Mittwoch, 16. Januar 2013

Der Friedensgruß

Eine Anmerkung der Mitschwester von den Meßimpressionen hat mich drauf gebracht: der Friedensgruß. Mit diesem ist es so eine Sache, eigentlich hab ich ihn, natürlich auch abhängig von Form und Gegebenheiten, zeitlebens eher als etwas empfunden, das mich in emotionalen Streß versetzt, etwa, wenn dieses Zeichen des Friedens und der Versöhnung von jemandem entboten wird (manchmal tagtäglich, weil die Sitzordnung so ist) der einem den Friedensgruß auf eine Weise reicht, daß es über einen hingeht wie ein Guß kaltes Wasser. Oder diejenigen, die den Gruß nur denen spenden, die sie erkennbar gut leiden können, während die anderen ihnen sichtbar Luft sind. Nicht schön und jedenfalls für einen schüchternen Menschen eine Qual.

Ich kann aber anerkennen, daß es andere gibt, denen der Austausch des Friedensgrußes viel bedeutet und hatte dabei durchaus auch schon bewegende Momente bis hin solchen, die nicht ohne Situationskomik daherkamen.

Was, glaub ich, viele nicht wissen – woher auch? – der allseitige Austausch des Friedensgrußes nach den Worten des Priesters Der Friede des Herrn sei allezeit mit euch ist optional, das heißt, der Priester kann es tun oder auch nicht; und es liegt am Zelebranten (oder auch am Diakon) die Gemeinde dazu aufzufordern, entweder mit Worten oder durch entsprechendes Handeln: gibt er jemandem den Friedensgruß, „dürfen“ die anderen natürlich auch.[1] Vertieft sich der Zelebrant jedoch ins stille Gebet vor dem Agnus Dei, wäre es unhöflich, ihn und alle anderen, die dasselbe tun möchten, durch den bewegten und halblauten Austausch des Friedensgrußes in der Andacht zu stören. Auch nicht besser ist es, wenn irgendein armer Meßdiener das Lamm Gottes anstimmt, da der Priester schon bei der Brotbrechung angelangt ist, und nur ein Teil der Gemeinde respondiert; die anderen friedensgrüßen.

Der Ministrant oder auch der Organist sind angehalten, mit dem Lamm Gottes zu beginnen, wenn der Zelebrant nach den liturgischen Gefäßen greift (das schreibe ich deshalb, weil ich mich als „Volk“ früher darüber gewundert hab, wieso der Ministrant den Austausch des Friedensgrußes scheinbar manchmal ziemlich abrupt abschnitt und ich dachte, kann der nicht einen Moment warten? Kann er nicht.)

Als schön und würdig hat es sich hierzukirch erwiesen, wenn die Ministranten sich zum Agnus Dei niederknien. Mir ist eh nie eingängig geworden, wieso ich dabei stehen sollte, zumal ich beim Herr ich bin nicht würdig, diesem schlichten Wort des Glaubens und Zutrauens des Hauptmanns von Kapernaum, sowieso knie. Diese einfache und schöne Geste zum Lamm Gottes bringt zum Ausdruck, worum es jetzt geht: Hingabe und Sammlung, denn auf dem Altar ist der Herr selbst gegenwärtig.

____
[1] Daß die Antwort auf „Der Friede sei mit Dir“ „Amen“ sein soll, hat mich jetzt grade doch ziemlich überrascht. Also, das hab ich noch nie gesagt…

Kommentare:

jeannedarc hat gesagt…

Also, ich habe auch so meine Problemchen mit dem Friedensgruss. Insbesondere das exzessive, über mehrere-Bänke-hinweg-geschüttele. Es bringt so eine Unruhe im Moment vor dem Agnus-Dei, wo man eigentlich innere Sammlung nötig hätte. Ich muss gestehen, wenn bisweilen bei Werktagsmessen der Friedensgruss(beim Volk)entfällt, dann mache ich innerlich einen Seufzer der Erleichterung. Oft ist es aber auch einfach so, dass die nächsten Messbesucher etwas weiter weg sitzen, dann nickt man sich einfach zu. Das fände ich überhaupt bei weitem ausreichend.
Ausserdem habe ich es nicht gerne wenn ich im Sommer anderer Leute angeschwitzte, bzw. im Winter angehustete und angerotzte(tschuldigung) Flossen schütteln muss.
L.G. J.d.A.

Braut des Lammes hat gesagt…

Ach, da hab ich eigentlich keine Berührungsängste – wenn jemand etwas weiter entfernt steht, find ich aber die Verneigung meist angemessener. Wegen der eingangs erwähnten inneren Anspannung bin ich aber meist auch froh, wenn es gleich mit dem Lamm Gottes weitergeht.

