Dienstag, 9. April 2013

Mysterium floris

Polianthes tuberosa
Über so eine kleine Blüte auf einem Wappen kann man erstaunlich lange nachdenken (vor allem, wenn man Ikonographiefreak ist oder werden will) hatte ich ja auch schon gemacht. Der Heilige Stuhl nennt das Symbol des hl. Josef in der rechten unteren Ecke des Wappenschildes eine Narde. In der Tat war von dort aus ein kurzer Weg zum schönen Bild der Salbung von Bethanien, zumal die Narde bereits im Hohelied als Bild der bräutlichen Hingabe auftaucht: Solange der König an der Tafel liegt, gibt meine Narde ihren Duft. Solche Pflanzen werden sämtlich als heilig betrachtet und mit dem jungfräulichen Leben, vor allem aber mit der Jungfrau Maria, die wir als Jungfrau über allen Jungfrauen anrufen, verbunden. Auch der Bräutigam der Gottesmutter hat der Überlieferung zufolge ein jungfräuliches Leben geführt und ist Schutzpatron der Jungfrauen.

So heißt es etwa in dem apostolischen Schreiben Vita consecrata des sel. Johannes Paul II. über das geweihte Leben, den Stand der Jungfräulichkeit (und indirekt damit auch über die hll. Maria und Josef):
Wem das unschätzbare Geschenk gewährt wird, dem Herrn Jesus mehr aus der Nähe zu folgen, dem erscheint es klar, daß er mit ungeteiltem Herzen geliebt werden kann und muß, daß man ihm das ganze Leben und nicht nur einige Gesten, einige Momente oder einige Aktivitäten widmen kann. Das kostbare Salböl, das als reiner Akt von Liebe und daher fern jeder „utilitaristischen“ Überlegung vergossen wurde, ist Zeichen von Übermaß an Unentgeltlichkeit, wie es in einem Leben zum Ausdruck kommt, das hingegeben wird, um den Herrn zu lieben und ihm zu dienen, um sich seiner Person und seinem mystischen Leib zu widmen. Aber von diesem „verschwendeten“ Leben verbreitet sich ein Duft, der das ganze Haus erfüllt. Das Haus Gottes, die Kirche, ist durch das Vorhandensein des geweihten Lebens heute nicht weniger geschmückt und bereichert als gestern.
Die ursprüngliche Version des Wappens unseres Papstes Franziskus zeigte ein Gebilde, das eher einer Weintraube ähnlich sah und von manchen zunächst dafür oder auch für Lavendel gehalten wurde. Der Fruchtstand der Narde sieht diesem Gebilde ziemlich ähnlich (die Blüte kam ja erst später hinzu). Nardenöl wiederum gewinnt man übrigens weder aus den Blüten noch den Früchten, sondern aus den Wurzeln dieser Pflanze – der christlichen Ikonographie dürfte das ziemlich egal sein.

Nun ist mittlerweile stellenweise eingewendet worden, bei dem Blütenzweig, den der hl. Josef in der Ikonographie der spanischsprechenden Länder teils statt der gewohnten weißen Lilie in der Hand trägt, handle es sich nicht um eine Narde, sondern tatsächlich um eine Pflanze, die botanisch Polianthes tuberosa heißt, auf spanisch aber Nardo oder Vara de San José genannt wird: Stab des hl. Josef. Irgendwer mag das Wort Nardo als Narde übertragen haben, man weiß es nicht.

Der Josefsstab ist eine Blume, die nur nachts blüht und einen durchdringenden Wohlgeruch verbreitet. Die Blüte in der Nacht erinnert assoziativ irgendwie tatsächlich an den stillen hl. Josef, dem zur Nacht ein Engel erscheint und der dann mit Frau und Kind aufbricht nach Ägypten. Auch kann man sich vorstellen, daß er sicherlich viele Male über den Schlaf der ihm Anvertrauten gewacht haben mag. Der Wohlgeruch ist der, der – wie bei der Salbung mit dem Nardenöl – von der Tugend der Jungfräulichkeit und dem Leben für Christus ausgehen und, wie der sel. Johannes Paul II. geschrieben hat, das ganze Haus (der Kirche) mit Wohlgeruch erfüllt. Die Tuberose bringt jedenfalls weiße, wächserne Blüten hervor, deren Knospen und Blütenstand ikonographisch tatsächlich eher Ähnlichkeit mit den nun auf dem päpstlichen Wappen dargestellten haben. 

Das Wunder des blühenden Stabes: die Bewerber legen ihre
Stäbe auf den Altar und beten. (Fresken von Giotto di Bondone
in der Capella degli Scrovegni in Padua)
Die Bewerber legen ihre Stäbe zur Prüfung vor.
Ganz links der hl. Josef, den schon hier ein Heiligenschein
kenntlich macht, mit seinem blühenden Stab

Die Sache mit dem Stab wiederum kommt aus dem apokryphen Protoevangelium des Jakobus, das auch über die Begebenheiten vor der Hochzeit Marias und Josefs berichtet: darin bringt ein Engel dem Hohenpriester des Tempels die Botschaft, alle Witwer der Stadt aufzufordern, mit ihren Stäben zum Tempel zu kommen und Gott werde ein Zeichen senden, welcher von ihnen die Jungfrau Maria zur Frau nehmen solle. Als aus dem Stab des zögerlich vortretenden hl. Josef eine Taube aufflog, wurde er als Marias Bräutigam erwählt. In der Legenda aurea wiederum wird berichtet, daß der Stab Josefs erblühte und sich dann eine Taube darauf niederließ. Hierzu können einem wiederum Jesaja und die O-Antiphon O radix Jesse in den Sinn kommen: Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. In der Ikonographie gibt es daher mehrfach Darstellungen des hl. Josefs mit dem blühenden Stab, dessen Blüten die Künstler durchaus verschieden dargestellt haben, besonders farbenprächtig – und vor allem botanisch interessant! – etwa dieses Gemälde Spagnolettos (um 1630).

Ob es nun eine Narde oder eine Tuberose ist, beides ist irgendwie schön und bedeutungsvoll. Jedenfalls bleibt es spannend.

Kommentare:

Lauda Sion hat gesagt…

Die Stelle aus den Apokryphen erinnert stark an die Geschichte von Aarons Stab in Num 17 - was auch immer das zu bedeuten hat :)Super Recherche!

Braut des Lammes hat gesagt…

Die Sache mit Aarons Stab ist mir auch dazu in den Sinn gekommen, der gemeinsame Bezug liegt vielleicht im Hohepriestertum. Nimmt man jetzt noch den Stab vom Holz des heiligen Kreuzes dazu, ist es, als ob es nur noch Stäbe gäbe… ;)

Lauda Sion hat gesagt…

:)

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