstag, 31. August 2013

To meat nor not to meat?

Etwas Ironisches hat es schon, zu einer Zeit, in der diese unsägliche Veggieday-Posse die Medien unterhält, wieder einmal dauerhaft kein Fleisch zu essen. Dabei hat beides nicht das mindeste miteinander zu tun, es ist die reine Koinzidenz.

Neulich hab ich mich übrigens im Halbschlaf damit unterhalten, die Statements der Grünen durch eine entsprechend formulierte Mitteilungen der deutschen Bischöfe zu ersetzen: „Der Freitag ist ein wunderbarer Tag zum Ausprobieren, wie wir das kirchliche Fasten einhalten und dem bitteren Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus gedenken.“ – „Kein Mensch muß am Freitag einen Burger essen“. Da möchte ich mal die Gesichter sehen. Aber halt, da haben wir es ja schon: das kirchliche Fast- und Abstinenzgebot verpflichtet nur die Katholiken, nicht auch zugleich alle anderen, die gerade in der Kantine etwas essen möchten und sei es einen Burger. Auch bedeutet Fleisch hier wirklich nur Fleisch, nicht auch noch Fisch, Schnecken, Schildkröten, Frösche, See- und Flußkrebse, Muscheln und anderen Schalen- und Weichtiere. Wer einen kantinenweiten Gemüsetag fordert, engt das Spektrum ja schon ziemlich ein. Wären Karotten, Melonen und Kürbisse, die im Ganzen geerntet werden, OK oder geht das auch schon zu weit? Man ist wirklich versucht, ihnen mit dem hl. Petrus zu kommen: Was Gott für rein erklärt hat, nenne du nicht unrein!

Daß bei solchen Initiativen gemeinhin entweder der Montag oder der Donnerstag favorisiert wird, um irgendwelcher Wort- und Silbenspiele willen (Meat-less mon-day; veg-gie-day, Don-ners-tag), ist allerdings schon bemerkenswert: Christen haben zu den unterschiedlichsten Zeiten und Tagen gefastet, traditionelle Abstinenztage sind indes der Freitag, der Mittwoch und zuweilen auch noch der Samstag.

Die kirchliche Tradition hat übrigens interessante Begründungen dafür angeführt, wieso der Verzehr von Fisch auch an Fast- und Abstinenztagen erlaubt ist, etwa „daß dieselben weniger Nahrungsstoff enthalten als Fleisch von Landthieren, und keinesfalls den Organismus so sehr wie diese erhitzen und erregen; dann aber auch, daß eine allgemein hinreichende Nahrung aus Vegetabilien überall nur schwer, an vielen Orten gar nicht gewonnen werden kann.“ Wieder andere berufen sich auf die Symbolik – wird nicht Christus selbst Fisch (ΙΧΘΥΣ) genannt? Auch lebt der Fisch im Wasser, einem Sinnbild der Reinheit und gültige Materie für die Spendung gleich mehrerer Sakramente.

Im Leben hab ich schon mehrmals über lange Zeiten hinweg ohne Fleisch gelebt, rein vegetarisch oder gar vegan dagegen noch nie. Warum bin ich also wieder mal das, was man heutzutage très chic einen Pescetarier nennt (was ja anscheinend das Gesündeste überhaupt sein soll, wegen der vielen wunderbaren Omega-3-Fettsäuren)? Ich glaub, das hängt hauptsächlich damit zusammen, daß ich, und sei ich in der Wüste allein mit einer Ente und es ginge um mein Überleben, diese nicht schlachten könnte, wenn sie mich treuherzig anschaute. Da ich selbst kein Tier schlachten könnte (und das auch immer schon hochgradig gruselig fand), wird es auch nicht besser, wenn andere es für mich täten. Einem kleineren Fisch könnte ich dagegen wahrscheinlich eins überziehen (bei den armen Tintenfischen kommt hingegen wieder das Argument mit dem treuherzigen Blick in Spiel. Wobei Kalmare, so hab ich mir eindrücklich beschreiben lassen, scheints umgekehrt keinerlei solche Skrupel kennen).

Vielleicht ein skurriles Argument, aber brauche ich eins? Mein Organismus ist darauf angelegt, buchstäblich alles zu verzehren, weil man die Menschen halt zu den Omnivoren zählt. Wenn oder wann ich dem einen oder anderen (und nur diesem) entsagen möchte, ist meine eigene Entscheidung. Auch hätte ich wirklich keine Lust, mich als Frau später im Leben etwa mit Osteoporose herumzuärgern, wo ich Milchprodukte so gern mag. Das hieße nun wirklich, sich zwei Kreuze zu nehmen. Ich esse also Fische, Meeresfrüchte, Eier, Käse, Joghurt, alles sowas. Im übrigen hab ich in der Vergangenheit zu verschiedenen Zeiten die Erfahrung gemacht, daß wenn der Körper heftig nach Himbeeren, Joghurt, Emmentaler Käse oder auch Forelle verlangt, er seinen Grund haben mag. Mit Bedenklichkeiten wie etwa denen der Frutarier, die es etwa vor ihrem Gewissen nicht verantworten können, eine Karotte zu essen (weil sie anschließend weg ist) hab ich mich noch nie abgeplagt. Herr des Himmels!

Nun gut, es war jetzt also die, wenn ich mich recht entsinne, vierte Woche kein Fleisch auf dem Tisch und auch kein Verlangen danach da. Letzteres kenne ich schon, bis hin zu dem Punkt, daß man irgendwann, wenn man am Wurststand vorbeigeht, den Geruch dort leicht übel findet. Soweit bin ich diesmal noch nicht, schwelge allerdings in vorwiegend nahöstlichem: Humus, grüne Oliven, gefüllte Peperoni. Der Vorteil ist, daß ich mittlerweile zwischendurch auch Lebensmitteleinkäufe zustandebringe, bei denen ich mich gar nicht mehr in den hinteren Teil des Supermarkts hineinarbeiten muß, sondern die Abkürzung zur Kasse nehmen kann: Obst, Nudeln, die vegetarischen Sachen und Schorle (und Schokolade!) sind alle vorn. Zu schade, daß man nicht den Alkohol nach hinten stellt und dafür noch Fisch und Käse nach vorn holt, dann wäre ich fein raus.

Darüber hinaus hat sich seit der letzten derartigen Anwandlung das Angebot für Vegetarier meiner Ansicht nach deutlich verbessert: statt scheußlicher vegetarischer Brotaufstriche und Tofu hab ich Klößchen aufgetan, die aussehen wie Fleisch und mit Händlmaiers Honig-Senf-Soße zwar nicht ganz genauso schmecken, aber immerhin sehr gut. Statt der vegetarischen Brotaufstriche, die unter dieser Flagge segeln, nehme man besser Aufstrich für Bruschetta oder Pesto.

Auch brauche ich mir beim Essen keine Gedanken mehr zu machen, ist heute vielleicht Freitag oder ist der Freitag vielleicht schon angebrochen? Nur: was mache ich jetzt fastenmäßig am Freitag?

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