Samstag, 22. Dezember 2012

Wer zwei Gewänder hat…

Als ich in diesem Beitrag von den „wandernden Gedanken“ zu den Lesungen schrieb, meinte ich zwar auch den Apostel, hauptsächlich aber das Tagesevangelium, denn über den Ratschlägen des Täufers auf die Frage seiner Zuhörer, was sollen wir tun?, sind meine Gedanken ins Wandern geraten. (Interessant ist übrigens, daß der Täufer den Soldaten und Zöllnern nicht geraten hat, unverzüglich den Dienst zu verlassen, sondern sie nur zur Mäßigung mahnt.)

An uns aber: Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso (Lk 3,11) – Mein lieber Schwan, wenn ich mir das so überlege! Es fängt schon damit an, daß ich von vielen Sachen keine zwei habe, so habe ich etwa nur eine vernünftige Winterausstattung und die ist auch nicht neu; aber auch von den Dingen, von denen ich zwei habe: gebe ich davon immer eines dem Armen, der keines hat? Johannes hat dies überdies zu einer Zeit gesagt, in der ein Gewand womöglich im Verhältnis teurer war (also anteilig mehr von einem Tageslohn gekostet hat) als heute. Andererseits haben heutzutage wenige die Möglichkeit, sich ein Gewand selbst zu weben, und auch das Tragen geerbter Gewänder ist irgendwie außer Gebrauch gekommen.

Gut, ich habe keine zwei Mäntel, bin also im Bezug auf den Mantel vielleicht erstmal nicht gefragt. Der Kirchenlehrer Gregor der Große führt hierzu aus:  wenn nur eines geteilt wird, wird niemand damit bekleidet. Auch das Gebot der Nächstenliebe fordert als Maxime nicht, den einzigen Mantel oder das einzige Gewand wegzugeben, denn man soll seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Darum hat der hl. Martinus wohl seinen Mantel geteilt, sein Gewand aber anbehalten.

Wer um der Liebe Christi willen die Welt verläßt, soll seinen Besitz verkaufen und den Erlös den Armen geben. Er braucht womöglich keinen Mantel mehr oder er wird ihm gegeben, wenn er ihn nötig hat. Ich kenne einen Konvent, der zusammen mehrere warme Jacken besitzt, diejenigen anziehen, die zu der Stunde gerade eine brauchen.

Zurück zum Evangelium: der Rat des Täufers – auch ein „evangelischer“, wenn man so will, – ist eine ernsthafte Anfrage an uns alle, denn von den Dingen, von denen ich mehr als eines habe, Sommerkleider etwa, gebe ich auch nicht das zweite den Armen (falls das erste in der Wäsche ist oder kaputtgeht). Ich kann mich auch nicht besinnen, bisher den Inhalt meines Kühlschranks oder der Speisekammer halbiert zu haben und mit der Hälfte zu den Armen gegangen zu sein. Und immer so weiter. Das heißt nicht, daß ich gar nichts teile, aber immer eines von zweien ist es nicht.

Johannes der Täufer ist eine ernsthafte Anfrage an die ganze Kirche. An mehreren Tagen der Woche sehe ich einen Mann, der in einem Gebüsch haust (buchstäblich), dort kampiert er unter einem zerfetzten dunkelgrünen Sonnenschirm. Einen Mantel hat er jedenfalls nicht, allenfalls einen abgetragenen Pullover. Manchmal, wenn der Mann seine Touren hat, ist die Begegnung auch nicht so sehr angenehm, weil man sich im Dunkeln, wenn man auf dem Bürgersteig vorübergeht, schon heftig erschrecken kann, wenn er plötzlich aus dem Gebüsch springt. Einmal allerdings hat er mich unter dem Ausruf von Sieg Heil! am Arm gepackt und heftig geschüttelt (da war ich im Schleier, weil ich von einem Gottesdienst kam). Das war natürlich nicht so toll. Nichtsdestoweniger, die meiste Zeit ist der Mann völlig harmlos, schenkt mir sogar Blumen und Zweige. Ob er wenigstens jetzt zu Weihnachten die Möglichkeit hat, irgendwohin zu gehen, konnte ich wegen wirrer Reden indes nicht herausbekommen. Die karierte Holzfällerjacke, die ich noch zu Hause habe, wird dem Mann nicht passen, er ist zu groß und dick dafür. Der grüne Sonnenschirm und der Mann im Pullover sind gegenüber einer katholischen Kirche, an der ein Bischof wohnt. Ich frage mich, ob der Bischof, der vielleicht zwei Gewänder hat, schon einmal auf die Idee gekommen ist, eines dem Mann zu geben oder auch die Hälfte seines Essensvorrates?