Schön wärs ja auch, wenn man irgendwann dem Gedanken näherträte, den Friedensgruß an eine andere Stelle zu verlegen, vor die Gabenbereitung vielleicht.

Admiral hat gesagt…

Es gab ja schon mal Überlegungen, den Friedensgruß, wie Du sagst, vor die Gabenbereitung zu verlegen.

Zum Thema "exzessives Händeschüttel" möchte ich der Vollständigkeit halber noch auf den entsprechenden Passus in Redemptionis Sacramentum hinweisen:


71. Der Brauch des römischen Ritus, sich kurz vor der heiligen
Kommunion den Friedensgruß zu geben, soll bewahrt werden, wie es
im Ordo der Messe bestimmt ist. Gemäß der Tradition des römischen
Ritus hat dieser Brauch nicht den Charakter der Versöhnung oder der
Sündenvergebung, er ist vielmehr Ausdruck des Friedens, der Gemeinschaft
und der Liebe vor dem Empfang der heiligsten Eucharistie.
[... Kommentar zu Bußakt zu Beginn der Messe ...]
72. Es ist angebracht, „dass jeder in schlichter Weise nur seinen
Nachbarn
den Friedensgruß gibt“. „Der Priester kann den Friedensgruß den Dienern geben, bleibt aber immer innerhalb des Presbyteriums,
um die Feier nicht zu stören. Dies soll er auch beachten, wenn er aus einem vernünftigen Grund einigen wenigen Gläubigen den
Friedensgruß entbieten will“.

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke für die Ergänzung, Admiral. Ich hab die AEM hatte konsultiert, die schreibt:
… Die Gemeinde antwortet Und
mit deinem Geiste. Der Priester kann dann, den örtlichen Gewohnheiten entsprechend, hinzufügen Gebt einander… (Nr. 154) und

Der Priester kann das Friedenszeichen denen geben, die einen besonderen Dienst ausüben, wobei er jedoch immer im Chorraum bleibt, damit die Feier nicht gestört wird.

(Hervorhebung von mir). Daraufhin hatte ich überlegt, ob nicht vielleicht sogar der eigentliche Friedensgruß die Akklamation des Priesters oder Diakons und die Antwort der Gemeinde sei.

Jorge hat gesagt…

Hier im Rheinland kenne ich es seit Kindertagen auch nur so, dass man sich (ggf. nach dem Friedensgruß) zum Agnus Dei und zum Kommuniongebet des Hauptmanns hinkniet.

Dass die Entbietung dieses Grußes optional ist und vom Zelebranten dazu aufgefordert werden muss, ist m.E. den meisten Kirchgängern meines Alters (40+) noch geläufig. Jedenfalls gab es in den 70er und 80er Jahren hier noch eine ganze Reihe Priester, die nach Vaterunser und Doxologie eine (manchmal beinahe demonstrativ) innerliche Körperhaltung einnahmen oder die Augen schlossen und ganz schnell "Lamm Gottes ..." sagten, offenbar um zu verhindern, dass irgendein kindischer Mensch auf die Idee kommt, mit dem Händeschütteln zu beginnen. Für mich hatte das bisweilen etwas Verbiestertes, was der Andacht nach meinem Geschmack viel abträglicher war als der Austausch einer freundlichen Geste des Wohlwollens im Angesicht des Allerheiligsten.

Die Schwierigkeiten, die manche Leute mit dem Friedensgruß an dieser Stelle haben, habe ich nie verstanden. Meinem Vater bspw. war der Friedensgruß immer suspekt und unangenehm, er mochte diesen Moment überhaupt nicht. Er hielt das für "amerikanischen Firlefanz" und eine "Unart"; entzog sich dem auch bisweilen, indem er sich weit von anderen weg stellte oder eine demonstrativ abwesende Miene aufsetzte.

Als Kind und Jugendlicher hatte ich immer den Eindruck, der Friedensgruß sei irgendetwas Progressives und als Konservativer müsse man dagegen sein. Warum, war mir aber schleierhaft.

Später habe ich länger in Südeuropa gelebt und dort keinen derartigen Widerwillen vorgefunden, auch nicht bei konservativen Gläubigen. Das hierzulande häufiger geäußerte Misstrauen (ist doch alles nur Show, gespielt, stört die Sammlung, lenkt ab vom Wesentlichen, macht Jesus zur Nebensache etc.) gab es dort nicht. Daher kam ich zu dem Schluss, dass das im Wesentlichen eine Mentalitätsfrage ist: Für das eher distanzierte deutsche Gemüt wirkt unpassend, zerstreuend, störend oder gar unecht, was dem Romanen als natürlicher Ausdruck seiner Lebensart erscheint.

