Mittwoch, 17. April 2013

Katholische Bücher: Maifrost

Noch schlimmer war Nandas Angst., daß sie irgendwann einmal eine Todsünde begangen und vergessen haben könnte, sie zu beichten. Vor Jahren hatte sie, angespornt durch das Beispiel vieler Heiliger, ein Gelübde ewiger Jungfräulichkeit abgelegt. Mit acht Jahren fiel ihr das Versprechen nicht schwer. Aber jetzt war sie zehn und hatte das Gefühl, daß sie doch eines Tages würde heiraten wollen. War sie durch ihr Versprechen gebunden? Sie dachte lange darüber nach. Vielleicht war schon der Gedanke daran, ein Gott gegebenes Versprechen zurücknehmen zu wollen, eine Todsünde…


Mit diesem Zitat auf dem Cover hatte es mir Antonia Whites Maifrost seinerzeit sofort angetan. Whites Buch ist eine Schulgeschichte Anfang des 20. Jahrhunderts, die Geschichte einer Knospe, die nie erblüht, da sie bereits im Frühling des Lebens beschädigt wurde – daher der Titel. Mit dem ersten Satz
Nanda war auf dem Weg zum Kloster der Fünf Wunden 
taucht der Leser ein in die Faszination des Lebens an einer katholischen Schule[1] mit seinen Devotionen, Prozessionen, Skapulieren, weißen Lilien und blumenstreuenden Erstkommunikantinnen. Strümpfe kann man vor dem Zubettgehen über die Lehne seines Stuhles hängen, doch war es bei den frömmeren Mädchen üblich, sie in Form eines Kreuzes über die Kleider zu legen.

Maifrost ist eines meiner Lieblingsbücher. Einfach und klar geschrieben, stilistisch elegant und zugleich erschreckend erzählt es die Geschichte der jungen Fernanda Grey, Tochter eines Lehrers für Altphilologie. Als sie nach Lippington kommt, ist sie neun Jahre alt. Aus der Tatsache, daß Mr. Grey kürzlich in einem anglikanischen Land konvertiert ist und damit seine berufliche Laufbahn an einer der teuren Preparatory Schools einen deutlichen Knick erfahren haben dürfte, erklärt sich, daß die Greys über nicht viel Geld verfügen. Sie leben nicht etwa in Armut – immerhin kann der Vater das Schulgeld anfangs, wenn auch unter Opfern, gerade noch aufbringen –, daß sie allerdings weder ein Haus auf dem Lande noch einen Butler haben, noch auch Nanda ein eigenes Pferd besitzt und ihre Familie erst seit kurzem katholisch ist, läßt all dies in der katholisch-aristokratischen Welt von Lippington eher als Peinlichkeiten erscheinen, die man am besten so selten wie möglich erwähnt.

Nanda in die Fünf Wunden zu schicken, geht auf den aufrichtig empfundenen Wunsch ihres Vaters zurück, ihr ein echt katholisches Fundament geben zu wollen. Lippington ist eine Schule für höhere Töchter mit internationalem Gepräge, denn, wie an einer Stelle bemerkt (sehr treffend, wie ich finde): der Katholizismus ist keine Religion, sondern eine Nationalität. Die Atmosphäre der Schule oder die Art, wie Nanda sie an sich heranläßt, bewirkt schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit, daß ihr die Kirche wie etwas vorkommt, das drohend über ihr aufragt, allgegenwärtig wie der Fujijama auf einem japanischen Druck, riesig, erschreckend, herrlich und unentrinnbar, die Feste Gottes, das Haus auf dem Felsen.

Zwischen Nandas kindlichem Gebet am ersten Abend, Hilf mir, gut zu sein und mach aus mir eine gute Katholikin wie die anderen es sind, und der Zielsetzung der Schwestern, die Mädchen zu Soldaten Christi zu erziehen, die Mühsal, Spott und Undankbarkeit gewöhnt sind, wird Nandas Schulzeit im Kloster der Fünf Wunden eine Passage zwischen Scylla und Charybdis. Nanda selbst vergleicht die Atmosphäre der Klosterschule mit der auf einem Schiff, wo man seine Habseligkeiten auf engem Raum aufbewahren muß, das Messing und das Kupfer stets blank geputzt sind, man strenge Disziplin halten muß – und doch im Grunde seines Herzens die Landratten verachtet.

Das Schicksal Nandas und das von Mädchen wie Monica Owen, man möchte sagen, ihr Verhängnis, ist, daß sie in zu wenigen Dingen sind wie alle anderen. Die anderen kommen aus katholisch-aristokratischen Elternhäusern (oder wenn nicht, wenigstens aristokratisch oder wenigstens katholisch) und tragen glanzvolle Namen wie Léonie Magdalena Hedwig de Wesseldorf oder Rosario de Palencia. Gehts eigentlich noch katholischer als „Rosario“?