Der Mangel an tatsächlichem Ernstmachen mit dem Evangelium bei denen, die es doch gerade tun sollten, ist, hört man ein solches Evangelium, bestürzend. Als in der Verfilmung von Morris Wests Roman In den Schuhen des Fischers der neugewählte Papst Kiril Lakota bei seiner Krönung die Tiara wieder abnimmt und das Vermögen der Kirche weggeben will, „damit wir unseren Überfluß teilen, mit den vielen, die gar nichts haben“, hab ich mich ernsthaft und lange Zeit gefragt, wieso tun wir das eigentlich nicht? Ich meine, es ist schon klar, daß das eine Romanfigur war, aber warum tun wir es eigentlich nicht? Alle zusammen oder jeder für sich? Und so ruft die Stimme in der Wüste: bereitet dem Herrn den Weg. Wer zwei Gewänder hat, gebe dem eines, der keines hat. Und ich bleibe weiterhin hinter dem Anspruch zurück und schäme mich deswegen. Das Zeichen der Mittelmäßigen.

Kommentare:

Psallite Deo hat gesagt…

Das Gefühl kenne ich - man sollte eigentlich, aber man tut es doch viel zu wenig. Keine Zeit, zu bequem, zu geizig - aber andererseits geht es wirklich nicht immer. Ich kannte mal eine ältere Frau, die ihre ganze Rente nach Sri Lanka geschickt hat und dann selber in einer Armenküche essen mußte oder so ähnlich - und das finde ich dann wieder übertrieben.
Wobei ich generell dafür bin, mit Naturalien zu helfen, nicht unbedingt immer mit Geld, zumindest bei Leuten, die einen auf der Straße nach Kleingeld fragen. Ich hole solchen Leuten, wenn möglich, Kaffee oder ein belegtes Brötchen o.ä., und die, die es wirklich nötig haben und nicht Geld für Drogen wollen, nehmen das auch dankbar an.

Braut des Lammes hat gesagt…

Das mit der ganzen Rente dürfte wahrscheinlich eben das sein, was der hl. Gregor gemeint hat, das geteilte Gewand, mit dem keiner bekleidet wird.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Das ist in der Tat ein heikles Thema, selbst wenn man es in unsere Zeit mit Suppenküchen, Kleiderkammern und sozialem Netz übersetzt.

Ich habe das ähnlich wie Psallite für mich gelöst, indem ich auf Anfrage möglichst wörtlich versuche einzugehen ... ich biete an, etwas Sättigendes zu kaufen oder was für den benötigten Fahrschein draufzulegen. Allerdings gehe ich dann mit, etwa zum Fahrkartenautomaten, und oft haben sich die Bittsteller dann sehr plötzlich verabschiedet - das macht die Sache letztlich nicht einfacher, weil das Mißtrauen den Hilfsbedürftigen gegenüber natürlich wächst.

Was man tun kann: Es gibt heute viele lokale Initiativen, die Ehrenamt unterstützen und organisieren. Wir haben sowas hier im Stadtteil und natürlich mit mehr Anfragen als mit Helfern. Es geht drum, einmal die Woche einem anderen Menschen verlässlich etwas Zeit zu schenken, sei es als Besuchsdienst in Heimen, als Unterstützung (etwa Einkaufen oder so) oder mit Nachhilfe oder was auch immer. Vielleicht bist du in diese Richtung selbst auch schon aktiv, ansonsten ist man in der Regel sehr willkommen. Wenn man sich nicht so einer Initiative anschließen will, kann man auch einfach mal im nächsten Altenheim fragen, ob dort Hilfe dieser Art nützlich sein könnte ...

