Mittwoch, 12. Dezember 2012

Fackelfeuer

An dem Ort, aus dem ich komme, gibt es ein jahrhundertealtes Brauchtum, demzufolge man am Heiligenabend zur Feier der Geburt Christi sogenannte Fackelfeuer entzündet. Am Heiligen Abend nach dem Gottesdienst zieht man mit Fackeln – kleine Handfackeln und übermannshohe Schwenkfackeln – auf zwei Berge, den Schloßberg und den Hellesberg, wo die Holzstöße angezündet werden; dabei spielen traditionell Bläser altes adventliches und weihnachtliches Liedgut wie Tochter Zion.

Das Ganze wird übrigens als eine Art Mannschaftssportart betrieben, dergestalt, daß die Stadt in zwei Lager aufgeteilt ist (früher einmal waren es drei), die Tälemer und die Hellesberger. Für beide errichten Freiwillige vorher in mühevoller Arbeit – Arbeitsbeginn am Heiligen Abend: sechs Uhr morgens – je einen Holzstoß mit einem Tannenbaum oben drauf. Die Mannschaft, deren Tannenbaum zuerst umstürzt und ins Feuer fällt, hat verloren. Aus diesem Grund wird natürlich einiges an Ehrgeiz und Arbeit investiert, den eigenen Haufen so zu schichten, daß er möglichst lang und schön brennt. Ist der Fackelhaufen fertig, wird geböllert. Das Holz für die Fackelfeuer wird nach altem Brauch geschlagen, gesammelt und traditionell auch gestohlen, weshalb zu den Schriftlichkeiten aus der Historie des Fackelns auch die Niederschrift mindestens einer Gerichtsverhandlung wegen gestohlenen Fackelholzes gehört.

Als einigermaßen eigenartig ist mir das Jahr in Erinnerung geblieben, als das Fernsehen beim Fackeln drehen wollte. In jenem Jahr lag aber zu Weihnachten nicht genug Schnee, auch paßte es dem Drehteam wohl Heiligabend nicht so gut. Also wurde für Mitte Februar ein zweites Fackelfeuer zum Drehen angesetzt, komplett mit Bläserchorälen und allem, natürlich ohne Gottesdienst vorher und ohne Heiligabend-Würstchen mit Kartoffelsalat und Mitternachtsmesse nachher, und wir stiegen abermals mit Fackeln auf den Berg und sangen Tocher Zion. Da kann einem auch als Kind zu Bewußtsein dringen, wie blödsinnig es ist, einem Brauchtum seine Wurzeln abzuschneiden, um einer Inszenierung willen. Also Fackeln ist ohne Heiligabend nicht komplett und der Heiligabend nicht ohne Fackeln.

Holz fürs Fackeln wird schon einige Zeit vorher gesammelt
historisches Bild vom Fackelfeuerbau
es geht voran beim Aufbau
I'm a lumberjack and I'm OK…
Entzünden der Holzstöße – die größten
Handfackeln sind über fünf Meter lang




Kommentare:

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Der Ort fängt aber nicht zufällig mit "A" an ... ;-)

Braut des Lammes hat gesagt…

Nicht möglich, wie kommst du darauf? ;)

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Im Nordschwarzwald gibts diesen Brauch auch ...

Braut des Lammes hat gesagt…

Das hat mich jetzt überzeugt, daß ich ein Schwarzwaldlabel brauche…

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