Freitag, 14. Juni 2013

Black narcissus

Gestern hab ich es getan: zum ersten Mal hab ich mir einen ganzen Spielfilm im Internet angeschaut, schon weil ich das Gefühl hatte, auf eine Wiederholung im Fernsehen könnte man warten, bis man schwarz(!) wird. Die Geheimnisse, nach denen manche Filme manchmal jahrzehntelang nicht gezeigt werden, andere Filme dagegen gefühlte zehnmal in einem Jahr, sind mir nie so ganz klar geworden.

Angeschaut hab ich mir Black Narcissus. Beim deutschen Titel Die schwarze Narzisse geht schon in der Übersetzung einiges an Mehrdeutigkeit verloren, da mit schwarzer Narziß nicht nur das Parfum gemeint ist, sondern auch der mythologische Jüngling, der sich im Anblick seines eigenen Spiegelbilds verliert, alles andere darüber vergißt und ertrinkt.

Die schwarze Narzisse ist ein Nonnenfilm[1], schon deswegen hab ich ihn mir jedesmal angeschaut, wenn er gezeigt wurde. Eine Szene aus dem Film gehört übrigens zu den wenigen, die ich dauerhaft unheimlich und beängstigend finde: die Szene, in der die ehemalige Sr. Ruth sich zuerst einen blutroten Mund malt, sich Mr. Dean an den Hals wirft, der sie nicht will, und später auf das Felsplateau mit der Glocke hinaustritt, um Sr. Clodagh in den Abgrund zu stürzen. So was schaut man sich mit derselben Faszination an, wie eine Schlange, die eine Maus verschlingt und schon deshalb immer wieder, um vielleicht einmal doch herauszufinden, was daran so beängstigend ist, auf daß es womöglich sein Geheimnis und damit seine Macht verliere. Bis jetzt hab ich es noch nicht raus. Ich weiß nicht, ob es nur daran liegt, daß Sr. Ruth sich selbst in ein Zerrbild verwandelt hat, der Medusa auf der Insel der Toten ähnlich. Sogar das im Schein der Kerzen dunkelrote Kleid erscheint im frühen Morgenlicht nachtschwarz.


Die Handlung beruht auf einem vergleichsweise schmalen Roman von Rumer Godden; fast alles, auf jeden Fall die meisten Dialoge, hat nahezu unverändert Eingang in den Film gefunden. Ursprünglich nannte der Verlag die deutsche Übersetzung von 1939 einmal Uralt der Wind vom Himalaja, später kehrte man aber zum Titel des Originals Schwarzer Narziß zurück.

Einem tätigen Schwesternorden wird als Stiftung ein indischer Palast angeboten. Die gleiche Schenkung wurde von einem Radscha schon einmal einem Brüderorden gemacht, der die Gründung aber schon nach fünf Monaten von jetzt auf gleich wieder aufgab. Trotz der merkwürdigen Umstände und der Warnung des Verwalters, der Ort eigne sich nicht für ein Kloster, besiedelt ein kleiner Konvent von fünf Schwestern den wunderschönen Palast Mopu, der einmal eine Art Harem war. Unter ihnen die labile Schwester Ruth, die man mehr oder weniger dorthin abschiebt, und als Oberin Sr. Clodagh, deren latente, aber große Arroganz im Buch stärker herauskommt als im Film. Und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

There's something in the atmosphere that makes everything exaggerated  − so drückt es der Verwalter Dean aus. Eine Eigenschaft des Ortes, die angesichts der gewaltigen Natur den Menschen, seine Gefühle und auch die Ordensregel klein und unbedeutend erscheinen läßt. Zugleich kommt aus vielleicht rein biologischen Gründen bei den Ordensleuten wegen der extremen Höhenlage eine unheilige Verbindung zustande, die Gefühle, Erinnerungen und Konflikte verzerrt und überproportional bedeutsam erscheinen läßt. Die Einwohner nennen den Berg, der über dem Kloster liegt und in dessen immerwährende Anschauung (Anbetung?) der alte Sanyasin auf dem Klostergrund so unablässig versunken ist, „the bare goddess“. Das sagt schon einiges aus. Ein großer Teil des Buches will auf die übernatürliche Stimmung hinaus, die die gewaltige Natur an diesem Ort schafft – und das ist wohl auch der Grund des Scheiterns der Schwestern: es ist etwas da, das alles übersteigert. Das ist, wie ich finde, in diesem Film eindrucksvoll umgesetzt. Die Schwestern verändern wenig an dem schnörkeligen und in überquellenden Details ausgestatteten Palast – einem Kloster mit seiner kargen Ausstattung so unähnlich – eher noch verändert er sie. In einer der Schlüsselszenen sieht man die Gartenschwester, die sich, wie die anderen, völlig in ihren Gedanken und ihrem „Projekt“ verloren hat, die dringend benötigten Gemüsebeete mit farb- und duftintensiven Blumen bepflanzt hat, von denen es dort ohnehin schon überreichlich gibt.