(Forts. in einem zweiten Kommentar wg. Überlänge)

Jorge hat gesagt…

(Forts. wg. Überlänge)

Joseph Ratzinger, der die Verlegung des Grußes vor die Gabenbereitung anregt (Geist der Liturgie, S. 146), scheinen ähnliche Bedenken zu quälen, wenn er (ebda., S. 183) beklagt, dass "bei der gegenwärtigen Ordnung durch den Friedensgruß häufig eine große Unruhe in der Gemeinde entsteht, in die dann sehr unvermittelt die Einladung hineinplatzen kann, auf das Lamm Gottes zu schauen." Er fährt fort: "Wenn in einem Augenblick der Stille wirklich alle die Augen des Herzens auf das Lamm richten, kann dies eine Zeit des gesegneten Schweigens werden."

So sehr ich das Anliegen, stille Momente in der Messe im Umfeld des Hochgebets und des Kommunionempfangs (und nicht nur da) zu ermöglichen, teile und entschieden unterstütze, so unverständlich ist mir doch das Empfinden Ratzingers und anderer, die mit dem Friedensgruß verbundene Unruhe könne die Andacht und Hinwendung zu Jesus gefährden oder sei gar (das sagt er nicht ausdrücklich, man könnte ihn aber so lesen) ein Ausdruck des "gewaltsamen Machens" (vgl. ebda., S. 146).

Natürlich darf dieses Grüßen nicht zum gruppendynamischen Spielchen verkommen. Niemand soll den Gruß "gewaltsam" vom Banknachbarn einfordern, und es soll auch nichts sein, zu was man sich widerwillig verpflichtet fühlt oder was man nur aus Anstand tut, um die Erwartungen anderer nicht zu enttäuschen oder um nicht als "Spielverderber" und Eigenbrödler dazustehen.

Wer das doch so empfindet, sollte die Schuld aber (so meine ich) nicht zuerst bei der "gegenwärtigen Ordnung" der Liturgie suchen, sondern das eigene Verständnis von Sammlung und Gebet in der Liturgie hinterfragen. Gerade in der Innerlichkeit vor dem Altar ist die Hinwendung zum Nachbarn etwas Großartiges, existenziell Wichtiges und Erhabenes. Jesus wird damit nichts weggenommen, im Gegenteil. Innerlichkeit hat ja auch etwas Egoistisches, Verschlossenes, und gerade das meldet sich und fühlt sich genervt oder gestört von anderen und von der Unruhe, mit sie mir "mein" Gebet oder "meine" Andacht versauen. Die "negative Energie" (etwas Besseres als dieses esoterische Schlagwort fällt mir gerade nicht ein), die ich bei einer solchen "Störung" durch andere empfinde, kommt doch nicht von dem anderen, sondern aus meiner eigenen Unachtsamkeit und Unduldsamkeit.

Der Friedensgruß ist m.E. gerade in diesem Moment des anbetenden Vor-Gott-Stehens wertvoll, weil er aus der Gefahr selbstgenügsamer Vereinzelung befreit und mir sowohl selbst bewusst macht, dass ich nicht allein vor Gott stehe, als auch Gelegenheit gibt, dem Nachbarn dies zu zeigen und meinen inneren Frieden mit ihm zu teilen. Gerade im Moment der Sammlung vor der Begegnung mit Gott ist das sinnvoll, meine ich. Es kommt doch nicht darauf an, wie gesammelt ich bin und wie gut ich konzentriert bin, sondern darauf, dass Jesus gegenwärtig ist und mein Banknachbar auch.

Gute biblische Argumente *für* eine Verlegung vor die Gabenbereitung gibt es natürlich schon. Das ist durchaus nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar sind für mich aber die Argumente, die *gegen* den Gruß an seiner jetzigen Stelle sprechen sollen.

Vielleicht ist es aber wirklich eine Mentalitätsfrage.

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke für den ausführlichen Kommentar, Jorge. Vielleicht ist das ein kleines Mißverständnis: es ging mir weniger darum, daß mir der Friedensgruß an sich "suspekt" wäre, es ist eher so, daß ich mich dabei oder davor manchmal so verkrampfe - warum, steht im Artikel - daß der Friedensgruß zumindest meiner Andacht mehr abträglich ist als daß er sie fördert. ´

Auch gehe ich mit dem Ratzingerzitat völlig d'accord: es schafft manchmal wirklich eine große Unruhe, mancher Zelebrant rennt vom Altar weg durch die ganze Kirche (dem sakramentalen Herrn auf dem Altar dabei den Rücken zuwendend) andere Gläube umrunden ebenfalls einmal mehrere Bankreihen - das alles ist unschön und zieht die Gemeinde vom Wesentlichsten der Heiligen Messe ab: der Herr selbst in in den eucharistischen Gestalten gerade auf dem Altar gegenwärtig. Und eben weil er Gegenwärtig ist, gilt es alle Kräfte und Sinne darauf auszurichten.

