Dienstag, 26. März 2013

Hasenfest und die Unaussprechliche

Der Artikel des Focus über die rasante Entwicklung des Papstartikels in der Unaussprechlichen ist ja einigermaßen launig (wenn auch Pa…pst – mit 13 a und in Großbuchstaben – eher nicht typisch ist). In Zeiten, in denen Passagen aus der Wikipedia manchmal wörtlich von der hiesigen Presse abgeschrieben werden, haben ihre Artikel zumindest auszugsweise schon eine gewisse Verbreitung. Übrigens durchaus auch so, daß es einen freut: vor Jahren hab ich für ein fremdsprachliches Wiki aus dem Testament Edith Steins übersetzt. En passant habe ich dieses Zitat später tausendfach im Internet wiedergefunden, ausnahmslos in wohlwollendem Kontext erwähnt.

Dieweil geht es hierzulande hinter den Kulissen der qualitativ durchaus sehr verschiedenen Artikel allerdings oft mit einer Verbissenheit zugange, die ihresgleichen sucht. In der Tat ist es manchmal kaum noch möglich, auch in Artikeln, die ausdrücklich Themen des Christentums behandeln, die entsprechende Terminologie zu verwenden, es könnten ja womöglich der unbekannte Atheist oder der dadurch vorgeblich diskriminierte Moslem an der nächsten Ecke etwas dagegen haben, wenn Daten unserer Zeitrechnung in Jahren vor und nach Christi Geburt angegeben werden.

Die Verschiebung des Osterfests in die Fauna hat sich zwar nicht allzulange gehalten (rot ist auch hier eine Warnfarbe), es gab aber im Artikel Weihnachten allen Ernstes eine Diskussion, ob man Weihnachten als das Fest der Geburt Christi bezeichnen dürfe oder nicht doch lieber als „die Summe seiner Bräuche“. Ja genau, und der Mond ist aus grünem Käse.

Ein Beispiel für den Alltag vor Ort
Die Selbstverpflichtung der Wikipedia, einen sogenannten „neutralen“ Standpunkt wahren zu wollen, treibt manchmal seltsame, manchmal auch schaurige Blüten. So dürfen im Artikel Schwangerschaftsabbruch auch belegte Daten und Erhebungen von Ärzten und Organisationen, die auch nur ansatzweise mit dem Engagement für den Schutz des ungeborenen Lebens zu tun haben, nicht in den Artikel, denn das wäre nicht mehr neutral. Irgendwann hab ich den Artikel –  um Schonung meines Blutdrucks bemüht und damit ich nicht regelmäßig beichten muß, der Sünde des Jähzorns erlegen zu sein – von meiner Beobachtungsliste genommen.

Zwar müssen Aussagen in der Unaussprechlichen jeweils eigentlich durch Quellen belegt sein. Es zeichnet sich jedoch seit einiger Zeit eine beunruhigende Tendenz ab, sich einfach eine irgendwann in der Öffentlichkeit geäußerte (oder auch herumposaunte) Meinung zu suchen, die dem eigenen kirchen- oder religionskritischen Standpunkt möglichst nahekommt. Diese baut man dann als „belegt“ in den Artikel ein. Dann kann man etwa  über den Ausgang des jüngsten Konklaves die wunderbar unvoreingenommene Aussage nachlesen
Angesichts der vielen Probleme der katholischen Kirche, der erschütterten Glaubwürdigkeit durch Mißbrauchsskandale und des Mitgliederrückganges sei es aus kirchlicher Sicht notwendig gewesen, zumindest den Anschein eines Aufbruchs zu erwecken. Dafür sei Bergoglio der perfekte Kandidat gewesen.
Es muß nur einfach jemand gesagt haben, der sich vor allem mit der Redaktion von Jahrbüchern zur Geschichte Südamerikas auskennt, und schon ist alles schön. Die Frage, woher Frau Prof. Hensel von der Westfälischen Friedrich-Wilhelms-Universität eigentlich ihre Glaskugeln bezieht und inwiefern solcher Spekulatius irgendwie für ein Nachschlagewerk relevant wäre, bleibt leider unbeantwortet. Es sei ohnehin geraten, sich der Arbeit in der Unaussprechlichen nur sporadisch und nicht mit allzuviel Herzblut zu widmen. Manchmal erinnert mich die Arbeit dort an die sprichwörtliche Hydra: für jeden korrigierten Unfug wachsen sieben neue nach. Hier schreibt Josef Bordat zum Thema.

Einig ist man sich unter den Verschwörungstheoretikern vor Ort, die beständig die Unaussprechliche von Katholiken unterwandert sehen und dabei selbst den atheistischen Balken ihrem eigenen Auge nicht erkennen, daß es sich um von der Kirche fürs Schreiben Entlohnte handeln müsse, wahlweise um Jesuiten (also, für einen Jesuiten hat man mich wirklich noch nie gehalten…)

Es ist die Rede von Hardcore-Klerikern, Kerzlschlickern, Paid edit catholics, die „sich gerieren wie die PR-Abteilung des Vatikans“, widerlichen Fundamentalkatholiken (deren Widerlichkeit offenbar ausschließlich darin besteht, Sentenzen wie die obige nicht im Artikel haben zu wollen) und auch davon, „Autoren zu maßregeln, die sich allzu dreist von ihren persönlichen Ansichten leiten lassen“. Das heißt übersetzt, wer sich bei einer Sache auskennt und nicht jeden medialen Dummfug unbesehen glaubt, soll sein Wissen nicht einbringen dürfen. Wundervoll, ganz wundervoll.

Da denkt man in abgelegenen Diskussionen schon mal laut und ganz ungeniert darüber nach, Nutzern mit einem irgendwie katholisch klingenden Namen die Mitarbeit an entsprechenden Artikeln von vornherein – also nicht etwa wegen eines tatsächlichen Regelverstoßes – wegen angeblichen „Interessenkonflikts“ administrativ untersagen zu wollen. Weshalb es angeraten scheint, bei der etwaigen Neuanlage eines Kontos am besten einen Benutzernamen wie „Benjamin Blümchen“ oder „mein kleiner grüner Kaktus“ zu wählen. Sollte einem in der Folge dann das Bearbeiten von Artikeln über Botanik, Orchideenkunde und Sukkulenten administrativ untersagt werden, hat man daran jedenfalls nicht allzuschwer zu tragen.

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