Dienstag, 11. Dezember 2012

Jungfräulichkeit und Ehe

Bei diesem Beitrag auf dem Blog von Pro spe salutis kam ich ins Nachdenken. Wie schon dort im Kommentarbereich angemerkt, halte ich die umgangssprachliche Bezeichnung des Hochfestes der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria im Deutschen als „unbefleckte Empfängnis“ manchmal eher für etwas ungünstig, denn über die Bedeutung des Wortes „unbefleckt“ scheinen sich viele nicht recht im klaren. Im-makulata, wörtlich, ohne Makel, heißt, ohne den Makel der Erbsünde empfangen, mit dem der Mensch seit Adams Sündenfall geboren wird. Unbefleckt ist dabei nicht etwa zu verwechseln mit „ohne Zutun eines Mannes“ (durch das sich diejenigen etwa „befleckt“ , also mit Schuld beladen hätten).

Die Kirche lehrt über die Gottesmutter, daß sie von ihren Eltern auf natürliche Weise empfangen und geboren wurde, jedoch ohne den Makel der Erbsünde. Das Wunderbare, das der Geburt der Gottesmutter laut dem Protoevangelium des Jakobus vorangeht ist, daß, wie bei der Geburt ihres Sohnes und im übrigen auch der des Vorläufers, Johannes' des Täufers, Engel von der bevorstehenden Erwartung eines Kindes künden. Das Erscheinen eines Engels ist in der Heiligen Schrift immer Ausdruck des unmittelbaren Willens und Eingreifens Gottes selbst. Zu Maria, so lehrt der hl. Papst Gregor der Große, kam ein Erzengel, denn er brachte die höchste Botschaft.

Die Botschaft des Engels an Anna ist: Du wirst empfangen und gebären, und man wird von deiner Nachkommenschaft reden auf dem ganzen Erdkreis. Als nächstes hören wir von Anna: Jetzt weiß ich, daß Gott der Herr mich reichlich gesegnet hat, denn siehe, die Witwe ist nicht mehr Witwe, und ich, die Kinderlose, siehe, ich habe im Leibe empfangen. Mit einer Umarmung war es also nicht getan, Details des Ehelebens Joachims und Annas zu beschreiben, wäre allerdings unwürdig.

Das Protoevangelium des Jakobus ist nicht im Kanon der Schriften enthalten. In Bezug auf den Schriftkanon hat Pfr. Christoph Karlson vor Jahren in der Akademie einmal ausgeführt:
Warum gibt es wohl vier Evangelien und nicht acht und nicht ein einziges Evangelium? Warum gehört der Clemensbrief nicht dazu? Dafür aber der Hebräerbrief? Der Kanon ist eine Art Notlösung – eine Verteidigung gegen Vereinfacher, gegen Logiker wie Marcion im 2. Jahrhundert, gegen jene, die den Rotstift ansetzen, weil es Dinge gibt in der Freiheit der Kirche, auf die man sich keinen Reim machen kann. Es muß uns zu denken geben, daß die westliche Kirche 15 Jahrhunderte ohne definierten Schriftkanon auskam, erst die Reformation hat hier ja den entscheidenden Anstoß gegeben. Und dieser fehlte im Osten, wo es immer noch keinen wirklich verbindlichen Kanon gibt, wir wissen um altorientalische Kirchen, wie die Äthiopier, die selbstverständlich an ihrem Henochbuch festhalten. Der Kanon ist offensichtlich nicht exklusiv zu verstehen – sondern gewissermaßen minimalistisch: wenigstens diese Schriften sind unter dem Anhauch des Heiligen Geistes geworden.
Man kann sich also durchaus einmal darüber wundern, warum etwas nicht Eingang in den Kanon der Schrift gefunden hat, man kann meines Erachtens aber aus der Tatsache, daß etwas nicht zum Kanon gehört, nicht ableiten, die Schrift per se als legendarisch oder gar unwahr anzusehen. Zumal sie manchmal in Wiedergaben auch oft noch eine gewisse Mutation erfährt, da der genaue Wortlaut oft wenig bekannt ist, schon weil diese Schriften nicht beständig in der Liturgie dem Volk Gottes vorgelesen werden.

So habe ich jüngst mit einiger Überraschung gehört, das Jakobusevangelium berichte, daß Maria zu den Tempeljungfrauen gehört habe – nur hätte es im Tempel aber gar keine Tempeljungfrauen gegeben. Das ist meines Erachtens halb falsch und halb richtig. Es stimmt, daß es im Tempel keine Tempeljungfrauen gegeben hat. Indes steht das aber auch nicht bei Jakobus. Dort wird berichtet, daß die Eltern Marias die dreijährige Maria dem Tempel zur Obhut gaben, um das Gelöbnis zu erfüllen, das sie Gott gegenüber getan hatten. Sie lebte daher Jakobus zufolge im Tempel, obwohl dies sonst nicht der Brauch war.

Die Kirche macht keine Aussage darüber, daß die Eltern Mariens nicht ein ganz normales Eheleben geführt hätten; es scheint allerdings auch nicht weiter von Interesse – der Stammbaum Jesu erwähnt die Eltern Mariens nicht einmal. Glaubenslehre der Kirche ist, daß Maria Christus jungfräulich empfangen und geboren hat, denn sie erfüllt die Verheißung des Propheten Jesaja: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel – Gott mit uns – geben. Diesen Sohn nennt die Kirche den Sohn der jungfräulichen Mutter und den Bräutigam derer, die im Stand der Jungfräulichkeit leben.