Auf diesen Punkt zielten meines Erachtens auch die Bestrebungen, den Friedensgruß vor die Gabenbereitung zu verlegen, zumal man dann in Einklang mit dem Gebot bevor du deine Gabe zum Altar bringst wäre. Zusammen vor Gott stehen wir in der ganzen Liturgie, es muß - meiner völlig unmaßgeblichen Meinung nach - nicht gerade in diesem stillen Moment und anbetenden Moment auf diese Weise zum Ausdruck gebracht werden, zumal wir auch gemeinsam vor Gott still sind und ihn gemeinsam anbeten.

Jorge hat gesagt…

Dass dir der Friedensgruß in der Messe an sich "suspekt" wäre, hatte ich nicht angenommen, nein. Unschöne Gedanken über dich liegen mir ohnehin ganz fern, dafür schätze ich deine Blogbeiträge und die darin aufscheinenden spirituellen Qualitäten viel zu sehr.

Ich musste als Kind bei dem Thema "Störung der Andacht durch Ablenkung beim Friedensgruß" immer an die Geschichte von der hl. Thérèse denken, wie sie sich vom dauernden Klappern der Rosenkranzperlen einer Mitschwester in der Betrachtung gestört fühlte (mittlerweile wissen wir, dass es nicht der Rosenkranz, sondern das lockere Gebiss der Nonne war, was ständig klapperte; die Quelle war hagiographisch geschönt worden und die Originalfassung wurde vor einiger Zeit publiziert). Die Lösung kennst du sicher auch: Gerade das, was vordergründig zu stören scheint, ist eigtl. eine Brücke zu Gott und führt zur vertieften Begegnung mit dem Lebendigen, wenn man sich darauf einlässt und aufhört, sich innerlich dagg. zu wehren. Sicher, der Kontext ist ein anderer (es geht nicht um Liturgie, sondern um kontemplatives Gebet), aber irgendwie schien mir das vergleichbar.

Es ist also nicht so, dass ich den Kontrast zwischen anbetender Konzentration auf das Altargeschehen und Begrüßung des Banknachbarn oder der von Bank zu Bank rennenden Kinder nicht wahrnähme. Ich empfinde diese "Unruhe" nur eben nicht als Störung oder Ablenkung vom Wesentlichen, ganz im Ggt. Gerade das, was einen scheinbar in die Banalität alltäglicher Sozialkontakte zurückzwingt (sogar mit den manchmal negativen zwischenmenschlichen Konnotationen, wie du sie schilderst – Unsicherheit, Affekte, evtl. sogar Falschheit, Missgunst oder Missachtung, obwohl ich sowas ehrlich gesagt beim Friedensgruß in der Kirche eigtl. nie erlebe), macht die Wirklichkeit der Situation viel erfahrbarer und greifbarer. Wir stehen eben tatsächlich vor Jesus, ganz real und so wie wir sind; es ist kein geistlicher Schein, auf den man sich konzentrieren muss, um das "Gefühl" für seine Gegenwart nicht zu verlieren, er ist einfach da und lässt sich anschauen und anbeten, schaut aber auch auf seine Gemeinde und sieht ihr zu, wie sie sich gegenseitig lieben (oder es wenigstens versuchen). Angst davor, ihm kurzzeitig den Rücken zuzuwenden oder sich sonstwie "danebenzubenehmen" ist da m.E. ganz fehl am Platz.

Für mich ist der Friedensgruß gerade an dieser Stelle der Messe ein Moment, der das Mitleid des real anwesenden Christus mit den real anwesenden Gläubigen besonders dicht zum Ausdruck kommen und mich daran Anteil nehmen lässt. Meine Augen, die auf die Nachbarn schauen und ihnen Frieden zusprechen, haben Teil am mitleidigen Blick des Heilands auf jeden Einzelnen von ihnen, und umgekehrt natürlich spiegeln ihre Blicke seinen Blick auf mich. Umso bewusster sprichst du anschließend das Lamm Gottes, das "hinweg nimmt die Sünde der Welt", während du das Lamm anschaust und ihm die Schwerfälligkeit und Mattheit, aber auch die Freundlichkeit, Fröhlichkeit oder Aufgeschlossenheit deiner Banknachbarn und deiner selbst ans Herz legst.


P.S.: Übrigens bin ich vorhin durch Zufall auf dein "Bekennerschreiben" von vor einem Jahr auf der Freiburger Bistumsseite gestoßen und habe entdeckt, dass wir offenbar Berufskollegen sind, was deine Werte auf meiner Sympathieskala noch einmal tüchtig nach oben schnellen ließen, mir aber auch einiges an deinem Denken verständlicher macht.

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