Samstag, 24. August 2013

Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde – Intersexualität ist nicht Gender

Bereits im Februar beziehungsweise Mai und zu diesem Zeitpunkt ohne größere Kontroversen wurde im Bundestag eine Gesetzesänderung verabschiedet, die im November wirksam wird.

In amerikanischen Blogs hat das schon Wellen geschlagen, über deren Form und Beschaffenheit ich mich gewundert habe, von „typisch deutsch“ (mit welcher Konnotation auch immer vorgetragen), über die Überkompensation des Erbes eines gewissen Anstreichers aus Braunau zu beißendem Spott über die vermeintliche Wut der Deutschen, alles und jedes regeln zu müssen, bis hin dazu, daß sich manche schämen, überhaupt auf demselben Kontinent zu leben wie der, auf dem Deutschland liegt. Da lohnt es sich doch schon, genauer hinzuschauen. Auch möchte man hier doch sagen: Be a mentsh!

Was ist denn eigentlich genau passiert? Im November wird Deutschland das erste Land in der europäischen Union (nicht auf der Welt!) sein, in dem es laut Personenstandsgesetz möglich ist, daß das Geschlecht eines Menschen unbestimmt ist, auf Zeit oder dauerhaft. § 22, des PStG, in dem es im übrigen um die Vornamen des Neugeborenen geht, wird zum 1. November erweitert:
Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen.
Das wohl erste, was Eltern nach der Geburt ihres Kindes gesagt wird, ist wohl „Es ist ein Junge!“ oder „Es ist ein Mädchen!“ Manchmal indes ist das nicht so einfach. Natürlich ist die Natur des Menschen auf zwei Geschlechter angelegt, Mann und Frau. Es gibt aber, rein medizinisch gesehen, eben Ausnahmen, in denen das nicht so eindeutig ist. Für diese, und nur für diese, kann die Gesetzeserweiterung künftig eine Hilfe sein, indem sie den Betroffenen Zeit gibt. Es gibt chromosomale und körperliche Abweichungen, bei denen Ärzte und Eltern bisher, unter dem Druck, das Kind sofort als das eine oder andere eintragen lassen zu müssen, Entscheidungen trafen, die sich später als genau falsch herausgestellt haben. Ein Problem, das man damit in der Vergangenheit hatte, ist, daß in dem Bemühen, sich festzulegen, Fehler passiert sind, die sich nicht wieder rückgängig machen lassen: etwa operative Veränderungen in möglichst frühem Kindesalter, um das vermeintlich „richtige“ bzw. passend erscheinende Erscheinungsbild zu einem der beiden Geschlechter zu erreichen. Aus solchen Schnellentscheidungen können Tragödien entstehen. Eltern sind in einer solchen Situation auch oft überfordert, wie zuweilen sogar die behandelnden Mediziner. Nun ist rechtlich festgelegt, daß Menschen bei der Geburt nicht „nur“ männlich oder weiblich sein können, sondern eben auch unbestimmt, was nicht heißt, daß sie das bleiben müssen.

Intersexualität ist nicht Transsexualität und auch nicht Gender. Einige sehen bereits jetzt vermeintlicher Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet. Das ist jedoch nicht so, auch habe ich das Gesetz nicht als Öffnung eines ganzen Bereiches wahrgenommen. Es richtet derzeit lediglich unser Augenmerk auf eine Gruppe von Menschen, die gemeinhin wenig beachtet wird. Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden macht eine ganz klare medizinische Aussage. Um eine solche Aussage überhaupt treffen zu können, sind genaue Untersuchungen bis hin zur Erstellung eines Karyogramms erforderlich. Freie Extrapolationen und intellektuelles Radschlagen wie
Das neue „Zauberwort“ heißt Intersex. Ab 1. November wird es in bundesdeutschen Geburtsurkunden ein „drittes“ Geschlecht geben. Nicht mehr männlich, nicht mehr weiblich. Hat ein Kind das „Glück“ von besonders ideologisch „innovativen“ Eltern abzustammen, kann es ihm passieren, amtlich als „geschlechtsneutral“ registriert zu werden.
sind daher schlichtweg Käse zu nennen, und die virtuellen Buchstaben, die dazu verwendet wurden, diesen Artikel zu schreiben, würde man besser umgehend recyceln. Innere Unruhe führe zu Formen der Realitätsverweigerung, heißt es dort eingangs. Sehr geehrter Herr Nardi, die Natur ist die Realität, nicht erst seit es Menschen gibt, und hier wird die biologische Realität eben gerade nicht geleugnet, darum geht es ja. Es kann im übrigen eigentlich nicht sein, daß wir als katholische Kirche uns für den Schutz des Lebens einsetzen und die Mütter und Familien ermutigen, auch Kinder, die anders sind, in Liebe anzunehmen als das, was sie sind: Menschen und Individuen, von Gott einzigartig erschaffen und geschenkt; wenn der Gesetzgeber dann versucht, deren Anderssein Rechnung tragen, ist es auch wieder nicht recht.

