Montag, 19. November 2012

Sternenstaub und Kometenschweife – die Berliner Gaslaterne

gestern abend: ein Anblick, den es bald
vielleicht schon nicht mehr gibt?
Jens Jessen von der ZEiT hat einen bemerkenswerten und eigentlich poetischen Artikel über die von der Ausrottung bedrohte Berliner Gaslaterne geschrieben. Über eintausend von ihnen wurden allein seit Anfang dieses Jahres abgebaut, ohne daß man sich dessen recht gewahr wurde, nahezu alle sollen es noch bis zum Ende dieser Legislaturperiode des Senats werden, denn der Berliner Senat will die Gaslaternen aus verschiedenen Epochen bis auf wenige Ausnahmen durch neue und moderne Beleuchtung ersetzten.
Das sanfte Gaslicht, das sich in der Dämmerung mit feinem Sirren einschaltet und im Betrieb von jenem leisen Zischen begleitet wird, das in der Literatur des 19. Jahrhunderts so oft beschrieben wurde, ist der letzte Ausweis der untergegangenen Metropolenkultur Europas. Muß man Berliner sein, um sein Verschwinden als Schaden für das Stadtbild, als Heimatverlust, als letzte brutale Modernisierung im Geiste einer technokratischen Zukunft zu empfinden? Schneeflocken, wenn sie im Gaslicht tanzen, verwandeln sich in goldenen Sternenstaub, Regentropfen bekommen einen Kometenschweif. Und die banalen Fassaden, denen Krieg und Nachkrieg den Schmuck geraubt haben, gewinnen noch einmal die Illusion von Pilastern, steinernen Girlanden und Karyatiden. Als Kind konnte man sich den Spaß machen, mit dem Fuß gegen den Laternenmast zu treten; die Erschütterung löschte die Flamme. Es war etwas Verletzliches und Lebendiges um das Gaslicht, das dem nächtlichen Flaneur das Gefühl gab, er sei nicht allein.

Das Barbarische an dem Technokratenbeschluß besteht in der Meinung, es gehe im Leben um Funktionalität allein. Im öffentlichen wie im privaten Leben geht es aber nicht darum, daß alles so perfekt und billig, so wartungsarm und schadstoffrei wie möglich funktioniert. Ein solches Leben ist kein menschliches Leben. Der Mensch selbst ist nicht perfekt, nicht billig, nicht wartungsarm und auch nicht schadstoffrei – und seine Stadt muß es auch nicht sein. Die Stadt muß ihm Heimat geben.
Dem habe ich wenig hinzuzufügen. Wirklich, ich verstehe den Berliner Senat immer weniger, und zu Recht nennt Jessen die Beschließer Barbaren.

An den wunderschönen Gaslaternen mit ihrem warmen gelben Licht wie dem Sternenstaub und den Kometenschweifen kann ich mich immer wieder freuen. Überhaupt sehe ich die Tendenz nach immer mehr und immer härterem weißen Licht mit einer gewissen Besorgnis. Es macht schöne Orte häßlich und häßliche Orte jedenfalls nicht schöner: an manchem U-Bahnhof hat man neuerdings das Gefühl, man wäre unversehens in der Schlachterei oder der Margarinefabrik herausgekommen. Hartes Licht, soviel ist durch die Forschung nachgewiesen, macht aggressiver, zudem fördert es Krankheitssymptome wie die Neigung zu Migräne oder Panikattacken. Was das nicht nur für eine Großstadt bedeutet, kann man sich ausrechnen. Anstatt also die Umgebung zunehmend zu verhäßlichen, sollte man daher lieber etwas dafür tun, sie durch weichere Beleuchtung zu verschönern.

Wenn altehrwürdige Gaslaternen etwa womöglich durch solch scheußliche Lichtstäbe ersetzt werden wie am Bebelplatz geschehen (das müssen die häßlichsten „Laternen“ unter der Sonne sein), dann gute Nacht! In neuen Straßenlaternen steckt aber für einige das große Geld, worauf ein weiterer Artikel der ZEiT den Finger legt. Für neue Laternen werden Millionen Euronen ausgegeben. Das heißt, es entsteht noch nicht einmal eine Ersparnis (im Gegentum), das Geld wird nur anders kanalisiert – den Schaden haben die Berliner. Nicht schön.

Gut gefallen hat mir die kreative Aktion, mit der vor nicht allzulanger Zeit der Baumbestand am Gendarmenmarkt gerettet wurde: eine Bürgerinitiative gab den Bäumen einfach Namen und hängte ihnen Holzschilder um (witzigerweise waren die meisten Bäume nach katholischen Heiligen und Kirchenvätern benannt: Chrysostomus, Hyacinth, Perpetua, Johannes Evangelista). Resultat: die Bäume bleiben stehen. Eine Möglichkeit, auch für den Erhalt der geliebten Gasleuchten zu kämpfen, bevor heimlich, still und leise das schöne und im wahrsten Sinne des Wortes unbezahlbare Licht ausgeht?

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