Samstag, 3. August 2013

Liturgische Wundertüten

Heilige Messe am Herz-Jesu-Freitag, sakramentale Aussetzung mit Segen und Gewinnung des Portiunkula-Ablasses – das sind ja schon drei Sachen! Schönerweise gabs das gestern alles auf einmal (für die eucharistische Andacht am Freitag war das die Premiere) und wunderbarerweise war es bei der Aussetzung wirklich still. Unterbrochen wurde die Stille irgendwann durch die Stimme des Zelebranten, der vor der Reponierung des Allerheiligsten vor der Messe schon mal mit der Andacht zum heiligsten Herzen Jesu anfing, anstatt, wie vereinbart, vorher vom Beichtstuhl aus in die Sakristei zu kommen. Dies vernahmen wir in der Sakristei (da der Zelebrant stimmgewaltig war). Nun galt es, mit Weihrauchfaß und Schiffchen würdig hinzuzutreten.

Beim Segen ging es an einer Stelle etwas unrund, weil es für mich kaum einen Augenblick gab, dem Zelebranten das Velum nach dem Segen wieder abzunehmen, auch ist es als kleiner Ministrant nicht ganz einfach, einem baumlangen, stehenden Zelebranten das Velum aufzulegen und ihm womöglich den Verschluß in die Hände zu geben, wenn er sie nicht ausstreckt. Aber das kenne ich schon[1], der Baumlange denkt einfach nicht dran, muß er sich den Verschluß halt selber suchen, von hinten umarmen ist nicht. Ich frag mich nur, warum muß er aufstehen, wenn er doch zuvor ohnehin kniet? Daß der Priester vor dem Auszug eigentlich das Velum wieder abnimmt, weiß sicherlich auch nicht jeder Meßbesucher, insofern fiel es womöglich nicht weiter auf, daß er mit dem aufgelegten Velum wieder ausgezogen ist. Da ich aber eigentlich drauf eingestellt war, es wieder abzunehmen und zu versorgen, hatte ich etwas Mühe, bei dem überhasteten Auszug mein Schiffchen zu greifen und mich wieder vor ihn in die Auszugsprozession einzusortieren. Also, wenn mir irgendwas widerstrebt, dann, wenn jemand vor dem Allerheiligsten die Ruhe nicht hat.

Auch in der anschließenden Messe erwies sich der Zelebrant als eine Art Wundertüte, man wußte nicht, was kommt als nächstes raus? Einige frei formulierte Akklamationen, Betet, Brüder und Schwestern – das finde ich immer schön –, Einladung zum Hochgebet und Präfation gesungen, auf einem Ton, der sich gut singen läßt (leider war gestern der Tag des unmusikalischen Volkes), ein Stillgebet des Priesters sprach er laut, das Vater unser dagegen ohne Embolismus (die Gemeinde zögerte hörbar, hierzukirch wird er nämlich immer gesprochen). Dabei drehte der Priester am Altar in der Orante dem eucharistischen Herrn den Rücken zu und schaute uns an. So verdeckte seine Gestalt iHN, den zumindest wir beim Vater unser ansehen wollten.

Manchmal kommt es bei der Erhebung der Gaben – die eigentlich ein sehr schöner und stiller Moment ist – vor, daß ein Zelebrant nacheinander Schale und Kelch erhebt und sich dabei langsam einmal um sich selber dreht. Mich lenkt das einigermaßen ab: ich schaue auf den sakramentalen Christus und bete im Stillen: Mein Herr und mein Gott, (mein König und mein Bräutigam); unwillkürlich versuche ich also, dem Herrn mit den Augen zu folgen und sehe doch einen Zelebranten, der mit ihm eine Art Pirouette in Zeitlupe dreht. Einen Gefallen tut man den Gläubigen meines Erachtens damit nicht, aber wer bin ich schon?

Bei solchen Sachen weiß ich auch nicht, so nett jemand vorher oder nachher menschlich erscheinen mag, als Ministrant zieht er mich von der Andacht ein wenig bis ziemlich ab, schon weil man das Gefühl nicht loswird: was? Was kommt als nächstes? In die Liturgie, so wie sie eigentlich sein soll, kann man sich einfach hineinfallen lassen und seinen Platz in ihr finden. Bei der „Wundertüte“ dagegen wird man ein stetes Gefühl der Verwirrung nicht los.

Vor einiger Zeit mal hab ich mich nach der Sonntagsmesse zeitweilig an der Ableitung eines Diagramms oder einer Formel versucht, aus der sich die die mathematische Wahrscheinlichkeit einer Korrelation von Eigenartigkeiten herleiten läßt (The Big Bang Theory läßt grüßen). Aus selbiger Graphik sollte ersichtlich sein, wie wahrscheinlich es ist, daß sich nach der Abwandlung im Tagesgebet, Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn und Gott…, in „Darum bitten wir durch unseren Bruder Jesus Christus…“ weitere rituelle Merkwürdigkeiten zutragen werden, wie etwa „…und schenke der Welt Einigkeit, Gerechtigkeit und Frieden“ (hier warte ich nach „Einigkeit“ unwillkürlich immer auf „Recht und Freiheit“) oder eben auch der weggelassene Embolismus. Diese Bestrebung, dem Schwarzen und Roten im Meßbuch unbedingt seinen eigenen Stempel aufdrücken zu wollen (anders kann ich mir solche Varianten nicht erklären), ist mir unverständlich. Was ist eigentlich so schwer daran, das – und bei dieser Gelegenheit nur das – zu beten, was im Meßbuch steht? Dafür ist es ja da. Dann fiel mir die Nutz- und Lieblosigkeit eines solchen Diagramms ein. Das war wahrscheinlich auch besser so.

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[1] Es gibt einen Diakon, der steht immer, auch bei der Aussetzung, wenn ihn nicht eines Tages ein Blitz fällt.

Kommentare:

Marinika hat gesagt…

Liturgische Wundertüten gibt es bei uns leider auch häufig. Ich war zwar nie Ministrantin, aber auch als "einfacher" Gottesdienstbesucher lenken mich solche Eigenheiten immer ab und ärgern mich, besonders wenn Formulierungen aus dem Messbuch ersetzt werden durch eigene Formulierungen, die in ihrer Aussage schwächer als das Original sind oder einfach unlogisch. Da frage ich mich immer, ob der Priester sich denn nicht vorher überlegt hat, ob seine Variation überhaupt sinnvoll ist...

jeannedarc hat gesagt…

Bei so einem Priester könnte man- bei allem Respekt- nicht nur von einer Wundertüte, sondern vielmehr von einer Knalltüte sprechen

Braut des Lammes hat gesagt…

Also, soweit würde ich nicht gehen, er hatte sicher die besten Absichten. Irritierend bleibts trotzdem.

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