Es ist nicht Leibfeindlichkeit, daß die Kirche die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen hochschätzt und sie als etwas Erhabenes ansieht, das sonst nur den Engeln gegeben ist. In der Tat lehrt die Kirche hierzu, was bereits im Konzil von Trient dogmatisch festgelegt wurde:
Wer sagt, der Ehestand sei dem Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibates vorzuziehen, und es sei nicht besser und seliger, in der Jungfräulichkeit und dem Zölibat zu bleiben, als sich in der Ehe zu verbinden: der sei anathema (ausgeschlossen).[1]
Ich schreibe das nicht aus einem gewissen Dünkel heraus, mir scheint lediglich, daß manche Dinge viel zu selten gesagt werden und ihre leise Stimme daher im Lärm anderer unterzugehen scheint. Mit dem Niedergang der Hochschätzung der Jungfräulichkeit als Wert geht auch der Niedergang der Wertschätzung des zölibatären Priestertums einher, das kann man, glaub ich, eindeutig feststellen.

Wenn wir dagegen auf das schauen, was uns vom Herrn selbst vorgelebt und überliefert wird, so finden wir: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.

Manche haben sich selbst dazu gemacht… – der Apostel zog bekanntlich die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen anderen Lebensformen so sehr vor, daß er wünschte, alle könnten es erfassen, indes klar vor Augen hatte, daß es eben nicht allen gegeben ist. Aus diesem Grunde nennt man beide Lebensformen, die Ehelosigkeit wie die Verbindung zweier Menschen in der Ehe, keusch, die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen wird auch vollendete Keuschheit genannt.

Und doch stehen sich Jungfräulichkeit und die Ehe nicht feindlich oder sich gegenseitig verachtend gegenüber, denn der Jungfräuliche um des Himmelreiches willen sucht in den Augen der Kirche einzig, was das Sakrament der Ehe bedeutet: die Verbindung Christi mit seiner Kirche. Ohne die Verbindung christliche Eheleute gäbe es wiederum keine Kinder, die wiederum einmal ihr Leben Gott weihen oder selbst christliche Eheleute werden.

Jungfräulichkeit oder ein eheloses Leben um des Himmelreiches gewählt zu haben, beziehungsweise von Gott dazu erwählt worden zu sein, bedeutet nicht Leibfeindlichkeit. Es bedeutet manchesmal allerdings tatsächlich, seine Augen und seine Gedanken in eine andere Richtung zu wenden, hin zu Christus, denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

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[1] Can. 10. Si quis dixerit, statum coniugalem anteponendum esse statui virginitatis vel caelibatus, et non esse melius ac beatius, manere in virginitate aut caelibatu, quam iungi matrimonio [cf. Mt 19,11s; 1 Cor 7,25s 38 40]: anathema sit.

Kommentare:

Stefan hat gesagt…

Zum Protoevangelium nach Jakobus hört man immer wieder, diese und diese Erzählungen stammten daraus. Das ist sicherlich nicht richtig, denn der Verfasser hat sicherlich nicht sich alles ausgedacht, sondern auch und sicherlich mehrheitlich Glaubensvorstellungen seiner Zeit in Schriftform gefasst. Es wurde kein Roman geschrieben und plötzlich hat die Volksfrömmigkeit einige Bilder daraus übernommen, sondern andersherum ist richtig.

Braut des Lammes hat gesagt…

Das stimmt. Zudem mag er nicht nur Glaubensvorstellungen seiner Zeit in Worte gefaßt haben, sondern auch ihm Überliefertes. Meines Erachtens kann man das nicht so alles in Bausch und Bogen abtun.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Im Blick auf die Entwicklung des Kanon der biblischen Bücher würde ich eine zu historische Betrachtungsweise als zu kurz gesprungen halten. Letztlich ist es - nicht nur neben, sondern über und in allen Auseinandersetzungen, welche Bücher zuzuzählen sind - Wirken des Heiligen Geistes: Und so hat es eben doch einen tieferen Grund, warum wir die vier Evangelien, bestimmte Briefe und Propheten (und andere nicht) als "Wort des lebendigen Gottes" hören.

Natürlich mögen auch im "Jakobusevangelium" Berichte enthalten sein, die Tatsachen spiegeln, aber das Wirken des Geistes hat diese Schrift nicht der Glaubensentfaltung erschlossen; und auch dies wird Gründe haben.

Zu den Tempeljungfrauen: Die Vorstellung, eine Dreijährige wäre zur Erziehung dem Tempel überantwortet worden, ohne daß eine entsprechende Institution dafür vorhanden gewesen wäre, scheint mir nicht minder abwegig als die Annahme, es hätte eine entsprechende Institution am Tempel gegeben. Gerade hier hat sich der Kult Israels streng von heidnischen Gepflogenheiten abgegrenzt.

Fazit: Diese ganzen apokryphen Texte sind mit Vorsicht zu genießen. Manches darin mag wahr sein, so einiges aber ist fromme Phantasie ... ganz zu schweigen von anderen unsäglichen "Kindheitsevangelien", die den Herrn als mörderischen Terrorknaben schildern.

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