Dienstag, 20. November 2012

…und den Menschen gleich − Gott und das Leiden in der Welt

Christus als Mann der Schmerzen an der Geißelsäule
(Lukas Cranach d. Ä., 1515)
Auf meinem Blog ist jemand mit der Suchanfrage „Gott sollte wegen des Leidens auf der Erde vor Gericht gestellt werden“ gelandet (gefunden hat der Leser dann schönerweise Meister Eckhart). Gott den Prozeß machen, weil es auf der Welt immer noch soviel Leiden, Dunkelheit, Schuld und Trauer gibt? Gott, dessen Geist wir als Schöpfergeist anrufen: veni, creator spiritus!

Mich macht solche Frage oder Aussage − vielleicht ist es ein Aufschrei − bestürzt und auch traurig. Dazu gäbe es soviel zu sagen, indes ist derjenige ja über eine Suchmaschine gekommen. Angefangen vielleicht beim einfachsten: Gott und das Leiden auf der Welt sind nichts voneinander Getrenntes oder etwas, das man auseinanderdividieren könnte. Als Gott Mensch wurde, hat er selbst schwer gelitten. Nun wäre vielleicht einer in Versuchung, zu sagen, das nützt den Leidenden auf der Welt auch nichts. Die Antwort darauf ist aber: doch! Die Erkenntnis, das Christus aus Liebe zu ihnen Leiden und Sterben auf sich nahm, hat das Leben unzähliger Menschen verändert.

Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich; hymnische Zeilen des Apostels an die Gemeinde in Philippi, die im Stundengebet so oft wiederholt − wiedergekäut, wie einige Kirchenlehrer sagen − werden, daß man sie bald verinnerlicht hat und den ganzen Hymnus auswendig kann. (Bei schlechter Sicht am Ambo habe ich ihn einmal auswendig vorgetragen, eigentlich wäre mir nach Singen zumute gewesen, denn der Hymnus gehört zu den Cantica des Stundengebetes.)

Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er selbst dem Menschen gleich wurde, und zwar gerade im Leiden: er war Entrechteter, Gefangener, Leidenender, ein um den Freund Trauernder, Verratener, Gefolterter und zum Tode Verurteilter, von Angst erfüllt und mit einem Leib wie wir: Keine Gestalt hatte er und keine Schönheit, ein Mann der Schmerzen, mit Krankheit vertraut, heißt es an der dritten Kreuzwegstation, wenn Jesus das erste Mal unter dem Kreuz fällt, in Bezug auf eines der Lieder des Propheten Jesaja vom Gottesknecht: Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Das Bild des Leidenden schlechthin. Er wurde geboren, nach dreiunddreißig Jahren gefoltert, hingerichtet und begraben. Was könnte Gott selbst dem Leiden und dem Leidenden näher bringen? Er hat es sich nicht nur ganz aus der Nähe angesehen, er hat es durchlebt.

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