Sonntag, 27. Januar 2013

Ihr aber seid der Leib Christi

Warum es von manchen Perikopen im Lektionar überhaupt Kurzfassungen gibt, verstehe ich nicht. (Als vor einigen Sonntagen ein Konzelebrant in Bezug auf das Evangelium fragte, gibts davon keine Kurzfassung?, haben alle, die das hörten, die Augen verdreht…) Welche Lesung ist denn so lang oder so verquast, daß ihre Kurzfassung wirklich ein Gewinn wäre?

Manchmal schmerzt die Kurzfassung, wie etwa beim Lob der tüchtigen Hausfrau, manchmal frage ich mich direkt: was zum Geier? So heute bei der zweiten Lesung; die grau dargestellten Verse fallen in der angebotenen Kurzfassung weg.
Wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt. Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern. Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib. Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib. Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn? Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach. Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib? So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre, und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit mehr Anstand, während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, daß er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm.

So hat Gott in der Kirche die einen als Apostel eingesetzt, die andern als Propheten, die Dritten als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Wunder zu tun, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede. Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle die Kraft, Wunder zu tun? Besitzen alle die Gabe, Krankheiten zu heilen? Reden alle in Zungen? Können alle solches Reden auslegen? Strebt aber nach den höheren Gnadengaben!
Hier bleibt von des Apostels Erklärung des mystischen Leibes Christi in der „Lightversion“ kaum noch etwas übrig. Die Lesung fährt direkt mit den Ausführungen über die Gnadengaben des Heiligen Geistes fort, die wir in der vergangenen Woche gehört haben. Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Genau darauf bezieht sich der Apostel, wenn er nun fortfährt. Wir alle bilden den Leib Christi und gehören zu ihm, aber die Glieder dieses Leibes sind verschieden und sie brauchen einander. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht.

Dasselbe gilt in Bezug auf die Freuden und Leiden dieses mystischen Leibes, der die Kirche ist: leidet ein Glied, so leiden alle Glieder mit (wie sich auch alle mitfreuen, wenn sich eines freut).

Viele von uns haben wahrscheinlich schon über Ottos Sketch mit den Organen gelacht, in dem die kleine Milz mit ihrer Kinderstimme Botschaften ans Großhirn funkt, für die sich das Großhirn im übrigen nicht weiter interessiert. Der Apostel führt aus, warum das großmächtige Hirn die Milz doch braucht, obwohl es vielleicht nichts davon wissen mag: Gerade die schwächer scheinenden (man beachte das Wort scheinend) Glieder des Leibes sind unentbehrlich. (Der Leib kann zwar ohne Milz meist überleben, das heißt aber nicht, daß sie keine wichtige Aufgabe hätte, ob es das Hirn nun kümmert oder nicht, die Milz tut das ihre.)

Genau die Stellen, in denen der Apostel diese Verschiedenheit und ihr Zusammenspiel ausführt, werden in der Kurzfassung nicht gelesen. Ich will nicht sagen, daß es daran liegt, aber wen wundert es, daß so mancher heute nicht zu verstehen scheint, daß er als Fuß nicht mal eben und ohne weiteres ein Ohr werden kann?

So hat Gott in der Kirche die einen als Priester eingesetzt, andere als Katecheten, wieder andere als Missionare, die Dritten als Eheleute und Eltern, anderen verlieh er die Gnade, ihm im geweihten Leben zu folgen, wieder andere folgen ihm als Unverheiratete mitten in der Welt. Wir sind nicht alle zum selben berufen, können auch nicht alle dasselbe tun, zum einen, weil es rein organisch nicht möglich ist – so wird aus einem Ohr beim besten Willen keine Hand –, zum anderen, weil der Organismus so auch nicht gedacht ist. Zusammen aber sind wir Christi Leib und jeder bringt seine besondere Gabe und Berufung mit.

Kommentare:

jeannedarc hat gesagt…

also das mit den Kurzfassungen der Lesungen/Evangelien, ist wirklich ein trauriges Kapitel.
Ein besonders krasses Beispiel ist das Evangelium vom 3. Fastensonntag (Lesejahr A)das Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen. Dort fehlt bei der Kurzfassung der Abschnitt, wo Jesus ihr sagt, dass sie schon drei Männer hatte und der jetzige nicht ihr Mann ist. Der Text geht dann weiter mit der Feststellung der Samaritern: ich sehe, dass Du ein Prophet bist. Wie die Frau zu dieser Einsicht gelangt ist, bleibt in der Kurzfassung unklar.
Das ist besonders schade, weil das eines der, wie ich finde, beeindruckendsten Evangelien ist, das nur alle drei Jahre vorkommt. Da sollte man es schon in seiner vollen Länge den Mensch zu Gehör bringen und ihm nicht durch willkürliche Kürzungen den Sinn rauben.
L.G. J.d.A.

Maria hat gesagt…

Ganz Ihrer Meinung! Sie werden lachen, aber dass es "Kurzfassungen" gibt, wusste ich bis vor kurzem gar nicht. Das ging mir erst auf, als bei einem Pfarrer, der nur vorübergehend bei uns war, mir plötzlich die Lesungen und Evangelien "länger" vorkamen als "sonst". Zuerst dachte ich ja, das sei Einbildung... aber offensichtlich lassen viele Pfarrer nur die Kurzfassungen lesen - (etwa damit sie früher mit dem Gottesdienst fertig sind? Und auch die Gottesdienstbesucher nicht so lang bleiben müssen? Oder warum?)
Mein Gefühl war aber, dass durch die längeren Lesungen auch eine ganz andere Vertiefung in die Bibelstellen erfolgen kann bzw. man die Zusammenhänge auch besser versteht. Und diesen Eindruck hatte ich, ohne zunächst groß theoretisch über Lang- und Kurzfassungen Bescheid zu wissen.
Priestern und Gläubigen, denen die Messe etwas bedeutet, werden diese paar Minuten doch jedenfalls nicht "zu lang" sein. Oder?

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Warum es die Kurzfassungen gibt und sogar in den "Langfassungen" zum Teil hahnebüchene Auslassungen zu finden sind, hat einen dermaßen säkular-banalen Grund, daß ich es ohne vertrauenswürdige Quellenangabe nicht geglaubt hätte. Tja. Jetzt bin ich froh, daß wir überhaupt noch Lesungen haben und nicht nur "Slogans". (Bei Ungeduld in der verlinkten Quelle nach "Klosterneuburg" -- ja, genau dieses jenes -- suchen.)

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke, der Link ist ja sehr interessant; die Sache mit der Gesamtzahl kann ich, glaub ich, nicht nachvollziehen – liebe Güte, wieviel Sekunden kann man da denn einsparen? Die einzige Ausnahme dürfte m. E. der Montag der 5. Fastenwoche sein. Ansonsten (Slogans): man möge doch bitte die Leute nicht immer für völlig blöd halten.

Man muß vor diesem Hintergrund erwähnen, daß wir hier eigentlich so gut wie immer zwei Lesungen haben (obwohl mancher der Gewohnheit, bei einem Hochfest unter der Woche eine der beiden ersten Lesungen zu stornieren, einfach nicht entsagen kann). Erfreulicherweise hören wir auch vorzugsweise die Langfassung. Warum das Lektionar überhaupt diese „Gerippe“ an Texten anbietet, darüber kann ich mich nicht genug wundern.

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