Braut des Lammes hat gesagt…

Ehrenamtlich immer gerne (ich gebe etwa kostenlos Nachhilfe, meist ausländischen Kindern) und wenn einer um eine Essensspende bittet, würde ich nach Möglichkeit auch helfen. Die Erfahrung mit dem Fahrkartenautomaten hab ich allerdings leider auch schon gemacht.

Bei diesem Mann ist es halt so, er bittet gar nicht bzw. ich könnte wohl auch nicht herausbekommen, was er konkret braucht – alles, wahrscheinlich. Stattdessen verschenkt er Blumen.

Lauda Sion hat gesagt…

Die Fragen kenne ich zu gut. Als Frau hat man es da allerdings nicht so leicht und muss auch vorsichtig an das Ganze ran gehen. Bei meiner Arbeit im Obdachlosencafé habe ich gelernt, dass viele - weil von der Gesellschaft ausgeschlossen und teilweise aufgrund echt derber Kindheitsgeschichten auch keinen Wert auf Gruppenzugehörigkeit legen- viele verlieben sich schlagartig in jemanden, der einfach nur nett und hilfsbereit ist. Das sind sie nicht gewohnt.

Gestern kam mir allerdings eine Idee, als ich an einem jungen Mann der beinahe täglich in der Fußgängerzone sitzt (mit Dreadlocks): Wenn er morgen Mittag (da muss ich den vorbestellten Braten abholen) wieder da sitzt, werde ich mit ihm irgendwo schön Essen gehen. Ich werde ihn nach seiner Geschichte fragen und ihm ggf. meine Geschichte mit Gott erzählen. Dann macht er sich auch keine falschen Hoffnungen. Und ich würde ihm sagen, dass er ok ist wie er ist und ich auch keinen Wert auf gewisse Gruppen in unserer Gesellschaft lege, aber dass es eben auch andere Menschen gibt. Und dann würde ich ihm zum Schluss noch sagen, dass er in meinen Gebeten ist.

Hoffentlich sitzt er morgen da, Weihnachten hat irgendwie was besonderes :))

Lauda Sion hat gesagt…

P.S.: Beei Leuten, die so auf Schleier o.ä. reagieren rate ich allerdings davon ab!! Ohne Impuls jemandem zu helfen mache ich auch nichts mehr. Auch durch Gutes tun kann man vom eigentlichen abgelenkt werden...

Braut des Lammes hat gesagt…

Das mit dem Schleier kann Koinzidenz gewesen sein, es kann – da ich mich losgemacht habe und von dannen eilte und somit nichts weiter über seine Bewußtseinslage zu dem Zeitpunkt weiß – auch dran gelegen haben, was er vorher konsumiert hat oder wie verwirrt er an diesem Abend grade war.

Weihnachten hat wirklich was Besonderes. Dir gesegnete Festtage, danke für die vielen netten Kommentare und vor allem für das Präsent, das die Mitbewohner erreicht hat. Ich muß noch Pfotos, äh, Fotos, von ihnen damit machen.

Anonym hat gesagt…

Hallo,liebe Braut,
das mit der Armut und den geteilten Gaben ist ein Thema,das mir auch auf dem Herzen brennt.
Ich arbeite nebenbei bei der Tafel,und gebe von meinem Gehalt an die Obdachlosenstation. Es muß aber auch Sinn machen.Ein doppeltes Sommerkleid nützt wohl nichts.
Es bringt mehr,wenn man sich erkundigt,was die Leute wirklich benötigen und ihnen dann das kauft (Z.B.Schlafsäcke)Ich versuche darauf zu hören,was Gott mir in der jeweiligen Situation sagt,was ich tun soll.Und in dem man sich vergegenwärtigt,das "mein" Geld eigentlich Gott gehört.
Vergißt man aber leider schnell,wenn etwas lockt,was man haben möchte...
Liebe Grüße,Nicole-Mathea

Lauda Sion hat gesagt…

Ja, auf jeden Fall Photos machen ;) hoffentlich mögen sie's.
Er (Tim) saß vorhin übrigens da und hat sich ein schon bisschen gefreut. Ist ein ganz ganz Lieber. Jetzt muss er dann "nur" zum vereinbarten Treffpunkt erscheinen :)

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