Montag, 11. März 2013

Kümmert es dich nicht? − das Gleichnis vom anderen Geschwister

Psallite Deo macht sich Gedanken über Geschwisterpaare im Evangelium. Beide Ereignisse − das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das wir gestern im Evangelium gehört haben, und die Geschichte von der Einkehr Jesu bei Martha und Maria in Bethanien − haben mich zu unterschiedlichen Zeiten beschäftigt.

Bei der Geschichte mit Maria und Martha ging mir auch schon mal zum „besseren Teil“ durch den Sinn, daß es natürlich das bessere Teil sein mag, zu Füßen des Herrn zu sitzen und seiner Lehre aufmerksam zuzuhören. Andererseits, wenn sich nun jede für den besseren Teil entschieden hätte, wo bliebe da die Versorgung des Gastes und des Haushaltes? Oder gibts dann eben nichts zu essen und das im Orient, mit seiner Bedeutung der Gastfreundschaft? Und warum sollte es quasi der „schlechtere Teil“ sein, ganz von der Sorge für den Herrn(!) in Anspruch genommen zu sein?

Es fällt allerdings auf, daß der Herr Martha erst tadelt, als sie sich über diesen ihren Teil beklagt: Kümmert es dich nicht, daß meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überläßt? Ähnlich scheint es beim verlorenen Sohn: auch er schaut auf seinen Bruder. Lange Zeit konnte ich den älteren Sohn gut verstehen, seine sehr menschlichen Qualen der Eifersucht oder auch nur den Wunsch gesehen und geliebt zu werden, so wie er ist: treu, rechtschaffen, arbeitsam, gehorsam. Und nun muß er erleben, wie sein jüngerer Bruder, der all das nicht ist, ihm scheints vorgezogen wird, ja, daß der Vater ihn mehr zu lieben scheint. Kaum ist der hier, da schlachtest du das Mastkalb. Eine ähnliche Situation hatte ich auch schon mal über längere Zeit „im wirklichen Leben“: das Gefühl, ich könnte mich bemühen wie ich wollte und ein anderer würde doch zu jeder Zeit mehr geschätzt und beachtet. Die Gründe für so etwas kann man manchmal ansatzweise erahnen, manchmal auch nicht, vielleicht gibt es manchmal auch gar keinen Grund. Wie auch immer, das Gleichnis des verlorenen Sohnes scheint mitten aus dem Leben gegriffen. Beide Anwürfe, der Marthas an Jesus wie der des daheimgebliebenen Sohnes an den Vater, sind einfach der Wunsch, gesehen zu werden: Ich bin auch da, kümmert dich das nicht? Im Grunde fängt das schon bei Kain an: Und der Herr blickte auf Abel und auf sein Opfer, aber auf Kain und auf sein Opfer blickte er nicht. Um ehrlich zu sein, konnte ich Kain in seinem Frust auch gut verstehen.

Wir wissen allerdings nicht, ob der ältere Sohn je auch nur den Wunsch etwa nach einem Fest geäußert hat, insofern kämen jetzt die Gefühle desjenigen dazu, der sich stets beschieden hat und ein anderer kommt und erhält unverdient das, wonach er selbst nie gefragt hat und wovon der Vater vielleicht nicht wußte, daß es sich der Sohn gewünscht hätte.

Mir scheint − ohne die Kirchenväter vorher konsultiert zu haben, wahrscheinlich hat einer von ihnen längst etwas Erhellendes und viel Besseres dazu geschrieben −, das Hadern mit der scheinbaren oder auch tatsächlichen Bevorzugung des anderen Geschwisters wäre ein Schlüssel zum Verständnis des Gleichnisses. Einen anderen fand ich in der Art, wie der Pfarrer vor einigen Jahren die Worte Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern betont hat.

Die lateinische und die englische Sprache nennen den Sohn nicht verloren, sondern verschwenderisch, prodigus. In der Tat ist mir in den Sinn gekommen, der verlorene und wiedergefundene Sohn sei einer, der statt seines Erbes seine Taufgnade verschwendet, sich weit vom Vater entfernt und irgendwann buchstäblich bei den Schweinen, das heißt im Unrat gelandet ist. Es ging ihm sehr schlecht, heißt es über den verlorenen Sohn in der Fremde. Dem zu Hause mag es in jener Zeit gut gegangen sein, ein Grund zur Dankbarkeit, auch wenn man ihn im ersten Moment vielleicht nicht sieht.

Zur Beichte kommen manchmal Menschen, die nach zwanzig oder dreißig Jahren das erste Mal wieder beichten. Wie groß muß dazu die Überwindung sein, wie groß ist aber auch die Barmherzigkeit Gottes, die einem solchen Menschen in der Absolution zugesprochen wird. Darüber, wie es im Evangelium heißt, zornig zu werden, hieße, dem anderen die Gnade und Barmherzigkeit Gottes nicht gönnen. Im Himmel ist aber kein Platz für Steine, wie der hl. Starez Siluan schrieb. Es ist, als werfe man ein Auge auf die anderen in der Beichtschlange oder auch vor dem himmlischen Richterstuhl. Da mag sich dann jemand befinden, der sich wirklich schwer verfehlt hat und man selbst hat zeitlebens versucht, sich so gut wie möglich an die Gebote Gottes und der Kirche zu halten − und Gott (buchstäblich) weiß, wie oft es dennoch damit danebenging −, ist nicht vom Glauben abgefallen und nicht aus der Kirche ausgetreten. Dann kommts: dem scheinbar nächsten Besten oder auch meinem Bruder oder meiner Schwester fällt die Barmherzigkeit Gottes genauso zu wie mir: einfach, weil er darum bittet. Mein Religionslehrer übrigens war immer der Ansicht, Gott bliebe draußen bei dem Sohn, der durchaus nicht hereinkommen will, um zu feiern, ließe ihn nicht allein in der Dunkelheit.

Kommentare:

Simplicius hat gesagt…

Cornelius a Lapide schreibt in seinem großen Evangelienkommentar, dass die Väter (Hl. Papst Gregor, Hieronymus, Augustinus) den zuhause gebliebenen Sohn als Sinnbild für die Juden sehen, die beim Vater geblieben sind - der verlorene Sohn die Heidenvölker, die den Weg verloren und sich in Sünde laben. Doch letztere werden von Christus auserwählt, während das Gros der ersteren darüber murrte.

Entscheidend ist, genau so wie im Gleichnis der Talente, das Geheimnis der Auserwählung. "Jacob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst." Niemand wäre besser, würde er nicht mehr von Gott geliebt. Seine Gnade kommt uns absolut unverdient zu.

Das Mysterium der Gnade und Prädestination ist vielleicht auf den ersten Blick eines der schwierigsten im Christentum - aber wenn man es ein ganz klein wenig verstanden hat, sofern das in unserer Menschennatur möglich ist - dann ist es auch einer der schönsten Doktrinen.

Nicht weil ich gut bin, liebt mich Gott, nein, weil Gott mich liebt, bin ich gut.


Vielen Dank für den wie immer sehr schönen Beitrag!

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke für den ausführlichen und erhellenden Kommentar! :)

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