Clare Rockingham ist hingegen zwar Protestantin, aber reich und eine aussichtsreiche Konvertitin. Daß die Nonnen sie scheinbar zurückweisen (in Wirklichkeit aber auf eine Weise, daß es einen graust, direkt anstacheln), trägt natürlich dazu bei, daß Clare prompt tut, was eigentlich gewollt wird, sie will unbedingt Katholikin werden, um jeden Preis. Da sie von guter Herkunft und vermögend ist, ist sie nicht in Gefahr (und war es auch nie), daß man ihr auf eine Weise begegnet, wie Nanda oder Monica Owen. Letztere nennt die Autorin zu Recht unglückselig: sie ist zwar eigentlich katholisch, ist aber nichts und kann auch nichts, außer Hunde zeichnen. Da ihre Eltern sich nur einen Bruchteil des Schulgeldes leisten können, wird sie auf wirklich beschämende Weise jahrelang gedemütigt: doch hatte diese Behandlung sie nur noch stumpfsinniger gemacht.

Der Schulverweis Monica Owens hinterläßt jedoch in Nanda ein kleines Körnchen Aufsässigkeit, das sich im folgenden vor allem darin äußert, daß sie mit Vorliebe im Unterricht christlicher Doktrin verzwickte Fragen stellt und ihre Lehrerinnen in Verlegenheit bringt. Im Alter von dreizehn, als es auch finanziell im Hause der Greys kompliziert zu werden beginnt und kurz nachdem Nanda die Möglichkeit, Lippington mit gutem Anstand zu verlassen, ausgeschlagen hat, kommt es zur Katastrophe: als sie beginnt, an einem Manuskript zu arbeiten, ist das Ende absehbar und unausweichlich. Da die Mädchen wie bei den Jesuiten unter ständiger Beobachtung stehen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Mater Radcliffe das halbfertige Werk findet und Nanda von der Schule verweist, nicht ohne sie zuvor noch als „Bazillenträgerin“ im übertragenen Sinne zu etikettieren.

Das Buch ist, wiewohl es hierzulande wenig bekannt scheint, ein literarisches Kunstwerk und trägt zugleich alle Züge einer griechischen Tragödie. Wer hier nach Sinn oder Schuld fragt, fragt meines Erachtens vergebens. Alles, was passierte, hat geschehen müssen, nachdem Mädchen wie Nanda Grey eine Eintrittskarte in die Lippingtonsche Welt erhielten. Die Relegation Nandas wie die von Monica Owen war ein Schauspiel, aufgeführt für andere. Lippington hat diese Mädchen benutzt, damit sie anderen als warnendes Beispiel dienen. Daß erstere durch ihre Zeichnungen die Bräute Christi lächerlich gemacht haben und die Gedankenwelt in Nandas halbvollendetem Manuskript „ein Abgrund von Unrat“ sein soll, sind bloße Vorwände. Den Schwestern, denen es nichts ausmachte, ziemlich unverblümt und geradezu grausam auf die Tatsache anzuspielen, daß jemand nicht das volle Schulgeld bezahlen kann, waren die eine wie die andere von Anfang an ein Dorn im Auge. So wirft das Buch auch ein hartes Licht auf Skrupulantentum, Heuchelei und seelische Quälereien, alles unter dem hehren Ziel einer katholischen Erziehung.

Bis vor kurzem wußte ich nicht, daß der Roman das eigene Schicksal der Autorin beschreibt, was ihn umso bedrückender macht. Über ihr Herkommen schreibt die Autorin:
Ich hatte nichts von katholischer Kinderstube und katholischen Gnaden. Ich trug weder Skapuliere noch wundertätige Medaillen unter meiner Sergeuniform. Ich konnte mich nicht damit brüsten, Unserer Lieben Frau geweiht zu sein und die ersten sieben Jahre meines Lebens nur in blau und weiß gekleidet worden zu sein; ich hatte nicht einmal einen Namensheiligen.
Von der Relegation hat sich Eirine Botting[2] – Eirine wie Fernanda für ein englisches Mädchen ein gekünstelter Name, zumal auf einer Schule, an der französische Mädchen Léonie und spanische Rosario oder Elita heißen, englische dagegen Clare oder Marjorie – offensichtlich nie wieder ganz erholt. So hat sich am Ende wohl die Prophezeiung der zynischen Leonie, daß in zwanzig dreißig Jahren sie selbst eine vorbildliche katholische Mutter sein werde, deren Kinder Skapuliere trügen, Nanda dagegen „durch und durch eine fanatische Rationalistin“ tatsächlich erfüllt. Insgesamt war die Autorin dreimal verheiratet, einige Zeit verbrachte sie in einer Nervenheilanstalt; Phobien und Schreibblockaden verhinderten lange Zeit, daß sie überhaupt etwas zu Papier bringen konnte. – Das in glasklarem Stil erzählte Maifrost erscheint wie die Geschichte eines Juwels, schön anzusehen, aber scharfkantig und verletzend.

____
[1] Die Autorin nennt die Schule das Kloster der Fünf Wunden, man erkennt aber schon wegen des Belohnungssystems mit den rosa, grünen und blauen Bändern sehr schnell eine Sacré-Cœur-Schule.

[2] wie Anthonia White eigentlich hieß. Das falsch geschrieben und daher überspannt wirkende Eirine dürfte den Vorlieben ihres Vaters für das Griechische zu verdanken sein.

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