Dienstag, 27. November 2012

Ochs und Esel an der Krippe – zum neuen Papstbuch

Als ich gestern einen Artikel im Telegraph las, Nativity donkeys and cattle are a myth, says Pope, der sich auf das gerade erschienene Buch des Heiligen Vaters über die Kindheitgeschichten Jesu bezieht, wurde ich der Überschrift wegen neugierig, auch klang es für mich irgendwie nicht sehr nach Benedikt XVI.

So schreibt Nick Squires vom Telegraph in einer kurzen Zusammenfassung seines Artikels
und fügt im Verlauf ergänzend hinzu, das läge daran, daß die Tiere in den biblischen Berichten nicht erwähnt würden.
Benedict writes in a new book on Christ that contrary to popular belief, Jesus's birth was not presided over by oxen, asses, camels or indeed any other beasts.
Dazu dachte ich mir, ohne jetzt den Papst belehren zu wollen, vielleicht erwähnt das Evangelium die Tiere auch einfach deshalb nicht, weil es einfach selbstverständlich ist, daß in einem Stall Tiere sind. Ein Stall ohne Tiere ist kein solcher, sondern ein Schuppen, und warum hätte sich dort eine Futterkrippe befinden sollen?
Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. (Lk 2, 6-8)
Der Evangelist Matthäus spricht nicht von einem Stall, sondern von dem Haus, in dem das Kind geboren war, Markus fängt in der Mitte an, indem er mit der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer beginnt, und Johannes schreibt seinen wunderbaren Prolog über das Wort, das bei Gott war und das Gott war.

Schade wärs jedenfalls in der Ikonographie wie in der Krippenaufstellung um die gemütvollen Tiere, die zu meiner eigenen Freude oft mit freudigem Gesichtsausdruck dargestellt werden oder den neugeborenen Jesus sogar mit der Zunge lecken. Dazu kommen später noch die Tiere der Hirten (von denen im Evangelium sehr wohl die Rede ist) und die Reittiere der Sterndeuter. Wer die Krippe stückweise aufstellt – das heißt, in der Adventszeit mit dem leeren Stall anfängt und dann nach und nach, ihrem Eintreffen an der Krippe zufolge, die Figuren dazustellt –, hat ebenfalls seine Freude daran.

Der Heilige Vater beschreibt jedoch in seiner schönen Weise etwas anderes, er verweist auf die Tradition und den Glauben und legt die Stelle zugleich aus. Nebenbei bemerkt, sieht man an dieser Passage auch, daß man dieses Buch des Heiligen Vaters wirklich gut lesen kann.
Die Futterkrippe verweist – wie gesagt – auf Tiere, für die sie Nahrungsstätte ist. Im Evangelium ist hier von Tieren nicht die Rede. Aber die gläubige Meditation hat in ihrem Zusammenlesen von Altem und Neuem Testament sehr früh diese Lücke ausgefüllt, indem sie auf Jes 1,3 verwies: Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht. 
Peter Stuhlmacher weist darauf hin, daß wohl auch die griechische Version von Hab 3,2 mit hineinspielt: Inmitten zweier Lebewesen wirst du erkannt werden … wenn die Zeit gekommen ist, wirst du erscheinen. Mit den zwei Lebewesen sind offenbar die zwei Cherube gemeint, die nach Ex 25, 18-20 auf der Deckplatte der Bundeslade die geheimnisvolle Anwesenheit Gottes anzeigen und verbergen. So würde die Krippe irgendwie zur Bundeslade, in der geheimnisvoll geborgen Gott unter den Menschen ist und vor der für „Ochs und Esel“, für die Menschheit aus Juden und Heiden, die Stunde der Erkenntnis Gottes gekommen ist. 
In der merkwürdigen Verbindung von Jes 1,3, Hab 3,2, Ex 25,18 und der Futterkrippe erscheinen nun die beiden Tiere als Darstellungen der an sich einsichtslosen Menschheit, die vor dem Kind, vor dem demütigen Erscheinen Gottes im Stall zur Erkenntnis kommt und in der Armseligkeit dieser Geburt die Epiphanie empfängt, die nun alle sehen lehrt. Die christliche Ikonographie hat schon früh dieses Motiv aufgegriffen. Keine Krippendarstellung wird auf Ochs und Esel verzichten.

Kommentare:

Zagorka hat gesagt…

"It is like they have an editorial board meeting to decide just how wrong they can get a story" ...
so Jeff Miller auf Patheos (http://www.patheos.com/blogs/happycatholicbookshelf/2012/11/jesus-of-nazareth-the-infancy-narratives/)

Gereon Lamers hat gesagt…

Ein überaus trefflicher Beitrag, liebe Kollegin! Danke!

Gereon

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke, auch für den Link; ich hatte mich vor dem Schreiben des Beitrags nicht weiter umgetan, schon weil das Buch grad so schön angekommen war. :)

Beim CNN scheint man es besser und differenzierter verstanden zu haben:
http://cnn.com/video/?/video/bestoftv/2012/11/23/exp-pope-book.cnn

Anonym hat gesagt…

Ist das nicht ziemlich nebensächlich?

Braut des Lammes hat gesagt…

Nö, für mich nicht – was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall.

Es gibt hier eine Diskrepanz zwischen dem, was der Heilige Vater tatsächlich geschrieben hat und dem, was herausgelesen und in den Medien wiedergegeben wird. Anderswo ist diese Diskrepanz noch viel größer, wie ich sehe. Wer das Buch mit „Im dritten Band rechnet der Heilige Vater mit der altbekannten Weihnachtsgeschichte ab“ zusammenfaßt, hat es meiner Meinung nach nicht oder allenfalls diagonal gelesen.

Im übrigen gibt es natürlich auch keine Gesetzmäßigkeit, derzufolge man nicht über Nebensächliches bloggen dürfte. :}

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