Donnerstag, 20. Dezember 2012

Der Kerker der Finsternis und die Fessel der Schuld − Advent


Benedicite Deus schreibt hier über unadventliches im Advent und die Aussöhnung bei kleinen Streitigkeiten in der Vorbereitung auf das Fest der Geburt Jesu Christi. Manchmal beschäftigt mich der Gedanke, wie ist das bei größeren Wunden, die das Leben dem einzelnen Menschen schlägt und ernsthaften Zerwürfnissen, in die er gerät? Nicht die Dinge, die im Affekt gesagt (oder auch getan) werden, sind ja oft die schlimmsten, sondern dasjenige, das aus kalter Überlegung heraus gesagt wird. Wie ist das, wenn einer die Aussöhnung möchte, dem anderen mangelt es aber an jeglichem Unrechtsbewußtsein? Vielleicht komme ich darauf, weil Weihnachten vor einem Jahr ein solches Ereignis zwischen einem Menschen und mir gestanden hat und es auch vor diesem Fest immer noch dasteht.

Der Herr selbst gibt dem Petrus auf die Frage, wie oft er seinem Bruder vergeben müsse, zur Antwort, nicht siebenmal sondern siebenundsiebzig Mal. Womit sicher nicht gemeint ist, daß man eine Strichliste anlegt und beim achtundsiebzigsten Mal dann sagt, nö du, das war jetzt einmal zuviel. Gemeint ist die grundsätzliche Bereitschaft zur Vergebung.

Der Aquinate nennt als Vorgehensweise bei einer zugefügten Beleidigung zwei Wege: daß der Beleidiger den Beleidigten aufsucht und um Vergebung bittet oder aber, daß der Beleidigte den Beleidiger aufsucht.
Zu beachten ist, daß es zwei Weisen, zu verzeihen, gibt. Die eine ist die der Vollkommenen und besteht darin, daß der Beleidigte den Beleidiger aufsucht, Ps 34,15: Suche den Frieden! Die andere ist die allen bekannte, zu der alle verpflichtet sind. Sie besteht darin, daß dem um Verzeihung Bittenden der Beleidigte verzeiht, Sir 28,2: Vergib das Unrecht deinem Nächsten, dann werden deine Sünden auch vergeben, wenn du bittest. – Daraus fließt uns eine Seligkeit zu: Selig die Barmherzigen. Die Barmherzigkeit bewirkt, daß wir uns unseres Nächsten erbarmen.
Aus beidem können sehr fruchtbare Gespräche und manchmal auch neue Verhaltensweisen erwachsen, dem anderen zu begegnen. Was aber, wenn der Beleidiger, weit entfernt davon, irgendetwas einzusehen, die Gelegenheit, bei der der Beleidigte ihn aufsucht, nutzt, nochmal ordentlich nachzutreten und so die ursprünglich zugefügte Verletzung sogar noch verschlimmert? Derjenige, der mit dem Gedanken an Aussöhnung oder sogar Heilung der Verletzung gekommen ist, kommt sich unter Umständen nun auch noch dumm vor − und doch ist er es nicht, kam er doch in guter Absicht.

Auch die, denen eine tiefe Wunde geschlagen worden, denen ein großes Unrecht widerfahren ist, wie auch die, die an ihnen schuldig geworden sind, gehören zu denen, die in der Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, denn es ist wirklich ein Schatten auf sie gefallen und sie liegen in den Ketten der Schuld.

Vor Jahren hat uns in der Akademiekirche am Allerseelentag unser früherer Pfarrer eine Predigt gehalten, bei der ich den Tränen nahe war. Es ging um die Vergebungsbereitschaft der Kinder gegenüber ihren eigenen Eltern, und ich dachte, was ist mit den Kindern, denen von ihren Eltern schwerstes Unrecht zugefügt worden ist, die von ihnen mißhandelt, gequält, mißbraucht oder „einfach nur“ nicht geliebt worden sind (weil diese Menschen vielleicht selbst emotionale Krüppel und zur Liebe unfähig sind)? Sollen auch sie siebenundsiebzig Mal vergeben? Und dann ging die Predigt genau über dieses Thema.

Eine grundsätzliche Antwort auf die Frage gibt es wohl nicht. Sicher ist, daß es für eine Wunde keine wirkliche Heilung geben kann, solange man im Groll verharrt.

Auch spielt der Gedanke der Sühne bzw. der Bitte um Vergebung hier eine wichtige Rolle, und daß einer überhaupt irgendwann das Gefühl dafür entwickelt, daß er etwas Unrechtes getan hat − ein Prozeß, der manchmal Jahre dauern kann, manchmal tritt dieses Ereignis vielleicht auch überhaupt nicht ein, oder derjenige, der das Unrecht erlitten hat, erfährt es nie. Wer es bei der Erziehung etwa völlig in Ordnung findet, einem kleinen Kind zur Strafe die Hand an den glühenden Ölofen zu halten (oder für sich zu der Ansicht kommt, es wäre völlig in Ordnung gewesen, schließlich hätte ihn das Kind dazu getrieben), wird nicht um Vergebung bitten.

Führt es auch hier nicht zur Einsicht, wenn derjenige, dem Unrecht zugefügt worden ist, den Schuldiggewordenen später aufsucht − es mag ihm indes selbst helfen − dann kann man mit dem Unrecht, mit der Wunde, um nicht dabei stehen zu bleiben,  wahrscheinlich nichts tun, außer sie Gott darzubieten, sie ihm gleichsam hinzuhalten, wie es die Blinden und Lahmen getan haben, auch die Aussätzigen, daß er sie heile. Er wird es verstehen und zu seiner Zeit das Rechte tun.

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