Ganz neu ist eine derartige rechtliche Regelung übrigens nicht, ebensowenig wie das Phänomen selbst. Das Preußische Allgemeine Landesrecht sah 1794 vor:
§. 19. Wenn Zwitter geboren werden, so bestimmen die Aeltern, zu welchem Geschlechte sie erzogen werden sollen.
§. 20. Jedoch steht einem solchen Menschen, nach zurückgelegtem achtzehnten Jahre, die Wahl frey, zu welchem Geschlecht er sich halten wolle.
Auch der Bayerische Codex Maximilianeus Civilis von 1756 führte aus, daß derjenige eines der beiden Geschlechter erwählen und von dieser Wahl nicht mehr abweichen solle. Vergleichbare Regelungen finden sich in älteren Rechten, etwa dem römischen. Das Neue an der jetzigen Erweiterung dürfte die implizite Möglichkeit sein, es etwa auch späterhin bei dem ursprünglichen „unbestimmt“ zu belassen. Die Frage ist, wird das jemand wollen?

Welche Tragweite diese Gesetzesänderung haben wird, wird sich zeigen, vermutlich weitreiche, zumal sie sich mittelfristig auch auf andere Gesetze und Bereiche des Lebens auswirken wird: wenn es etwa um Heirat oder die Übertragung kirchlicher Ämter und Dienste geht, bei denen die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht vorausgesetzt wird.

Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde und er schuf sie als Mann und Frau, heißt es in der Genesis. Das ist das Gewöhnliche. Es gibt im Leben aber immer auch das Außergewöhnliche und gelegentlich scheint sich die Natur nicht eindeutig festgelegt zu haben. Zuweilen muß man auch den Mut haben, zuzugeben, daß man etwas (noch) nicht so genau weiß.

Ein Kommentator bei Father Z. faßt zusammen:
Today, after a few short decades of performing surgery which stood a good chance of opting for the wrong sex, doctors now prefer to wait. I actually see sense in Germany’s decision in this matter since it only reflects what doctors are actually doing. Again, from earlier reading, the medical aim is to have the person fully functioning as an adult of the right sex, with appropriate surgical correction so that they may lead normal married lives. Why we should have so much more angst over this than, say, the correction of spinabifida or some other congenital abnormality, I just don’t get. The German law seems to be reflecting a fact of birth that doctors, nurses and parents can see with their own eyes.

Kommentare:

Gabriele hat gesagt…

Ich stimme im Wesentlichen mit dem überein, was du sagst. Hab mir nur zufällig von wenigen Wochen von einem Mediziner erklären lassen, dass die Entscheidung für ein Geschlecht bei Kleinkindern medizinisch noch relativ einfach zu bewerkstelligen, bei Erwachsenen dagegen schwer bis unmöglich ist und meist zB die lebenslange Einnahme von Hormonen und andere Manipulationen bedeutet. Ich fürchte daher, dass das eine Leid vielleicht vermieden, anderes aber generiert werden wird. So ist es eben meist mit den von Menschen getroffenen Regelungen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Ich glaub, Hormone nehmen zu müssen, ist vergleichsweise weniger invasiv und konfliktbehaftet im Vergleich zu dem Fall etwa, in denen ein Neugeborenes genetisch männlich ist, aber bei der Geburt phänotypisch so erscheint, daß man es in der Vergangenheit oft für einfacher hielt, in der operativen "Korrektur" – eigentlich aber eine Verschlimmbesserung – in möglichst frühem Alter eine Art Mädchen zu kreieren. In diesem Fall hast du wirklich die Tragik, daß dann jemand einen Körper hat, der eigentlich nicht zu seinem biologischen Geschlecht gehört. Von den sonstigen Belastungen für das Neugeborene und deren Angehörigen noch ganz zu schweigen.

Anonym hat gesagt…

Ich wüsste nicht, dass es möglich ist, "das Geschlecht von Kleinkindern medizinisch noch relativ einfach zu bewerkstelligen".

Derartige medizinische Möglichkeiten gibt es nicht. Es handelt sich hierbei lediglich um kosmetische Eingriffe mit sehr oft üblen Folgen.

Was "männlich" und "weiblich" ist, hängt ohnehin lediglich von der kulturellen Gemeinschaft ab, in die man geboren wurde und dient dazu, innerhalb der "Schwarz-Weiß"-Denke möglichst nicht aufzufallen.

Wenn ihr wissen wollt, wie es intersexuellen Menschen geht und was ihnen durch solche Operationen angetan wurde, kommt ihr am besten mal bei einem Treffen intersexueller Menschen vorbei.

Als Elternteil eines intersexuellen Kindes weiß ich, wovon ich rede!

Braut des Lammes hat gesagt…

Die Kommentatorin zuvor, die du wohl meintest, sprach allerdings von der Entscheidung für ein Geschlecht. Mir ist, als wenn aus meinem Beitrag die kritische Haltung gegenüber solchen Eingriffen deutlich hervorgeht, zumal, wenn man die Entscheidung dafür unter großer Belastung bzw. scheinbarem Zeitdruck trifft.

Widersprechen möchte ich deiner Haltung, daß das Geschlecht eines Menschen nur von kulturellen Gegebenheiten abhänge. Das ist nicht so, wie gerade ja auch bei intersexuellen Menschen deutlich werden kann.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...