Vom Gebetsleben der Schwestern wiederum erfährt man wenig, es scheint quasi nicht vorhanden. Zwar sieht man die Schwestern in der Kapelle, doch scheinen sie auch dort gleichsam aus der Form geschlüpft, in der Welt ihrer eigenen Träumereien versunken, bis die Glocke sie wieder in ihre Form zwingt.


Bewußt nicht so genau informiert hab ich mich über die Art, wie die Außenaufnahmen zustandegekommen sind. Es gibt Dinge, die will ich lieber gar nicht so genau wissen. Ich mag nicht hören, daß wir uns grade nicht in einem Kloster in Belgien, sondern in Cinecittà befinden, daß das da ein Modell ist, die Berge auf Glas gemalt, und daß das Wasser in Titanic aus ganz vielen winzigen Dreiecken besteht. Lieber will ich glauben, daß das jetzt ein Gebirge ist, das Haus auf dem Felsen steht und das Wasser das ist, was es scheint. Wie ein Freund einmal sagte, eigentlich der ideale Theaterzuschauer.

Wie ich nach Hause gefahren bin (Filmgucken geht nur im Internetcafé), war ich noch ganz verstrickt in die Atmosphäre des Films und hatte Lullay my liking im Ohr. Das ist auch etwas, was mich jedesmal in seinen Bann zieht: Sr. Clodagh, die merkwürdige Art, wie sie zu ihrer Berufung kam, und ihre nutz- und fruchtlosen Jugenderinnerungen (weil der, den sie liebte, sie nicht genommen hat, gab sie aus Stolz und reinem Trotz auch die geliebte Heimat auf): Ich bin dahingetrieben und hab geträumt und jetzt bin ich wieder zum Seelenkampf und zur Bitterkeit erwacht …  Nach all diesen Jahren hatte ich geglaubt, alles vergessen zu haben, bis ich hierherkam. Auch sehen sich Sr. Clodagh und die halbverrückte Sr. Ruth in Tracht irgendwie vage ähnlich, was erstaunlich ist, denn eigentlich halte ich Deborah Kerr für sehr schön.

Was mir an dem Film so gefällt, ist die Art, wie er mit dem Licht umgeht – es erinnert an Malerei, vielleicht der flämischen oder niederländischen Meister.








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[1] Wenn es auch anglikanische Nonnen sind, der Unterschied besteht aber hier buchstäblich nur auf dem Papier.

Kommentare:

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Genial - den Film habe ich irgendwo noch auf DVD ... direkt ein Grund, den Player mal wieder an den Fernseher zu hängen!

Ich warte übrigens seit langem schon drauf, daß man wieder "Die Glocken von St. Marien" irgendwo zu sehen sind ... ;-)

Thomas Sebbel hat gesagt…

Filme von den Archers also Pressburger und Powell kann man immer mit Gewinn sehen. Die Farbdrammaturgie in diesem Film ist schon ein eigenes Thema.

jeannedarc hat gesagt…

Also, ich hatte den Film vor vielen Jahren als Jugendliche mal gesehen und war sehr beeindruckt davon. Vor ein, zwei Jahren wurde er im TV mal wieder gesendet und ich freute mich schon darauf. Aber dann war ich eher enttäuscht. Ich weiss auch nicht woran es lag, dass mir der Film bei weitem nicht mehr so gut gefiel. Aber das habe ich öfters schon erlebt, dass ich Filme, von denen ich als Kind/Jugendliche begeistert war, auf einmal nicht mehr so toll fand.

VLG von JdA

Huppicke hat gesagt…

Da mein Vater ein Deborah Kerr Fan war, kann es gut sein, dass ich den Film in meiner Kindheit gesehen habe.
Vermutlich war die Atmosphäre, die Natur, Geräusche und Licht zuviel für mich.

Deine tolle Rezension holt Erinnerungsstückchen hoch. Ich guck ihn mir nun auf jeden Fall mal an. :-)

Braut des Lammes hat gesagt…

Die Handlung ist sicherlich nicht sehr tiefgründig, es ist eher die künstlerische Gesamtkomposition mit dem Licht, dem Wind und den optischen Details. Die einzige Ausstrahlung in den letzten Jahren (von der man mir zwischenzeitlich geschrieben hat, es hätte sie gegeben) scheine ich verpaßt zu haben. Bleibt nur, auf ein Programmkino zu warten.

Anonym hat gesagt…

Danke! Gibt es auch eine Stelle,
wo man alte Filme wie solche
findet und noch dazu auf deutsch? Viele sind in anderen Sprachen zu finden, aber wahrscheinlich ist das Interesse in Deutschland nicht so groß, daß eine Übersetzung lohnt oder wie?
Jedenfalls freue ich mich immer, wenn jemand einen alten Film "ausgräbt".

Braut des Lammes hat gesagt…

Die schwarze Narzisse ist WiMRE 2010 in guter Bildqualität auf DVD erschienen; ansonsten findet man religiöse Filme manchmal außer auf Youtube auch auf Gloria.tv, am Stück oder häppchenweise.

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